Freispruch. Wegen sexuellen Missbrauchs ist ein ehemaliger Seelsorger der JVA Rockenberg im Juni 2018 vor dem Amtsgericht Friedberg verurteilt worden. Das Landgericht Gießen hat dieses Urteil nun aufgehoben und den Mann freigesprochen. SYMBOLFOTO: NIC
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Freispruch. Wegen sexuellen Missbrauchs ist ein ehemaliger Seelsorger der JVA Rockenberg im Juni 2018 vor dem Amtsgericht Friedberg verurteilt worden. Das Landgericht Gießen hat dieses Urteil nun aufgehoben und den Mann freigesprochen. SYMBOLFOTO: NIC

Zeuge nicht glaubhaft

Freispruch: Seelsorger rehabiliert

  • Dagmar Bertram
    vonDagmar Bertram
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Massive Zweifel an der Aussage eines Hauptbelsatungszeugen: Das Erstinstanzurteil gegen einen katholischen Seelsorger wegen Missbrauchs ist aufgehoben. Der Mann wurde freigesprochen.

Die Vorwürfe wogen schwer: Ein katholischer Seelsorger sollte seine Stellung im Rockenberger Gefängnis ausgenutzt haben, um sich an jugendlichen Häftlingen zu vergehen.

Im Juni 2018 wurde er deshalb vor dem Amtsgericht Friedberg wegen sexuellen Missbrauchs und Nötigung in zwei Fällen zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Der Mann ging in Berufung - mit Erfolg. Vor dem Landgericht Gießen ist er nun freigesprochen worden. Das Urteil ist rechtskräftig.

Sachverständige hat Zweifel

Im Vergleich zum erstinstanzlichen Verfahren hätten sich einige Änderungen ergeben, sagte Dr. Dominik Balzer, Richter am Landgericht Gießen und dessen Pressesprecher. Zwei Zeugen seien jetzt nicht mehr greifbar gewesen. Vor allem aber gab es massive Zweifel an der Aussage des verbliebenen Hauptbelastungszeugen.

Zur Wahrheitsfindung hatte die Kammer ein Gutachten eingeholt, um die Glaubwürdigkeit des damaligen Insassen in der JVA Rockenberg zu überprüfen. Die Sachverständige habe "erhebliche Zweifel" gehabt, fasst Richter Balzer das Ergebnis zusammen.

In der Aussage des Zeugen hätten sich Widersprüche ergeben, für die es keine Erklärung gegeben habe. Auch habe der Mann die Vorwürfe und Beschuldigungen immer weiter ausgeschmückt. "So etwas erwartet man nicht, wenn jemand die Wahrheit sagt", erklärt Balzer.

Wurde Angeklagter erpresst?

Laut Anklage sollte der Seelsorger zwischen 2015 und 2016 mehrfach Einzelmeditationsstunden dazu genutzt haben, um sich drei jungen Schützlingen zu nähern. Diese durften, so lautete der Vorwurf, im Gegenzug aus dem Büro des Seelsorgers mit Freunden oder Verwandten telefonieren, bekamen Tabak oder konnten Fernseher und CD-Spieler ausleihen.

Aber auch "ein umgekehrtes Delikt" stand im Raum, wie Balzer sagte. "Der Zeuge soll den Angeklagten erpresst haben."

Dies war auch schon Thema während des Verfahrens am Amtsgericht Friedberg: Die Missbrauchsvorwürfe gegen den Seelsorger waren aufgekommen, nachdem in der JVA bekannt geworden war, dass Inhaftierte versucht haben sollen, den Mann zu erpressen.

Urteil ist rechtskräftig

Unterm Strich bleibt: Die Schilderungen des Zeugen seien nicht zu beweisen gewesen, sagt Richter Balzer. Deshalb - "in dubio pro reo", im Zweifel für den Angeklagten - sei der Mann freigesprochen worden.

Das Urteil ist rechtskräftig, da die Staatsanwaltschaft auf eine Revision verzichtet hat. Das Verfahren ist damit endgültig abgeschlossen und der Seelsorger strafrechtlich rehabilitiert - nach insgesamt viereinhalb Jahren.

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