Brexit

Warum der Schotte Deutscher wurde

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Der gebürtige Matt McGinn nimmt nach über 30 Jahren deutsche Staatsbürgerschaft an.

Es gibt diese Theorie. Matt McGinn hält sie für gar nicht mal so unplausibel: Wenn heute noch einmal über den Brexit abgestimmt werden würde, ginge es anders aus. Wegen der Altersverschiebung: Knapp drei Jahre nach der großen Volksbefragung zum Ausstieg Großbritanniens aus der EU seien so viele junge Leute wahlberechtigt geworden, dass ihre Stimme den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU sichern würde.

Es ist nur eine Theorie, und ob sie stimmt, spielt eigentlich keine Rolle: Zwar war das Ergebnis knapp, 51,89 Prozent der Wähler sprachen sich für den EU-Austritt aus, doch seither wird über den Brexit verhandelt.

Für Matt McGinn war das unvorstellbar. Seit über 30 Jahren lebt er, der "britischer Staatsbürger, aber stolzer Schotte" ist, in Deutschland, seit den 90ern in Rockenberg.

Als er am Morgen des 24. Juni 2016 auf sein Handy schaute, erfuhr er, wie die Briten abgestimmt hatten. "Ich dachte zuerst, das kann nicht sein. Ich kenne niemanden in meiner Familie und in meinem Freundeskreis, der für den Brexit gestimmt hat", erzählt er. "Und dann dachte ich, dabei wird es nicht bleiben. Es kommt noch mal ein Referendum."

Es kam keins. Und Matt McGinn überlegte, wie er mit der Situation umgehen soll. Bis dahin hatte er nur die britische Staatsbürgerschaft, eine Einbürgerung sei bisher nie ein Thema gewesen. "Bewegungsfreiheit in Europa war mit einem britischen Pass kein Problem." Doch wird es dabei bleiben? Eher nicht, vermutet er. "Ich reise sehr viel. Vielleicht werde ich in Zukunft Schwierigkeiten bekommen mit einem britischen Pass."

Unklar ist für ihn auch, wie es mit den Geschäftsbeziehungen weitergehen wird, die er nach Großbritannien hat. Anfang der 2000er hat McGinn sein Unternehmen in Rockenberg gegründet. Heute betreibt er, wie er sagt, die größte Stickerei im Wetteraukreis. Hauptsächlich (aber nicht nur) im Bereich Golfsport – "von Österreich bis Kiel besticken wir hier" – Polo-Shirts ebenso wie Pullover und Mützen. Wenn zum Beispiel ein Golf-Team aus Oberbayern sein Logo aufs Shirt haben will oder ein Club aus Mecklenburg-Vorpommern personalisierte Mützen möchte, werden sie sehr wahrscheinlich in Rockenberg bestickt.

Neuer Pass und Wahlrecht

Kontakte ins Vereinigte Königreich hat McGinn aber vor allem wegen eines weiteren Standbeins: Seit einiger Zeit ist er für den deutschlandweiten Vertrieb der Marke "Under Armour" im Golfbereich zuständig. Die Koordination, erzählt er, läuft über Großbritannien. Wie es sich genau gestalten wird, wenn das Vereinigte Königreich erst einmal aus der EU ausgetreten ist, wird sich erst noch zeigen.

McGinn jedenfalls hat die Konsequenz aus dem Brexit gezogen – und sich in Deutschland einbürgern lassen. Wegen seiner Frau und der Kinder – sie sind alle Deutsche – sei ihm die Entscheidung ohnehin nicht schwergefallen. Ändern wird sich für ihn erst einmal nicht viel, vermutet er, zumal er die doppelte Staatsbürgerschaft hat. Was allerdings neu sein wird: Er wird in Deutschland wählen können – zum Beispiel kommenden Mai bei der Europawahl.

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