Auf dem Weg nach Hause ist Lisa Gärtner vor über einer Woche ein Motorradfahrer entgegengekommen. Er zog nicht wieder auf seine Spur und die beiden prallten zusammen. FOTO: SVEN-SEBASTIAN SAJAK/PRIVAT
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Auf dem Weg nach Hause ist Lisa Gärtner vor über einer Woche ein Motorradfahrer entgegengekommen. Er zog nicht wieder auf seine Spur und die beiden prallten zusammen. FOTO: SVEN-SEBASTIAN SAJAK/PRIVAT

Facebook-Botschaft

Nach tödlichem Unfall bei Rosbach: Beteiligte wendet sich mit bewegenden Worten an die Helfer

  • vonKatharina Gerung
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Das Geräusch des Aufpralls und die Minuten danach wird Lisa Gärtner nie mehr vergessen. Trost sind ihr die vielen Menschen, die zur Hilfe eilten. Für sie schrieb sie eine bewegende Botschaft.

Mehr als eine Woche ist es nun her. Der 9. September war ein schöner Tag. Sonnig, warm, mit strahlend blauem Himmel. Lisa Gärtner erinnert sich noch genau daran. Um die Mittagszeit fuhr sie wie jeden Tag auf der B 455 zurück nach Rosbach - heim zu ihrer kleinen Tochter. Zwischen der A5-Anschlussstelle Friedberg und Rosbach kam ihr ein Motorradfahrer entgegen - auf ihrer Fahrspur. Dort blieb er und kam immer näher. Gefährlich nah, zu nah.

"Ich habe gebetet, dass er wieder auf seine Spur zieht", sagt Gärtner heute. Die Stimme der 31-Jährigen zittert. Er tat es nicht. Die Sekunden zwischen dieser Erkenntnis und dem Aufprall seien surreal gewesen. Während sie in ihrem Wagen von der Fahrbahn schlitterte, drehte sich die Welt um sie herum und versank anschließend in rauchenden Airbags. "Das schlimmste, war das Geräusch", sagt sie, "ein widerlicher Knall." Metall auf Metall. Knackendes Plastik. Splitterndes Glas.

Unfall bei Rosbach: Nach der Erleichterung kam das Entsetzen

"Ich lebe. Ich kann meine Tochter wiedersehen. Ich kann ihre warme, kleine, weiche Hand wieder halten" - die ersten klaren Gedanken kamen mit einer Woge der Erleichterung. Dann packte sie das Entsetzen. "Meine Gedanken haben sich überschlagen", sagt Gärtner. Wo ist der Motorradfahrer? Lebt er noch? Kann mein Auto Feuer fangen? Was muss ich nach einem Unfall beachten? Wie in Trance habe sie plötzlich an den Jahre zurückliegenden Fahrunterricht denken müssen: "Ich habe vorbildlich die Handbremse angezogen, den Schlüssel abgezogen und bin ausgestiegen."

Gut vier Stunden war der betroffene Abschnitt der Bundesstraße anschließend gesperrt. Was genau bis zu ihrem Transport ins Krankenhaus passierte, bekommt Gärtner nicht mehr ganz zusammen. "Ich war nicht zurechnungsfähig", sagt sie. "Und dann fing ich an zu hyperventilieren." An was sie sich allerdings erinnert, sind die Menschen, die aus ihren Autos auf sie und den Motorradfahrer zurannten. "Zwei Männer haben mich auf den Grünstreifen gebracht", sagt sie. Einer versuchte, sie zu beruhigen, der andere schirmte sie vor dem Anblick des Motorradfahrers ab. "Ich konnte nur an eines denken", sagt sie. "Hat meine Anwesenheit gerade einen anderen Menschen das Leben gekostet?"

Unfall bei Rosbach: Viele Menschen zögerten nicht, zu helfen

Wie Gärtner später erfuhr, verstarb der Mann noch an der Unfallstelle. "Ich will, dass seine Familie weiß, dass er nicht alleine war", sagt Gärtner leise. "Da waren so viele Menschen, die einfach menschlich waren." Gärtner kann kaum in Worte fassen, wie dankbar sie den Fremden für ihre Hilfe war. Immer noch ist. "Ich hab mich nie bei ihnen bedankt. Ich konnte es damals nicht." Das habe sie nicht mehr losgelassen. In der Hoffnung, dass diese Menschen es lesen würden, verfasste sie auf ihrer Facebook-Seite eine bewegende Botschaft, die hundertfach geteilt wurde.

Darin richtet sie ihren Dank nicht nur an die beiden Männer, die sie beruhigten, sondern auch einen jungen Mann in Zoll-Uniform, der versuchte, den Notruf zu wählen, aber keine Verbindung bekam. An eine Frau in Warnweste, die den Verkehr regelte. An Fremde, die ohne zu zögern versuchten, den Motorradfahrer zu retten. An eine Rettungssanitäterin, die Feuerwehr und die Polizei. "Ihr seid meine Helden", schreibt sie, und: "Ich hoffe, ihr lest das hier und wisst, dass ich euch nie vergessen werde. Ich danke euch!"

Unfall bei Rosbach: Beteiligte mit deutlichem Appell an Verkehrsteilnehmer

In der Botschaft ging es Gärtner nicht nur um sie selbst oder den Motorradfahrer. "Immer wieder hört man von Gaffern, die statt zu helfen, ihr Handy zücken", sagt sie. An jenem schicksalhaften Tag habe sie eine ganz andere Erfahrung gemacht. "Was ich erlebt habe, ist leider nicht mehr selbstverständlich", sagt sie. Das habe sie wertschätzen wollen. Gleichzeitig schwingt ein Appell in ihren Worten: "Man kann eigentlich nicht falsch oder zu wenig helfen." Selbst wer nur den Notruf wähle, könne Leben retten. Selbst wer nur eine Hand halte, könne Trost spenden. "Es ist verdammt unmenschlich, alleine auf einer dreckigen Straße zu sterben", sagt sie.

Bereits die Feuerwehr und die Rettungssanitäterin haben Kontakt zu ihr aufgenommen. Gärtner hofft, dass auch die anderen Helfer ihre Nachricht lesen. Es wird dauern, bis sie das Erlebte verarbeitet. Mehrmals schon sei sie an der Unfallstelle gewesen. Dort stehen nun drei Kreuze am Straßenrand. Ihr Stimme stockt: "Leute, passt auf euch auf."

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