Ein alter Jaguar.
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Rolls-Royce und Filmautos

Autosattlerei in Rockenberg: „Manchmal hat man das Gefühl, in einem kleinen Museum zu arbeiten“

  • Sabrina Dämon
    VonSabrina Dämon
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Das älteste Auto, das in der Autosattlerei Weil gewesen ist, war ein Rolls-Royce von 1919. Die Rockenberger Autosattlermeister restaurierten den Innenraum. Manchmal, sagt Geschäftsführer Martin Reichelt, ist es, als arbeite er in einem Museum.

Rockenberg – 400 Stunden, plus minus, dann waren Martin Reichelt und Thomas Meinert mit ihrer Arbeit zufrieden. Es war kurz nachdem Reichelt die Autosattlerei Weil in Rockenberg übernommen hatte, als der Kunde mit dem alten Röhr vorgefahren ist. Der Auftrag: eine Komplettrestaurierung des Innenraums - alles neu, aber so, als wäre es 80 Jahre alt. So alt wie das Auto ist. »Ein Einzelstück aus dem Jahr 1932«, sagt Reichelt. Gebaut in der Nähe von Darmstadt, in Ober-Ramstadt. Heutzutage gibt es kaum noch Röhr-Autos. Das Autounternehmen Röhr wurde von den Nationalsozialisten zerstört, da dort jüdische Führungskräfte beschäftigt waren, erzählt Reichelt. Das Modell, an dem er vor knapp zehn Jahren gearbeitet hat, hatte der jetzige Besitzer in den USA entdeckt, es gekauft und nach Rockenberg gebracht.

Dort, in einer Halle im Gewerbegebiet, wird seit vielen Jahrzehnten in den Innenräumen von Autos gearbeitet. Sitze, die abgenutzt sind und bezogen werden müssen, Türverkleidungen, auch mal Teppiche. »Alles, was das Interieur betrifft«, sagt Reichelt, der die Firma 2010 übernommen hat. Hin und wieder wird auch ein Cabriodach geflickt oder die Sitzbank eines Motorrads.

Die Materialien sind vielseitig: Leder in allen erdenklichen Farben, Stoffe - entsprechend des jeweiligen Modells und der Zeit, aus der es stammt.

Autosattlerei in Rockenberg: Wertzuwachs bei Oldtimern

Manche der Autos, die in die Sattlerei kommen, sind relativ neu; 10, 20 Jahre alt, doch, sagt Reichelt: »Unser Steckenpferd sind Oldtimer.« Kürzlich zum Beispiel haben die beiden Autosattlermeister Reichelt und Meinert an einem Lagonda gearbeitet, Baujahr 1936. Oder, das älteste Auto: ein Rolls-Royce »Silver Ghost« aus dem Jahr 1919. Die Sitze darin, die u. a. erneuert worden sind, hatten (und haben wieder) eine Rautenheftung, was typisch für die Autos des frühen 20. Jahrhunderts ist.

In den vergangenen 15 Jahren haben sich die Oldtimer-Aufträge gehäuft. »Seither gibt es einen Oldtimer-Boom«, sagt Reichelt. Ein Grund dafür sei, dass alte Autos eine gute Geldanlage seien. »Ein Oldtimer ist eine gute Investition mit Wertsteigerung.« Zum Beispiel der Porsche 911 aus den 70ern: »Der Wertzuwachs pro Jahr liegt bei bis zu sieben Prozent.« Doch, die andere Seite der Medaille: Entsprechend steigen auch die Ersatzteil-Preise. Bei den Autosattlern ebenso wie in anderen Bereichen, etwa im Karosseriebau.

Der Röhr: ein Einzelstück aus dem Jahr 1932.

Das Wichtigste an der Arbeit mit Oldtimern sei die originalgetreue Restaurierung. Dafür braucht es Zeit und Fingerfertigkeit. In der Sattlerei stehen ganz unterschiedliche Arbeitsgeräte: Nähmaschinen für das Leder oder den Stoff ebenso wie Werkzeuge für den Ein- und Ausbau des Interieurs.

Autosattlerei in Rockenberg: »Man muss für diesen Beruf eine Leidenschaft für alte Autos mitbringen«

»Man muss für diesen Beruf eine Leidenschaft für alte Autos mitbringen«, sagt Reichelt. Und detailverliebt sein - um die Autos so herzurichten, wie sie vor 30, 40 oder auch 100 Jahren gewesen sind. »Wir versuchen alles, gerade bei so richtig alten Kisten.« Dazu gehört auch Recherche: Einmal zum Beispiel kam ein alter Mercedes Nürburg nach Rockenberg - das gleiche Modell, das Lillian Harvey in dem Film »Die drei von der Tankstelle« aus dem Jahr 1930 fährt. Reichelt und Meinert haben sich Standbilder aus dem Film von den Mercedes-Szenen angeguckt - »da konnten wir genau sehen, wie die Lehnen und die Sitzfläche aufgeteilt waren.« Ja, sagt Reichelt, es waren schon besondere Gefährte in der Autosattlerei. »Wenn hier ein alter Jaguar reinkommt, hat man das Gefühl, in einem kleinen Museum zu arbeiten. Und man freut sich, wenn der Kunde sein Auto holt und man sieht, wie glücklich er ist.«

Jedes Auto hat seine Eigenheiten und Herausforderungen: eine genähte Deckenverzierung, ein Sitz voller Risse, der wie neu aussehen soll. Eine der großen Herausforderungen, auf die Reichelt besonders stolz ist, ist die Restaurierung des alten Röhrs gewesen. Ein Foto des Wagens hängt in Reichelts Büro. Darauf ist ein Schriftzug: »Best of Show«. Den Preis hat der Wagen als Gesamtpaket bei der Techno-Classica in Essen bekommen, der größten Oldtimermesse der Welt. Nach 400 Stunden detailgetreuer Arbeit »ging das runter wie Öl«. (sda)

„Leidenschaft zum Beruf gemacht“

Autosattler ist heutzutage nicht gerade der gewöhnlichste Beruf, und die Zahl der Autosattlereien ist überschaubar. Martin Reichelt merkt das am Auftragsvolumen: Anfangs hat er auch an Booten oder an Möbeln gearbeitet - »aber wir können das nicht mehr alles abdecken«. Dass er sich für den Beruf entschieden hat, kam mehr oder weniger zufällig. »Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht.« Den praktischen Bezug hatte er früh - weil er einen alten Käfer hatte. »An dem musste ich mehr basteln, als ich fahren konnte.« Ein Freund seines Vaters hatte eine Autosattlerei bei Köln. Reichelt ging für ein Praktikum dorthin. »Ich kam mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück.« Er machte eine Ausbildung in Baden-Württemberg und arbeitete danach in Norddeutschland. Als er zu Besuch in der Heimat war (er ist in Ockstadt und Nieder-Mörlen aufgewachsen), stieß er im Internet auf die Autosattlerei von Wilhelm Weil, bewarb sich - und fing an. Er machte seinen Meister, 2010 übernahm er die Autosattlerei. Die Arbeit, sagt er, macht ihm Freude. Vor allem wegen seiner Leidenschaft für alte Autos. Auch wenn er privat keins fährt (aber wieder einen alten Käfer zum Basteln hat). Aus praktischen Gründen: »Mit Kindern ist ein Familienauto besser.« Aber: »Ich bin ein Kind der 70er. Sollte mir mal ein Porsche von damals in Citrusgelb oder Orange begegnen, überlege ich bestimmt.«

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