Eigenwillige Arrangements und ungewohnte Harmonien: Die "Viertakter" zeigen Auszüge aus ihrem abendfüllenden Programm "Therapieresistent". FOTO: HMS
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Eigenwillige Arrangements und ungewohnte Harmonien: Die "Viertakter" zeigen Auszüge aus ihrem abendfüllenden Programm "Therapieresistent". FOTO: HMS

Der kleinste Männerchor der Welt

  • vonHanna von Prosch
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Rosbach(hms). Herrliche Musikcomedy und dabei ausgezeichneter Gesang: "Die Viertakter" haben die Quarantäne verlassen und sich wieder in Musiktherapie begeben, diesmal Open Air vor der Wasserburg. Denn die coole Truppe braucht Publikum, um nicht zu vergessen, dass Humor und Gesang auch Zeiten übersteht, in denen alles falsch erscheint.

In der von der Stadt Rosbach organisierten und dem Kultursommer Mittelhessen geförderten Matinee am Sonntag präsentieren die vier Semiprofis Auszüge aus ihrem abendfüllenden Programm "Therapieresistent". Die vier Takter - und das ist wörtlich passend - geben den Ton an: Mouth-Percussion, Backgroundchor, Solos, vierstimmige A-cappella-Gesänge, Improvisationskunst, Entertainment, dumme Sprüche und eine Menge Selbstironie verpackt in gut eine kurzweilige Stunde.

Unfreiwillig trugen die Kirchenglocken Schlag zwölf zur Inszenierung bei, als die vier Kreativen gerade in traditioneller Manier des Trientiner Bergsteigerchors anhoben, "Ding Dong, Ding Dong" zu singen. Geduldig führten sie dies weiter, bis der Glockenschlag vorbei war.

Zuvor hatten sie mit ruhigen Weisen unter anderem in Renaissanceart demonstriert, was sie eigentlich nicht sein wollten - ein seriöser Männerchor. Doch klassisch können sie mit ihrem hervorragenden Stimmpotenzial auch, allerdings in eigenwilligen Arrangements und ungewohnten Harmonien.

Aus Echzell und Wöllstadt

Therapiesitzungen mit Dinkelkeks und Mate-Tee halfen also nicht bei den ersten Gehversuchen des Quartetts 1990. Erst als die Kekse durch Holzfällersteaks ersetzt wurden, konnten sie wie Männer miteinander reden und fanden ihre inzwischen unbeugsame Bestimmtheit.

Dem kleinsten Männerchor der Welt steht das große Repertoire offen. Countertenor Michael Möbs aus Echzell gab eine hinreißende Adele, wenn auch äußerlich nicht annähernd identisch. Im Queens-Medley rocken die Nummern quer durch die Stimmen und Martin Brückmann aus Nieder-Erlenbach schlüpft in die Rolle von Freddy Mercury.

Dann ziehen sie Johnny Cash aus der Satteltasche und ein Pferdchen auf die Bühne. Tenor Martin Steiner, der ursprünglich aus Nieder-Wöllstadt stammt, mimt dazu in "Ring of Fire" den Cowboy. Permanent gefragt ist nicht nur der feste Bass von Holger Johannsen aus Bad Vilbel sondern vor allem sein sicherer Beat, vom Mund direkt ins Mikrofon. Eigene Erfahrungen aus Männerchören und deren Unsitten wissen sie geschickt zu persiflieren. Richtig schnulzig wird es mit Vico Torrianis "La Pastorella", wenn sie dem "jung und schön" einen pfiffigen Schwung geben. Fast schon wieder glaubwürdig erklangen die an eine der Schönen im Publikum dargebrachten Liebesschwüre aus Kärnten. Überschwängliche Posen und niedliche Details wie ein Papierschiffchen zu Nana Mouskouris "Ein Schiff wird kommen" oder die witzigen G’stanzln über den Postfrosch, aus dem alten Reisekoffer hervorgezauberte Requisiten und die kleinen gegenseitigen Sticheleien machen die vier Freunde in ihrer Art liebenswert und unverwechselbar.

Wie geht übrigens ein Tantra-Kurs mit Tom Jones Sexbomb zusammen? Indem Michael Möbs Mimik, Stimme und Figur einsetzt, während die anderen fromme Gesten machen.

Das Publikum lacht Tränen weg. Nun, so schwer wie die "Viertakter" normalerweise zu bekommen sind, so schwer wird man sie auch wieder los. Zwei Zugaben sind eingeplant und werden mit begeistertem Applaus angenommen.

Die Matinee war ein schönes Beispiel, wie man den Kulturbetrieb ankurbeln und gleichzeitig heimische Künstler unterstützen kann. Denn Hunger nach Auftritten haben sie alle, egal ob mit oder ohne Brotberuf.

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