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Ritterleben im Dicken Turm

  • vonHanna von Prosch
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Der Dicke Turm in Friedberg zieht so manchen neugierigen Blick auf sich. Denn er ist nicht öffentlich zugänglich. Seit 1927 treffen sich hier in den Wintermonaten einmal wöchentlich die Ritter der "Nauinheimbia Wettereiba aurea". Über dieses "Reych" der Schlaraffen hat der Bad Nauheimer Hubertus von Prosch, Rittername "Echter Phon", eine Chronik geschrieben.

Es war der Architekturstudent Armin Gruber, der 1926 für seine Dissertation die von Kaiser Barbarossa gegründete Freie Reichsburg in Friedberg vermaß. Dabei entdeckte er den Dicken Turm als ideale Ritterburg für das Schlaraffenreych, das sich gerade im Aufbau befand. Ihn beeindruckten das zehn Meter hohe Kuppelgewölbe, die mehr als fünf Meter dicken Mauern, die dort hineingehauene Treppe und der Verbindungsgang zur Burg. Schnell war der Mietvertrag unterzeichnet, und die Männer machten sich mit Begeisterung daran, den Turm für ihre Zwecke auszugestalten.

Das alles hat Ritter Echter Phon, der selbst seit 40 Jahren dort "sippt", also die Treffen besucht, in der Chronik ausführlich beschrieben. Natürlich geht es auch um die Entstehung des Männerbundes Schlaraffia anno 1859 in Prag durch Theaterdirektor Franz Thomé. Die von der etablierten "Arcadia" verschmähten Künstler "persiflierten mit Lust und Hingabe das überzogene Gehabe der damaligen besseren Gesellschaft. Die Pflege der Kunst, des Humors und der Freundschaft schrieben sie auf ihr Banner".

Wortspielereien und kuriose Namen

Diese drei Werte ziehen sich auch durch die Geschichte der "Nauinheimbia". Das Ritterspiel, welches das Kind in den lebens- und berufsbewährten Männern wachruft, ihre "Rüstung" (Mäntel), ihre Wortspielereien, kuriosen Namen und Fechsungen (Vorträge) zeugen von reichlich Humor und Kunst. Freundschaft zeigt sich darin, dass in zahllosen Stunden gemeinsam Hand an die Burg gelegt wird, um sie zu erhalten, oder in der Fürsorge für die Sassen des Reyches, die der Hilfe anderer bedürfen. Jedes Jahr am Volkstrauertag versammeln sie sich zum Gräbergang auf den Friedhöfen in Bad Nauheim und Friedberg, um der "gen Ahall Geritten" zu gedenken.

Einen besonderen Raum in der Chronik nimmt die "Uhu-finstere" Zeit ein, als sich während der Nazi-Diktatur die Schlaraffenreyche im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten selbst auflösen mussten. "Man zählte uns zu den Logen, was wir nun wirklich nicht sind. Damals holte Fritz Podszus, alias Ritter Hem-Hem, bei Nacht und Nebel unsere Reychsinsignien und das Archiv ab und mauerte alles im Keller seiner Apotheke ein. So konnten wir viele Dokumente aus den Anfangsjahren retten", erzählt der Autor und Reychsarchivar. Der ca. 40-seitige Anhang mit Originalabdrucken von Urkunden, Zeitungsartikeln, Protokollen, Buchauszügen, Bauskizzen und Fotos gibt ein lebhaftes Zeugnis von der Geschichte der Schlaraffia und des Reyches Nummer 247.

Dr. Becker als Singvogel

In zahlreichen Anekdoten, zusammengetragen aus Gesprächen und Erzählungen, schildert Ritter Echter Phon, wie lokale Persönlichkeiten sich als Schlaraffen bei ihren Ausritten gaben. Unvergesslich der Anblick, als an einem Sonntagmorgen nach einer langen Krystalline (geselliges Beisammensein) in den Lindenbäumen an der Kaiserstraße "fünf gut gekleidete Herren so im mittleren Alter saßen und sangen ›Alle Vöglein sind schon da‹. Der Schutzmann, der vorbeikam, fragte: Herr Dr. Becker, was machen Sie denn da? Und Dr. Becker antwortete: Ich bin heute ein Singvogel."

Stiftungsfeste und Ordensverleihungen werden beschrieben, aktuelle Sassen genannt und verstorbene Ritter gewürdigt. Auch die Tochterreyche in Gießen und Herborn, die Enkelinnen in Wetzlar und Siegen sind erwähnt. Und schließlich die Sippungszwangspause seit März 2020. Denn im altehrwürdigen Turm sind weder Lüftungs- noch Abstandsregeln so einzuhalten, dass sich die Ritter dort risikolos treffen könnten.

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