Die Orgel des kleinen Mannes

Rosbach-Rodheim (sky). »Das Harmonium ist das Keyboard der alten Zeit«, sagt Martin Geisz, Organist und pensionierter Lehrer aus Rodheim. Für ihn liegen die Vorteile des aus der Mode gekommenen Instruments klar auf der Hand.

Andere gaben dem Tasteninstrument klangvolle Namen wie »Hallelujah-Pumpe« (wegen seines häufigen Einsatzes in Kirchen) oder »Orgel des kleines Mannes« (wegen seiner Beliebtheit in bürgerlichen Häusern). Was der Orgel, der »Königin aller Instrumente«, Ton und Volumen gibt, das braucht auch das Harmonium: Luft. Doch da hört die Gemeinsamkeit auch schon auf.

»Bei der Orgel wird die Luft über einen Blasebalg durch die Pfeifen gedrückt, beim Harmonium werden Metallzungen zum Klingen gebracht – ähnlich wie bei einer Mundharmonika«, erklärt der Rodheimer Organist Martin Geisz die Unterschiede. Der Vorteil des Harmoniums liegt für ihn auf der Hand: Es hat kein großes Gewicht, keinen zentnerschweren Gussrahmen, der der Spannung der Saiten standhalten muss. Und es hat keine – teils schwergewichtigen – Orgelpfeifen. »Für die Feldgottesdienste während der beiden Weltkriege hat man das Instrument im Rucksack von Ort zu Ort gebracht.«

Doch es gab auch andere Varianten, die den Älteren noch geläufig sind. So die »klavierartig« aussehenden Instrumente mit ein oder zwei Tastenreihen (Manualen) und vielen Knöpfen darüber, die man herausziehen oder hineinschieben kann, um unterschiedliche Klangfarben oder Tonlagen zu erzeugen (Register). Die Tonstärke wird über zwei Klappen unter dem Spieltisch geregelt, die mit den Knien bedient werden. Alexandre Debain hatte 1842 in Frankreich das Patent erhalten und eine gewinnbringende Serienproduktion gestartet.

Mäusefraß am Blasebalg

Bevor aber aus dieser genialen Erfindung eine Melodie herauskommt, hat der Harmonium-Spieler Fußarbeit zu leisten. Denn irgendwo muss der Wind ja herkommen, der den Metallzungen einen Ton entlockt. Mittels zweier Fußpedale, die im Wechsel ununterbrochen getreten werden, wird der »Magazinbalg« – vergleichbar mit dem Blasebalg einer Orgel – mit Wind versorgt. Sobald eine Taste gedrückt wird, entweicht der Druck aus dem Magazin, ein Ton entsteht.

In den meisten Fällen jedenfalls. »Wer Harmonium spielt, sollte nicht zu spitze Schuhe tragen, denn damit läuft er Gefahr, den Riemen zu zerreißen, der den Balg bedient«, warnt Geisz. Dann heißt es: Ton aus. Ansonsten sei das Instrument aber pflegeleicht, und die Spieler auch meist in der Lage, anfallende Reparaturen selbst vorzunehmen.

Deshalb sei man den vielen Vorzügen des Harmoniums auch nicht gerecht geworden, als man es in den 1960er Jahren vielerorts durch Elektronik-Orgeln ersetzte, findet der Rodheimer. »Im 19. Jahrhundert war das Harmonium so beliebt, dass man in Deutschland über eine halbe Million Instrumente verkaufte.« Einige von ihnen stünden jetzt nur noch in verstaubten Ecken herum, und nicht alle seien noch spielbar.

In Ockstadt und Ilbenstadt hat Geisz noch zwei Exemplare gefunden, die im Wesentlichen noch intakt sind. »Auch in der Schule im Hessenpark steht noch eins, aber das funktioniert nicht mehr.« Häufigste Ursache: Mäusefraß am Blasebalg.

In der Blütezeit des Harmoniums wurden ihm viele eigene Kompositionen gewidmet. Richard Strauss und Guiseppe Verdi, Carl Orff oder Max Reger und Franz Liszt wussten die Vielseitigkeit des Instruments zu schätzen – konnte man mit seiner Hilfe doch ganze Orchesterpartien ersetzen. So kam es, dass es nicht nur in Kirchen oder Privathäusern einen Platz fand, sondern bald zum Bestandteil von Salonorchestern wurde und in Konzert- und Opernsälen zum Einsatz kam. »In Stummfilmkinos untermalte es die Filme musikalisch, und bei der allerersten Rundfunksendung am 22. Dezember 1920 spielte eine Geige – begleitet vom Harmonium«, berichtet Geisz. Der Vorteil, das Harmonium als Orchesterersatz einsetzen zu können, wird auch heute wieder zunehmend erkannt. Geisz: »Vor allem junge Leute, die auf der Jazz-Salon-Orchester-Spur musizieren, wissen das zu schätzen und nutzen die breite Vielfalt.« Auch der Liedermacher Wolf Biermann begleitete sich gern auf einem Harmonium – nicht selten zusammen mit Männerchören.

Buch soll erscheinen

Und Martin Geisz, dessen Vater ebenfalls seine Zuneigung zu dem einst so beliebten Tausendsassa pflegte, kann es ebenfalls nicht lassen, sich an jenes Instrument zu setzen, für das es Hand und Fuß braucht.

Vor rund 25 Jahren hatte er in einer Zeitung ein Kaufgesuch gestartet – »Suche Harmonium«. Ein alter Jugendfreund bot ihm daraufhin ein Schätzchen aus alten Tagen an. Voll funktionsfähig, Modell etwa 1912, gebaut bei Aloys Maier in Fulda. »Der Klang des Harmoniums ist so original romantisch, und es gibt bis heute kein elektronisches Instrument, das ihn nachahmen kann«, sagt Geisz. Ob man die Nachahmung jener sanft schwingenden Töne nicht gewollt hat (weil derzeit vielleicht nicht zeitgemäß), oder einfach nicht gekonnt, dazu hat er noch keine Antwort gefunden. »Beides kann stimmen.«

In jedem Fall hat Geisz sich darangesetzt, ein Buch über jenes Tasteninstrument zu schreiben, für dessen Anschaffung es vor mehr als 150 Jahren viele gute Argumente gab, welche auch in heutiger Zeit wieder an Bedeutung gewonnen haben: Es kostete wenig Geld, brauchte wenig Platz und hatte kurze Lieferfristen. Darüber hinaus ist es leicht zu bedienen, wartungsfreundlich und erzeugt mit wenig Personaleinsatz eine Klangfülle, für die man anderenfalls tief in die Honorar-Tasche greifen müsste.

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