Als Stadtbrandinspektor hat Ronald Neumann aufgehört, der Feuerwehr bleibt er aber erhalten. Der Schwalheimer hat die Motivation, sich zu engagieren, nicht verloren. FOTO: NICI MERZ
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Als Stadtbrandinspektor hat Ronald Neumann aufgehört, der Feuerwehr bleibt er aber erhalten. Der Schwalheimer hat die Motivation, sich zu engagieren, nicht verloren. FOTO: NICI MERZ

Interview mit Ex-Stadtbrandinspektor

Ronald Neumann bei der Feuerwehr Bad Nauheim: Immer ganz vorne mit dabei

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Über zehn Jahre hat Ronald Neumann an der Spitze der Bad Nauheimer Feuerwehr gestanden. Hier spricht der Ex-Stadtbrandinspektor über Katzenrettung, Gaffer und seinen schlimmsten Einsatz.

Wie geht es Ihnen jetzt, da Sie nicht mehr Stadtbrandinspektor sind? Spüren Sie auch eine Erleichterung, nicht mehr diese Verantwortung zu haben?

Ich habe das Amt nicht ohne Grund drei Jahre früher abgegeben. Aus privaten Gründen, und die sind nach wie vor da. Letztendlich entlastet es mich aber, dass die Verantwortung, die ich über viele Jahre immer gerne getragen habe, nicht mehr da ist. Wir befinden uns in einer schwierigen Zeit, die Pandemie macht das Ganze nicht einfacher. Da sind viele Dinge zu regeln.

Sie sagten gerade, dass Sie die Verantwortung gerne übernommen haben. Aber wie geht man überhaupt mit solch einer Verantwortung um?

Es bedarf einer Lernphase am Anfang. Ich habe ja relativ früh angefangen, bin 1991 zum Wehrführer in Schwalheim gewählt worden und war zu der Zeit schon hauptamtlich hier auf der Feuerwache tätig. Aus diesem Konstrukt bin ich damals gleichzeitig mit der Wahl zum Wehrführer und der Ernennung zum Ehrenbeamten der Stadt zum Einsatzleiter für die Gesamtstadt ernannt worden. Ich denke, wenn man das alles macht, dann ist einem schon bewusst, was auf einen zukommt: die Verantwortung für die Bürger der Stadt und für die eigenen Einsatzkräfte. Jede Entscheidung, die Sie treffen, muss gut überlegt sein. Denn es kann im worst case auch schlecht ausgehen.

Stichwort worst case, der schlechteste Fall: Was war ihr schlimmster Einsatz?

Das war relativ am Anfang meiner Einsatzleiter-Karriere bei der Stadt Bad Nauheim. Da gab es einen schweren Verkehrsunfall auf der A 5, der mir zu Hause als Pkw-Brand gemeldet worden ist. Wir haben damals im Einsatzleiterdienst immer ein Fahrzeug zu Hause gehabt und sind damit direkt zur Einsatzstelle gefahren. Es war mitten in der Nacht kurz vor der Abfahrt Friedberg. Ich war als erste Feuerwehrkraft da und habe mir erstmal einen Überblick verschaffen müssen. Ein Pkw stand im Vollbrand. Ich bin dann auf die Mutter der Familie gestoßen. Sie lag auf dem Boden. Sie sprach zu mir, das einzige, was ich verstanden habe, war: "Zwei Kinder, zwei Kinder" Wir haben uns auf die Suche nach den zwei Kindern gemacht, in dem stark deformierten Fahrzeug gesucht und sie in kurzer Zeit gefunden. Sie wurden an den Rettungsdienst übergeben. Ein paar Tage später habe ich erfahren, dass von dieser Familie keiner überlebt hat. Da kriege ich heute noch Gänsehaut. Wir haben uns am nächsten Tag im Hellen nochmal die Unfallstelle angeguckt. Das war sehr beängstigend. Kinderanziehsachen hingen in den Bäumen, das Fahrzeug war total zerstört, Fahrzeugteile lagen überall rum, der Motor war rausgerissen.

Wie verarbeitet man so etwas?

Ich hatte immer das Glück, dass meine Frau über viele Jahre Mitglied der Einsatzabteilung der Feuerwehr Schwalheim war. Da hatte ich immer eine Ansprechpartnerin zu Hause, mit der ich über diese Erlebnisse sprechen konnte. In meiner Anfangsphase gab es noch keine Seelsorge, wie wir sie heute kennen, deshalb bin ich froh gewesen, als das im Wetteraukreis eingerichtet wurde.

Gab es aufgrund solcher Erlebnisse oder auch wegen möglicherweise mangelnder Unterstützung Momente, in denen Sie nicht mehr Stadtbrandinspektor sein wollten?

Das war bei mir nie der Fall. Wir hier in Bad Nauheim können uns über das Vertrauen, das wir über die ganzen Jahre bei unseren Stadtvätern genießen, nicht beschweren. Die Stadt hat immer das beschafft, was bei der Feuerwehr vonnöten war. Hut ab vor unserer Stadt für das Vertrauen, das sie immer in uns hatte. Wir gehen immer verantwortungsvoll mit öffentlichen finanziellen Mitteln um. Und: Jedes Menschenleben, das wir in meiner Dienstzeit retten konnten, hat die schlimmen Sachen immer wieder aufgewogen.

Gab es auch Einsätze, die sie unter kurios verbuchen würden?

Ja, da gab es so viele. Zum Beispiel wenn das Feuer zur Feuerwehr kommt: ein brennender Müllwagen, der bei uns auf den Hof gefahren kam. Wir hatten auch mal eine Tierrettung, nachdem eine Katze über mehrere Tage nicht von einem Baum runtergekommen war. Mit kleiner Nachhilfe eines Wasserstrahls konnten wir sie nach unten bewegen - in die Usa, wo sie an Land schwimmen konnte.

Hat sich bei der Art der Einsätze etwas geändert? Gibt es heute welche, die es früher nicht gab - und umgekehrt?

Die technischen Hilfeleistungen überwiegen schon seit vielen Jahren bei den Feuerwehreinsätzen. Da ist das Spektrum groß, und die Feuerwehr wird heute öfters zu Sachen gerufen, die früher vielleicht noch von den Bürgern selbst gemacht worden sind, also Kleinigkeiten letztendlich. Je städtischer, je größer wir werden, desto mehr wird die Feuerwehr gerufen. Wir sind froh, dass Hessen sehr früh die Rauchmelder-Pflicht eingeführt hat. Das hilft ganz klar, Menschenleben zu retten. Die Zahl der Todesfälle bei Bränden ist definitiv zurückgegangen.

Ist die Arbeit komplizierter geworden? Stichwort technische Hilfeleistungen, wenn es um Autos geht.

Absolut, es hat sich viel Positives getan in der Fahrzeugindustrie in punkto Erhöhung der Sicherheit. Dadurch ist in den letzten Jahren die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle nach unten gegangen. Trotz alledem kommt es immer wieder zu schweren Verkehrsunfällen, gerade bei Frontalzusammenstößen oder auf der Autobahn. Dann wird es für uns mittlerweile schwierig, in die Fahrzeuge einzudringen, um die Insassen zu retten. Umso stärker das Material, desto schwieriger wird das für uns. Wir müssen immer auf dem neuesten Stand der Technik bleiben.

Wissen und Training sind natürlich auch wichtig.

Keine Frage, Schulung gehört immer mit dazu. Ob es um alternative Energie bei Fahrzeugantrieben geht, um Airbagsysteme, Rückhaltungssysteme oder um Batterien.

Was hat sich bei den Menschen verändert? Man hört ja immer wieder von Leuten, die pöbeln und Rettungskräfte angreifen.

Toi toi toi, und ich hoffe, dass das so bleibt, hat es so etwas bei uns hier in Bad Nauheim noch nicht gegeben.

Was ist mit Gaffern?

Gaffer, gerade bei den Einsätzen auf der Autobahn - das kommt immer wieder vor. Aber mittlerweile ist die Polizei in Sachen Gaffer und Filmaufnahmen gut aufgestellt. Sie geht der Sache nach, da werden auch Strafverfahren eingeleitet. Die Rettungsgasse ist immer ein Problem, gerade auf der Autobahn.

Können Sie Ihre Motivation schildern, mit der Sie bei der Feuerwehr begonnen haben?

Es war 1978. Ich hatte ich einen Klassenkameraden, der Australier war und damals mit seinen Eltern in Schwalheim gewohnt hat. Er war in der Jugendfeuerwehr und hieß David König. Er animierte mich dazu, mal zur Jugendfeuerwehr mitzugehen, das wäre eine tolle Sache. Das habe ich auch gemacht, da war das Feuer entbrannt.

Ist das Feuer, die Motivation bestätigt worden? Würden Sie heute alles nochmal so machen?

Ja natürlich. Und ich rufe die Bevölkerung auf, die Freiwillige Feuerwehr zu unterstützen. Nicht nur finanziell, sondern auch im aktiven Dienst. Die Zahlen gehen landesweit runter. Die Zeiten sind wirklich nicht gut, gerade was Mitglieder betrifft. Es kommen viele Faktoren zusammen. Bürger bringen nicht mehr die Zeit mit, sich in solchen Organisationen zu engagieren. Auch die Kinder haben nicht mehr die Zeit dafür. Bei den Eltern ist es so: Du musst heute flexibler im Job sein, und wenn du nachts vier Stunden auf der Autobahn warst, dann ist zwar der Chef vielleicht noch gewillt, seine Arbeitskraft freizustellen, aber bei einer Feuerwehr in der Größenordnung von Bad Nauheim haben wir im Schnitt 350 bis 400 Einsätze im Jahr. Wenn eine Stadt wächst, muss auch die Feuerwehr mit wachsen. Da mache ich mir Gedanken wegen der Zukunft. Die Technik ist da, aber sie braucht Personal, um bedient zu werden.

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