Stadtrat Herbert See (l.) mit Dr. Leon Weintraub. FOTO: PM
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Stadtrat Herbert See (l.) mit Dr. Leon Weintraub. FOTO: PM

"Wie Vieh behandelt"

  • vonred Redaktion
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Rosbach(pm). Der 94-jährige Dr. Leon Weintraub, der heute in Stockholm lebt, hat es sich zum Ziel gesetzt, der Welt zu berichten, zu welchen Gräueltaten Menschen fähig sind. Bei einem Zeitzeugengespräch in der Adolf-Reichwein-Halle berichtete Weintraub, was seine Familie und er im Holocaust erleben und erleiden mussten.

Zu Beginn wurde der 94-Jährige von Stadtrat Herbert See, der den erkrankten Bürgermeister Steffen Maar vertrat, sowie von Ober-Rosbachs Ortsvorsteher Christian Lamping, der diesen Abend gemeinsam mit der Kulturabteilung organisiert hatte, begrüßt. Weintraub hatte seinen Vortrag unter das Motto "Ich bin ein Sieger" gestellt. "Ich wünsche mir, dass Menschlichkeit, Toleranz und der europäische Gedanke siegen werden. Nur in einem gemeinsamen Europa werden wir die augenblickliche Krise und den Nationalismus überwinden können. Machen wir uns alle gemeinsam stark dafür", sagte See.

Leon Weintraub wurde 1926 im polnischen Lodz geboren und musste viele Jahre unter menschenunwürdigen Verhältnissen im Getto Litzmannstadt sowie in mehreren Konzentrationslagern leben und Zwangsarbeit leisten. Im August 1944 wurde er mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Ganz sachlich erzählte Dr. Weintraub am Abend ohne Manuskript von seinen damaligen Erlebnissen und beschrieb Dinge, die sich die Zuhörer nicht vorzustellen vermochten. So manche Träne rollte, als der 94-Jährige beschrieb, wie er den Einmarsch der deutschen Truppen in seiner Heimatstadt erlebte, wie die Selektion der Lagerinsassen in Auschwitz-Birkenau vonstatten ging oder auch was wirklicher Hunger für ihn bedeutet: "Ihr denkt vielleicht, ihr habt Hunger, wenn ihr mal nach einem langen Tag ohne Zeit für eine Mittagspause nach Hause kommt. Wir konnten uns fünf Jahre und acht Monate nicht satt essen. Der Hunger war allgegenwärtig. Für acht Leute gab es einen Laib Brot, Suppe und Kohlrüben. Wir wurden wie Vieh behandelt. Es war oft kaum zu ertragen."

Zum Ende seines Vortrags betonte er, dass er sich für das Leben entschieden habe und deshalb Arzt und Geburtshelfer geworden sei: "Wenn Sie einen Kaiserschnitt machen, dann sehen Sie, dass unter der Haut alle Menschen gleich sind. Wir alle werden als Menschen geboren, und ich hoffe, dass Ihr Menschen bleibt."

Seine Botschaft war klar: "Die Erinnerung an das Geschehene lebendig zu halten, ist eine Art Gewähr dafür, dass so etwas nie wieder vorkommt. Das Schlimmste ist das Vergessen."

Ein Video von diesem Abend kann auf dem Youtube-Kanal der Stadt Rosbach eingesehen werden.

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