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Nanetta Ruf möchte im August mit ihrer mobilen Konditorei starten.

Produktveredelung

Mit dem Lkw von Hof zu Hof

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Der Lkw ist fast fertig. Hinten, in dem Container auf der Ladefläche, ist eine komplett ausgestattete Küche. Die braucht Nanetta Ruf, um ihre Pläne umzusetzen. Die Rockenbergerin will schon bald die »KondiTOURei« starten.

Die Idee kam irgendwann im Sommer im Gespräch mit Freunden. Nanetta Ruf unterhielt sich mit ihnen darüber, wie schön es wäre, arbeiten und gleichzeitig unterwegs sein zu können. »Ich überlege schon länger, mich selbstständig zu machen«, sagt die 29-jährige Konditormeisterin. »Weil es viel mehr Möglichkeiten gibt, sich auszutoben, kreativ zu sein, eigene Wege zu gehen.« Und so kamen sie in dem Gespräch auf die »Schnapsidee«, wie sie heute sagt. Mehr war es am Anfang nicht: eine vage Vorstellung davon, ihren Beruf in einer fahrbaren Konditorei auszuüben.

Aber wie es mit Ideen oft so ist: Sie gehen einem nicht mehr aus dem Kopf. »Ich habe ständig daran gefeilt«, erzählt die Rockenbergerin. Irgendwann hat sie sich hingesetzt und alles zu Papier gebracht.

Heute, weniger als ein Jahr später, stehen Konzept und Finanzierung. Nanetta Ruf hat inzwischen einen Lkw-Führerschein gemacht, ihre mobile Konditorei ist beim Fahrzeugbauer in Auftrag, im August soll es losgehen.

Der Plan: Mit der fahrbaren Verarbeitungsstätte - einem Lkw, auf dessen Wechselbrücke eine komplette Küche ist - fährt sie zu landwirtschaftlichen Betrieben und verarbeitet deren Rohstoffe. Ideen dafür hat sie viele: Gebäck, Kuchen im Glas und Törtchen stehen ebenso auf ihrer Liste wie Aufstriche, Eingekochtes, Gewürzmischungen oder Pesto. Die Produkte können dann von den Betrieben in der eigenen Vermarktung angeboten werden. Sei es im Hofladen, im Café oder auf Wochenmärkten.

Die Umsetzung testet Nanetta Ruf schon seit einigen Wochen in der Rosenschule Ruf ihrer Familie in Steinfurth. Dort gibt es einen Hofladen; seit Neuestem stehen dort Produkte mit dem Etikett von »KondiTOURei«. So nennt sie ihr Unternehmen. Rosenmarmelade ist dabei. Oder Gebäck - hergestellt mit den hofeigenen Rohstoffen, allerdings noch in einer klassischen Küche.

Der Lkw soll bald fertig sein. Der Betrieb kann dann losgehen - wenn zum Beispiel ein Hof Eier, Obst und Getreide hat und Nanetta Ruf beauftragt, überlegt sie mit den Landwirtinnen und Landwirten, welche Produkte aus den Rohstoffen gefertigt werden sollen. Was für die Zubereitung fehlt, bringt sie mit.

Die Rosen auf dem heimischen Hof seien ein gutes Beispiel dafür, warum das Konzept funktioniere: »Kaum jemand kauft sich Rosenblätter, um sie einzukochen.« Rosenmarmelade hingegen werde von vielen gerne probiert.

So, glaubt die 29-Jährige, wird es auf vielen Höfen sein: Sie bekommt eine Liste mit vorhandenen Rohstoffen und kann sich überlegen, was sich daraus machen lässt.

Ihr Konzept sei einmalig, und: »Es ist saisonal, regional, platz- und ressourcenschonend« - zumal viele landwirtschaftliche Betriebe prinzipiell ein Interesse daran hätten, ihre Rohstoffe verarbeitet zu verkaufen, jedoch nicht immer Zeit und finanzielle Mittel hätten, um die Verarbeitung selbst anzugehen. Zudem biete die Direktvermarktung eine weitere Einnahmequelle: »Viele können von dem Geld, was sie für den Verkauf ihrer Rohstoffe an Konzerne erhalten, einfach nicht leben.«

Vor Ort backen oder einkochen

Um die Selbstständigkeit zu finanzieren, nutzt Nanetta Ruf mehrere Möglichkeiten. Zum einen klassisch, über eine Bank. Zum anderen hat sie sich um Fördergelder aus dem EU-LEADER-Programm beworben. Doch: Um diese zu beantragen, habe sie die Kosten der einzelnen Teile ihrer Produktionsstätte aufführen müssen. Bei einigen Angaben habe sich mit der Konkretisierung der Pläne aber einiges verändert. Zum Beispiel beim Backofen. Der koste fast 10 000 Euro mehr als geplant und beim Förderprogramm beantragt. Deswegen hat sie eine Crowdfunding-Kampagne auf der Internet-Plattform Startnext initiiert. Das Prinzip: Ein Projekt wird dort vorgestellt, Nutzer können es unterstützen. Das hat gut geklappt: 11 864 Euro sind seit Februar zusammengekommen, der Ofen ist finanziert.

Auch was künftige Aufträge angeht, ist Nanetta Ruf zuversichtlich: Einige Betriebe haben schon zugesagt, andere ihr Interesse bekundet. Der Vorteil: Die Konditorin kann den Lkw an der Rosenschule abstellen. Wenn es einmal Privataufträge gibt (z. B. eine Hochzeitstorte), kann sie diese auch annehmen.

Vor allem aber, und das war ja auch die ursprüngliche Idee, möchte sie unterwegs sein. Im Führerhaus gibt es eine Schlafmöglichkeit; hinten, auf dem Lader, einen Aufenthaltsraum mit Sanitäranlagen. Und falls sie einmal über Nacht irgendwo stehen bleibt, gibt es eine Notstromversorgung. »Ich bin komplett unabhängig.«

Bio-Produkte

Eigentlich wollte Nanetta Ruf in Süddeutschland bleiben - dort, am Bodensee, hat die Konditormeisterin zuletzt gearbeitet. Doch mit den Plänen zur Selbstständigkeit ist sie wieder in die Wetterau gekommen - weil sie hier vernetzt ist und mit der Rosenschule einen guten Ort für die ersten Schritte in Sachen Produktveredelung hat. Ihre Ausbildung zur Konditorin hat sie in Bad Vilbel auf einem Demeter-Hof gemacht. Ihr Konzept sieht vor, vor allem Bio-Produkte herzustellen und mit Bio-Landwirten zusammenzuarbeiten, damit die Produkte ein entsprechendes Label bekommen.

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