Nach der Krebsdiagnose hatte Hubertus Meyer-Burckhardt "Marmelade in den Kniekehlen", sich dann aber schnell wieder berappelt, wie er sagt.
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Nach der Krebsdiagnose hatte Hubertus Meyer-Burckhardt »Marmelade in den Kniekehlen«, sich dann aber schnell wieder berappelt, wie er sagt.

Interview

Hubertus Meyer-Burckhardt über den Kampf gegen den Krebs: „Diagnose hat mich getroffen wie der Blitz“

  • Sabine Bornemann
    vonSabine Bornemann
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Als humorvollen Plauderer kennt man Hubertus Meyer-Burckhardt aus der NDR-Talkshow. Über seine Krebserkrankung spricht er offen und mit Ironie.

Rosbach - Sie heißen Kafka und Shaw. Hubertus Meyer-Burckhardt hat seinen Karzinomen Namen gegeben und sich so dem Kampf gegen den Krebs gestellt. Mit viel Zuversicht und Optimismus. Wie schon immer in seinem Leben. Über das Leben und Lebenszeit hat er ein Buch geschrieben, aus dem er am 27. Oktober 2020 in Rosbach lesen wird. Zuvor hat er sich Zeit für ein Gespräch genommen.

Das »Sch...«-Wort ist auf dem Titel ihres neuen Buches: »Diese ganze Scheiße mit der Zeit«. Sehr erfrischend, finde ich.

Es gibt kein zweites Wort, das so sehr befreit. Es hat Ventilcharakter.

Haben sie es auch gesagt, als Sie Ihre Krebsdiagnose bekamen?

Ja, ganz laut. Und hatte ich erst einmal Marmelade in den Kniekehlen. Die Diagnose hat mich getroffen wie der Blitz aus heiterem Himmel. Ich habe mich aber schnell wieder berappelt und mir gesagt: »Jetzt erst recht«.

Hubertus Meyer-Burckhardt in Rosbach: „Man kann nur gegen jemanden Kämpfen, der einen Namen hat“

Sie haben den Karzinomen Namen geben: Shaw und Kafka: Warum?

Meine Frau meinte, man kann nur gegen jemanden Kämpfen, der einen Namen hat. Eigentlich wollte ich die Dinger erst »Karzi« und »Nom« nennen. Habe sie aber nach meinen beiden Lieblingsautoren Franz Kafka und Bernhard Shaw benannt.

Hat das geholfen?

Das hat den Karzinomen den Schrecken genommen. Es ist eine gute Strategie, in den Dialog zu treten. Sich dem Gegner zu stellen. Ich habe und hatte Glück. Es sind »faule Karzinome«, die nur langsam wachsen.

Sie wirken unglaublich optimistisch, scheinen alles mit viel Humor zu nehmen. Ist das so?

Ich behalte meinen Optimismus, den ich schon immer hatte. Optimistisch zu sein ist leicht, wenn alles gut läuft. Wenn Herausforderungen anstehen, sei es in der Ehe, finanziell, beruflich oder gesundheitlich, wird es schon schwieriger. Das geht nur mit Optimismus.

Ihnen geht es derzeit also gut?

Der Krebs ist im Griff, ich bin vitaler denn je.

In Rosbach lesen Sie aus Ihrem aktuellen Buch. Eine sehr persönliche Betrachtung über Ihr Leben. Wie kam es zu diesem Buch?

Nachdem ich drei Romane veröffentlicht hatte, fragte der Verlag nach einem Sachbuch. Ich wollte über Lebenszeit schreiben und wie wir damit umgehen. Als ich etwa 100 Seiten fertig hatte kam die Diagnose »dazwischen«.

Hubertus Meyer-Burckhardt in Rosbach: Entschleunigung vor sieben Jahren begonnen

Sie haben Sie sich entschieden, offen mit der Erkrankung umzugehen?

80 Prozent des Buches gehen um Lebenszeit, lediglich 20 Prozent befassen sich mit dem Krebs. Verstecken konnte und wollte ich die Krankheit nicht.

Damit machen Sie sicher vielen Menschen Mut.

Genau. Eine Leserin sagte mir kürzlich, mein Buch sei ein »Mutbuch«.

Es sind durch Corona andere Zeiten angebrochen. Wie begegnen Sie Menschen, die sich über die Regeln und Maßnahmen beschweren?

Für viele, die durch die Pandemie in ihrer Existenz bedroht sind oder gesundheitlich betroffen sind, ist es sicher sehr hart. Dennoch antworte ich immer mit dem Satz: »Nenn mir das Land, in dem du die Krise lieber erleben würdest.«

Ein Lob für Politik und das Gesundheitswesen?

Ja, wir haben hier viel Glück. Politiker, Wissenschaftler und Ärzte leisten erstaunliches. Ohne dafür eine Blaupause zu haben. Dafür sollten wir dankbar sein.

Sind Sie dankbar?

Das bin ich. Ich führe ein sehr schönes Leben. Und ich kümmere mich endlich um mich und meinen Körper.

Wie sieht das aus?

Ich ernähre mich gesund, lasse rotes Fleisch und Industriezucker weg und treibe Sport.

Gehört da auch eine berufliche Entschleunigung dazu?

Das habe ich schon vor sechs bis sieben Jahren begonnen. Ich habe über 40 Filme produziert, mache die Talksendung, schreibe Bücher. Niedergelegt habe ich eine Vorstandsposition, eine im Aufsichtsrat und eine Professur aufgegeben.

Hubertus Meyer-Burckhardt in Rosbach: Er war schon immer zuversichtlich

War es alles zu viel?

Wissen Sie, mit 64 steht man im Spätsommer seines Lebens. Ich wollte nie nichts machen, aber irgendwann auch nicht mehr so viel. Das war, wie gesagt, lange vor der Diagnose. Ich möchte die Lebenszeit, die ich noch zu verwalten habe, sinnvoll gestalten.

Sie hadern also nicht mit der Krankheit?

Nein, ich bin kein Haderer - war ich noch nie. Ich bin schon immer zuversichtlich. Das bestätigt auch mein Professor, dass zuversichtliche Menschen weniger krank werden und wenn doch schneller genesen.

Ihr Buch lebt von Anekdoten und auch bissigen Szenen aus ihrer Kindheit. Ein Vater mit Holzbein, ein Großvater mit Glasauge.

Ich möchte mich selber nicht so wichtig nehmen. Ich bin ein Flaneur durchs Leben. Mal heiter, mal melancholisch.

Ist das Ihre Lebenseinstellung?

Da zitiere ich gerne Karl Valentin, der gesagt hat: »Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch!«

Hubertus Meyer-Burckhardt in Rosbach

Maskenpflicht während der gesamten Lesung

Hubertus Meyer-Burckhardt hat am Dienstag, 27. Oktober, um 20 Uhr in der Adolf-Reichwein-Halle in Rosbach aus seinem neuen Buch »Diese ganze Scheiße mit der Zeit: Meine Entdeckung des Jetzt« gelesen. Die Lesung war Wochen vorher ausverkauft. Es musste allerdings während der gesamten Lesung Maske getragen werden, sagte Sebastian Briel, Stabsstellenleiter des Bürgermeisters in Rosbach.

2019 hat Hubertus Meyer-Burckhardt sein Buch Frauengeschichten bei »Friedberg lässt lesen« in der Augustinerschule vorgestellt. Er mag Friedberg und besonders die Buchhandlung Bindernagel um Geschäftsführerin Friederike Herrmann, wie er im Interview mit der WZ erzählt. Friederike Herrmanns Bruder Benjamin ist wie Meyer-Burckhardt auch Filmproduzent, und beide kennen sich ganz gut. »Friederike Herrmann hat mein Buch damals so wunderbar im Schaufenster präsentiert und dazu dekoriert. Seitdem erinnere ich mich gerne an die Kaiserstraße«, sagt der Moderator. Burckhardts Buch »Meine Tage mit Fabienne« soll demnächst verfilmt werden. koe

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