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In der Vorweihnachtszeit werden Gebäude in Rosbach festlich illuminiert. Auch treten vereinzelt Musiker im Freien auf. Weil es für die Aktion keine Genehmigung des Wetteraukreises gab, muss der Veranstalter nun ein Bußgeld zahlen. (Archiv)

»Verzauberwelt Baidergasse« in Rosbach

Kultur versus Corona: Bußgeld von bis zu 25.000 Euro drohte in Rosbach

  • David Heßler
    vonDavid Heßler
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Mit Festbeleuchtung und Livemusik wollte die Kulturinitiative »Verzauberwelt Baidergasse« für etwas Weihnachtsstimmung in Rosbach sorgen. Doch dann drohte ein Bußgeld von bis zu 25 000 Euro.

Eine triste Adventszeit 2020: Keine Weihnachtsmärkte und -konzerte, dafür satte Kontaktbeschränkungen. Trotzdem wollte die Kulturinitiative »Verzauberwelt Baidergasse« für etwas festliches Licht und feierliche Klänge sorgen. Doch mitten in der Pandemie rief das die Behörden auf den Plan. Mit der WZ sprach der Vorsitzende Gottfried Blöcher über das Bußgeldverfahren und Kultur in Corona-Zeiten.

Der Kulturinitiative drohte für die Aktion »Warmes Licht in Dunkelheit« ein Bußgeld von bis zu 25 000 Euro. Wie viel mussten Sie letztlich zahlen?

Gottfried Blöcher: 100 Euro plus 28 Euro Bürogebühren. Die Summe ist natürlich ein Klacks. Aber das Ganze bleibt ein ziemlicher Unsinn.

Warum?

Zum Beispiel werde ich im Bußgeldbescheid als Privatperson belangt, obwohl der »Verzauberwelt«-Verein die Aktion initiiert hat. Mir wird zugutegehalten, dass ich keine wirtschaftlichen Interessen verfolgt hätte - ein gemeinnütziger Verein darf das überhaupt nicht. Und eine belastbare Information darüber, wer denn nun eigentlich genehmigt oder ablehnt, habe ich bis heute noch nicht.

Werden Sie gegen den Bußgeldbescheid Einspruch einlegen?

Das haben wir gemacht. Die Antwort ist mittlerweile da, aber man ist auf unsere Argumente nicht eingegangen, sondern verweist lediglich auf die fehlende Genehmigung.

Ein Vorwurf lautete, Sie hätten wegen der Menschenansammlungen gegen die Corona-Regeln verstoßen.

Bei der Konzipierung haben wir penibel darauf geachtet, alle uns bekannten geltenden Regeln einzuhalten. Wir haben das Konzept sogar nach der ersten Aktion noch angepasst, die Presse nicht mehr informiert und die Anwohner per Handzettel gebeten, die Fenster zu öffnen, um der Musik zu lauschen. Bei Menschenansammlungen hätten die Musiker aufgehört zu spielen. Es ist letztlich nur noch der Vorwurf der fehlenden Genehmigung auf dem Tisch.

Ist es nicht etwas naiv, so eine Aktion mitten in der Pandemie ohne behördliche Genehmigung durchzuführen?

Ich habe dem Gesundheitsamt am 16. November das Konzept geschickt und um Genehmigung gebeten, aber niemand hat sich gemeldet. In einer automatischen Antwort-Mail hieß es, dass es eine Rückmeldung geben werde, sollte für das Amt das Anliegen von besonderer medizinischer Bedeutung sein. Das war es offenbar nicht. Die E-Mail enthielt die Anweisung, auf Rückfragen zu verzichten. Deshalb hatte ich entschieden, meinem Beleuchter und den Künstlern nicht abzusagen.

Das Rathaus hatte ihnen früh signalisiert, dass Sie eine Genehmigung vom Kreis benötigen. Warum fühlen Sie sich trotzdem im Stich gelassen?

Die ganze Sache ist ja nicht vom Kreisgesundheitsamt ausgegangen, sondern vom Rosbacher Ordnungsamt, das den WZ-Artikel über die erste Aktion dort hingeschickt hatte - mit der Frage, ob das denn erlaubt gewesen sei.

Die Stadt macht mittlerweile ein eigenes Kulturprogramm. Wie fühlen Sie sich damit?

Ich empfinde das als Konkurrenz - nicht für die Kulturinitiative, sondern für die vielen kulturschaffenden Vereine in Rosbach. Ich selbst denke: Konkurrenz belebt das Geschäft. Mir reicht es allerdings nicht, Aktionen nur per Video aufzunehmen und zu streamen. Ich halte das - langfristig betrachtet - für einen Holzweg. Wenn die Restriktionen noch bis Jahresende oder darüber hinaus dauern, muss man sich Gedanken darüber machen, wie man Kultur in Corona-Zeiten überhaupt noch macht.

Und wie?

Man muss neue Aktionen wie »Warmes Licht in Dunkelheit« erfinden und die Menschen nicht in Konzertsituationen, sondern ins Freie locken. Ich kann mir auch vorstellen, dass man eine ganze Stadt für Kulturaktionen nutzt. Wir haben in Rosbach beispielsweise den populären Metallbildhauer Bashir Molly, dessen Skulpturen in ganz Rosbach verteilt werden könnten.

Sollte die Kultur nah am Menschen im Lockdown nicht auch pausieren?

Nein. Kultur beeinflusst unser Verhalten. Wenn wir keine soziokulturellen Aktionen zulassen, werden die Leute letztlich mit Wut auf die Straße gehen - und besonders dann, wenn sie keine Perspektiven sehen. Und das werden nicht nur Querdenker und Rechte sein.

Würden Sie mit dem Rathaus zusammenarbeiten oder sind die Fronten zu verhärtet?

Bei mir zumindest nicht. Ganz im Gegenteil: Ich habe die Absicht, mit Bürgermeister Steffen Maar über die Kulturarbeit einmal grundsätzlich zu sprechen und sie auf eine neue Basis zu stellen. Hilfe der Stadt würde ich dankend annehmen.

Beleuchtete Gebäude und ein wenig Musik

Unter dem Motto »Warmes Licht in Dunkelheit« wollte die Kulturinitiative »Verzauberwelt Baidergasse« mit ihren derzeit 39 Mitgliedern an den Adventssonntagen historische Gebäude in den drei Stadtteilen festlich beleuchten lassen.

Dazu hatte man jeweils einen Musiker oder Künstler eingeladen, über die Dauer von etwa 15 Minuten weihnachtliche Lieder oder kleine Theaterstücke zum Besten zu geben.

Nachbarn sollten ihre Fenster öffnen und zuhören, und auch Spaziergänger sollten sich an der Musik und den Illuminationen erfreuen. Sobald sich eine Menschenansammlung bildet, sollte die Künstler aufhören und weiterziehen.

Nach der ersten Aktion hatte die Kulturinitiative laut ihrem Vorsitzenden Gottfried Blöcher die Vorsichtsmaßnahmen nach eigener Aussage noch erhöht.

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