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Am liebsten spielt Bernhard Wetz auf seinem Steinway-Flügel. Auf dem Dorffest in Rockenberg trägt er seine Beatles-Arrangements (Noten: I feel fine) allerdings auf einem E-Piano vor. Dem Edel-Flügel würde ein Transport nicht gut bekommen.

Yesterday

Prof. Wetz verpasst den Beatles einen klassischen Touch

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Musikprofessor Bernhard Wetz steht eigentlich auf Brahms. Seit seiner Jugend. Dass der Rockenberger Klaviervirtuose nun sehr viel Zeit mit den Beatles verbringt, hat mit Liebe zu tun.

Die Beatles haben schon oft herhalten müssen. Es gibt wenige Musiker, deren Stücke öfter nachgespielt oder interpretiert worden sind. "Yesterday... all my troubles seemed so far away..." - das ist mit über 1600 Versionen das am häufigsten auf Tonträgern gecoverte Lied überhaupt. Im Ortskern von Rockenberg ist eine weitere Version entstanden. Braucht das die Welt? Eine scheinbar schwierige Frage. Doch die Antwort ist im Grunde einfach: Solange es Leute gibt, die sich das gerne anhören: Passt.

Prof. Bernhard Wetz hat nicht nur Yesterday bearbeitet, sondern jede Menge weitere Beatles-Lieder. The long and winding road, Lady Madonna, Hey Jude, Let it be, All my lovin. Für 99 von 249 Songs der Fab Four hat er die Bearbeitungsrechte. Trotz der weltweiten Konkurrenz hebt sich das, was der Musikprofessor aus den Beatles-Liedern gemacht hat und an zwei Flügeln mit Stefanie Asal vorträgt, extrem ab von allem, was bisher präsentiert worden ist: Der Rockenberger hat die von John Lennon und Paul McCartney komponierten Stücke arrangiert für ein Klavierduo - im klassischen Stil. Und mit einem Hauch Brahms.

Warum die Beatles?

Bernhard Wetz:Die Beatles geben extrem viel her. Sie haben eine große Substanz an Motiven. Die Stücke sind so charaktervoll, dass man daraus wirklich was machen kann.

Die Frage Beatles oder Stones erübrigt sich.

Wetz:Ich liebe auch die Rolling Stones, weil ich in der Zeit groß geworden bin. Aber die lassen sich nicht bearbeiten. Da ist nichts. Es ist der Sound, der die Stones ausmacht. I can’t get no satisfaction. Wie oft singt der Jagger nur auf einem Ton? Was soll man damit machen?

Die ersten Beatles-Konzerte haben Stefanie Asal und Bernhard Wetz als Klavierduo "Inspiration B" bereits 2002 gegeben. "Kultura extra" rezensierte einen Auftritt: "Im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie bebt der Boden. (...) Die Stimmung ist fast so ausgelassen wie auf einem Rock-Konzert. Doch schaut man sich um, bemerkt man, dass vor allem Menschen älterer Jahrgänge sich vor Begeisterung gar nicht mehr beruhigen wollen." Die Sache ist ein großer Erfolg.

Wer sitzt denn im Publikum bei den Konzerten. Beatles-Fans oder Anhänger der klassischen Musik?

Wetz:Beides. Die Klassik-Fans können endlich ihrer verbotenen Liebe nachgehen und Beatles in Konzertsälen hören. Die würden vielleicht nie in ein Popkonzert gehen, weil sie so etabliert sind und zur Gesellschaft gehören. Die wagen zu kommen. Das heißt, sie kommen mit Krawatte und hören sich die Beatles an, weil es wie ein Klavierkonzert ist. Ich habe durchaus einen Frack auf der Bühne an. Wir machen es wie ein klassisches Konzert. Auch in der Dimension. Knappe Stunde Konzert. Pause. Sekttrinken. Zweiter Teil.

Und die Beatles-Fans?

Wetz:Wir haben gehört, dass die extrem überrascht sind, wie plastisch und vielseitig ein Klavier klingen kann. Weil sie noch nie auf einem Klavierabend waren. Wir ziehen dadurch Menschen an, die nicht auf ein klassisches Konzert gehen würden, die aber kommen, weil es die Beatles sind.

2010 war Schluss mit Beatles. Warum? Verbotene Liebe! Bernhard Wetz und Stefanie Asal waren sich nähergekommen, also sehr sehr nahe. "Unerlaubterweise", sagt Wetz. "Wir waren beide verheiratet, aber mit anderen Partnern. Das war nicht verantwortlich." Familie, Kinder. Das habe angefangen, ruinös zu werden. "Wir haben es dann schweren Herzens erst mal aufgegeben." Doch irgendwie ließ sich die Liebe nicht aufhalten. "Man kann sich manchmal gegen gewisse Magnetismen nicht wehren", sagt Wetz, zuckt mit den Schultern und lächelt. "Aber dann war die Welt in Ordnung gerückt. Und jetzt fügt sich alles wunderbar zusammen." Seit Ende 2017 sind Bernhard Wetz und Stefanie Asal verheiratet - miteinander.

Mit der Partnerschaft kam neues Leben in das Beatles-Projekt. Auch eine neue Idee. Denn die Sache mit den klassischen Konzerten ist aufwendig. Wenige Veranstaltungsorte verfügen über zwei Konzertflügel. Auch der Klassikmarkt ist schwierig. Nur Spitzennamen garantieren einen vollen Konzertsaal. Kommen wenig Zuschauer, ist es schnell ein Minusgeschäft. Drauflegen ist blöd. Aber Geldverdienen auch nicht die Motivation. "Wir wollen nur spielen. Es geht uns um das Vergnügen, um die eigene Identität", sagt Bernhard Wetz. Jetzt, mit der Pension im Blick, hat sich der 64-Jährige die Freiheit, überall spielen zu können, selbst gebastelt.

Wetz öffnet seinen Anhänger, in dem zwei E-Klaviere stehen - und Boxen mit 2 x 2000 Watt. "Damit kannst du einen Burghof beschallen." Aber auch einen 75. Geburtstag. "Wir wollten die Sache praktikabler machen." Sie möchten zu den Menschen auf die Straße, zu den Feiern, den Festen, in die Bürgerhäuser. Den Anhänger zieht Bernhard Wetz hinter seinen Wohnmobil. Deshalb können er und Stefanie Asal auch im Urlaub Klavier spielen. Für sich oder für die Leute, die zuhören möchten. Alles im Anhänger ist so verbaut, dass die beiden direkt loslegen könnten. Die Klaviere stehen auf einer rollbaren Plattform. Die Boxen und die Monitore sind verdrahtet. Es braucht nur Strom. Deshalb liebäugelt Wetz mit einem Stromaggregat. "Dann können wir auch am Nordkap Beatles spielen." Die Vorstellung gefällt ihm gut.

Neulich haben die beiden im Garten ihres Hauses in Rockenberg für den Dorffest-Auftritt geübt. Nach dem ersten Song haben die Nachbarn applaudiert. Auch weiter unten in der Straße wurde kräftig in die Hände geklatscht. Das tut gut. Auch renommierten Künstlern. Denn ganz sicher sind sie sich nicht, was den Erfolg angeht. "Vielleicht hängen wir selbst einer lustvollen Idee nach. Es macht uns Spaß, aber sie geht am Publikum vorbei. Wir wissen es nicht."

Bei ihrem "Heimspiel", dem Auftritt auf dem Rockenberger Dorffest, waren die Zuschauer sehr angetan. Wie erleben Sie das Publikum?

Wetz:Wir lösen irgendein Gefühl aus. Wie ein Geruch. Die Seele vibriert in die Jugend zurück. Das ist fast von symbolhafter Wirkung. Es ist nicht nur die Qualität. Die wird natürlich gelobt von denen, die vom Klavierspielen was verstehen. Aber den Hörer interessiert nicht das Handwerk, sondern der Inhalt. Und da ist die Assoziationskraft riesig. Hoffe ich.

Sie haben Brahms-Konzerte gespielt mit großem Orchester in großen Häusern. Nun die Beatles im kleineren Rahmen. Was ist der Unterschied für Sie als Musiker?

Wetz:Vielleicht war es bei mir der Hang, dem Komplexen einen Gegenton zu setzen. Ich habe sehr gerne Brahms-Konzerte gespielt. Das ist sehr spannend. Aber fast ein bisschen beängstigend. Man hat eine gigantische Spannung. Ich will nicht sagen, dass es weniger Aufmerksamkeit braucht, die Beatles zu spielen. Weiß Gott nicht.

Was ist es dann?

Wetz:Es ist eine andere Art von Tun. Von der Körperlichkeit, der Lust. Brahms, das ist die Lust am Akademischen. Das ist auch eine Lust, aber eine andere.

Bernhard Wetz hat eine spannende Hochschulkarriere hinter sich. Mit 30 ist ihm in Frankfurt eine Professur angetragen worden. Er hat Fachbereiche auf- und ausgebaut, den Musikpädagogischen Diplomstudiengang entwickelt, von 1995 bis 1999 war er Präsident an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. "Vielleicht bin ich ein Organisationsmensch. Vielleicht will ich mich auch nur wichtig tun. Keine Ahnung." Aber: "Das hat mir nicht gutgetan." Das sei der Effekt, "wenn man ein Stück zu weit kommt. Das Peters-Prinzip". Bernhard Wetz ist einen Schritt zurück gegangen. Weg vom Administrativen, hin zur Musik. Plötzlich waren da wieder die vier Jungs aus Liverpool. "Die Ader der Jugend. Die Lust auf den Beat. Das ließ sich nicht verhindern. Genauso, wie wir uns nicht verhindern konnten", sagt Bernhard Wetz und nimmt seine Frau Stefanie liebevoll in den Arm. The long and winding road hat ihn dann doch noch zur richtigen Tür geführt.

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