"Wir Menschen leben immer in Relation zur Zeit", sagt Autor Hubertus Meyer-Burckhardt bei seiner Lesung in der Adolf-Reichwein-Halle. FOTO: IM
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"Wir Menschen leben immer in Relation zur Zeit", sagt Autor Hubertus Meyer-Burckhardt bei seiner Lesung in der Adolf-Reichwein-Halle. FOTO: IM

Kostbare und hart erkämpfte Momente

  • vonInge Schneider
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Rosbach(im). Es war schwierig, diese Lesung am Ende eines Corona-Sommers zu realisieren, doch Bürgermeister Steffen Maar und sein Stabstellenleiter Sebastian Biel haben das Wagnis auf sich genommen und dem vorschriftsmäßig in kleiner Zahl erschienenen Publikum in der Adolf-Reichwein-Halle somit einen Abend beschert, der genau das feierte: Die kostbaren, manchmal hart erkämpften Momente des Lebens. "Diese ganze Scheiße mit der Zeit" - nichts Geringeres als eines der Urrätsel der Menschheit hat sich der Journalist und Autor Hubertus Meyer-Burckhardt in seiner jüngsten Buchveröffentlichung vorgenommen, der seine Zuhörer mit einer rund eineinhalbstündigen Lesung in seinen Bann zog.

Pointiert und schonungslos

Der Untertitel "Meine Entdeckung des Jetzt" umriss, worum es neben der unausweichlichen Entdeckung der eigenen Endlichkeit gehen sollte: um Lebensfreude und die Wertschätzung der unwiederbringlichen Sekunde, um eine Umwertung oberflächlicher Werte und ein Upgrade für das menschliche Miteinander, die Wahrnehmung mit allen Sinnen, die Muße, die Stille, eben das Sein im Hier und Jetzt. Meyer-Burckhardt wurde dieser Paradigmenwechsel durch seine Krebsdiagnose zugemutet. Plastisch schilderte er den Moment der knallharten ärztlichen Diagnose, die ihm während einer Taxifahrt mitgeteilt wurde: unterwegs zur Beisetzung einer Freundin, neben sich seine Frau, die am selben Tag Geburtstag feierte, in einem Moment zwischen Freude und Leid, in dem seine Welt stillzustehen schien.

Pointiert und schonungslos, dabei stets mit einem Augenzwinkern, viel Selbstironie und noch mehr Menschenliebe, berichtete der Autor anschließend vom Umgang mit seinen beiden Karzinomen "Kafka" und "Shaw", denen er Dichternamen gab, um ihnen quasi ein Gesicht zu verleihen. "Wir alle haben zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn wir realisieren, dass wir nur eines haben", so zitierte Meyer-Burkhardt den britischen Schauspieler Tom Hiddleston und folgte dieser Weisheit, beginnend mit seiner eigenen Kindheit in Kassel über verschiedene Stationen seines Berufs- und Privatlebens bis in sein jetziges 65. Lebensjahr, der klaren Erkenntnis, dass der Tod kein Schicksal ist, das stets nur die anderen ereilt, und dem unbedingten Willen, die verbleibende Zeit bewusst, liebevoll und den Menschen zugewandt zu gestalten.

Aufgewachsen bei seiner alleinerziehenden Mutter und in unmittelbarer Nachbarschaft der Kasseler Christuskirche, drängte sich Meyer-Burckhardt schon als Schuljunge angesichts der wiederkehrenden Kasualien von Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Trauerfeier der Fluss des Lebens geradezu sinnlich begreifbar auf. Und doch war es, so der Autor, für ihn ein denkbar weiter Weg hin zu dem Wissen, dass sich dieser Strom nicht bremsen lässt. "Wir Menschen leben immer in Relation zur Zeit", subsummierte der Erwachsene an der Schwelle des Alters und zitierte Heideggers berühmten Satz: "Der sinnstiftende Horizont der Zeit ist der Tod." Nichts anderes als die viel beschworene Achtsamkeit, der Ausstieg aus dem Sekundentakt und der permanenten Erreichbarkeit, manchmal ein Treiben- und Geschehenlassen statt allzuviel Planung, ein Tanzen und Spielen mit dem Augenblick und eine Schärfung der Sinne helfe im Angesicht der unentrinnbar verstreichenden Sekunden, empfahl der Autor gegen Ende seiner eindrücklichen Lesung, die vom Publikum mit begeistertem Applaus aufgenommen wurde. Er wünsche, sich einst entspannt "auf den Weg nach Hause machen zu können: pfeifend, resümierend, vor allem aber lächelnd", so beschloss Meyer-Burckhardt die Lesung aus seinem "Mut-Buch" - eine Umschreibung des Autoren, die definitiv nicht zu viel versprach.

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