"Es ist schon toll, wenn man gestalten kann", sagt Bürgermeister Bertin Bischofsberger. Bald wird er aus dem Rathaus ausziehen - mitsamt Kaffeetasse. "Die habe ich zu meiner Amtseinführung vom Personalrat geschenkt bekommen." FOTO: NICI MERZ
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"Es ist schon toll, wenn man gestalten kann", sagt Bürgermeister Bertin Bischofsberger. Bald wird er aus dem Rathaus ausziehen - mitsamt Kaffeetasse. "Die habe ich zu meiner Amtseinführung vom Personalrat geschenkt bekommen." FOTO: NICI MERZ

Ende der Amtszeit

Zwölf Jahre Bürgermeister - "mit allen Höhen und Tiefen"

  • Dagmar Bertram
    vonDagmar Bertram
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Am 31. Dezember endet die Amtszeit von Bertin Bischofsberger (CDU). Nach zwölf Jahren als Bürgermeister von Reichelsheim blickt der 61-Jährige zurück.

Freuen Sie sich auf den 1. Januar, oder überwiegt die Wehmut?

Ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Es ist etwas ganz Ungewohntes, denn ich bin dann ja eigentlich in Pension. Aber ich höre nicht komplett auf zu arbeiten. Im März werde ich 62. Es gibt schon einige Optionen, aber erst mal mache ich zwei, drei Monate eine Art Urlaub. Und danach mache ich noch drei, vier Jahre halbtags etwas.

Bleiben Sie hier wohnen?

Ja. Ich bleibe auch der Kommunalpolitik verbunden. Ich bin noch mal aufgestellt worden für den Kreistag.

Stehen Sie auch auf der Kommunalwahlliste der Reichelsheimer CDU?

Ja, aber ganz hinten. Als früherer Bürgermeister in die Stadtverordnetenversammlung zu gehen, ist nicht so gut.

Aber es kann passieren, wenn kumuliert und panaschiert wird. Würden Sie das Mandat annehmen?

Ja, ich stehe nicht auf der Liste, um dann zu sagen: Ich mache nicht mit.

Was werden Sie hier, an Ihrer Arbeit im Rathaus, besonders vermissen?

Da gibt es so viel... Ich habe unwahrscheinlich tolle Mitarbeiter, die werde ich wahnsinnig vermissen. Auch den sehr engagierten Bauhof. Das Gesamtpaket war so gut, dass es einfach richtig Spaß gemacht hat, dieses Amt auszuüben.

Wie viele Mitarbeiter hat die Stadt insgesamt?

Als ich angefangen habe, waren wir 60, inzwischen sind wir fast doppelt so viele. Das hat vorwiegend mit der U3-Betreuung in den Kindergärten zu tun. Auch der Bauhof ist größer geworden, durch die Neubaugebiete. Aber auch die Verwaltung im Rathaus. Wir sind 2014 hier eingezogen und haben so gebaut, dass wir dachten, wir haben Reserven. Doch jetzt ist kein Büro mehr frei. Die Jugendpflege sitzt jetzt zentralisiert hier, wir haben eine Tourismusbeauftragte, eine Flüchtlingsbeauftragte. Es wird schon wieder eng.

Welche Erfahrung hat die Verwaltung mit dem Homeoffice gesammelt?

Im ersten Lockdown hatten wir jede Abteilung halbiert: Die eine Hälfte war hier im Rathaus, die andere Hälfte hat von zu Hause aus gearbeitet - soweit das ging. Komplett Homeoffice geht nicht, bei keiner unserer Stellen. Man muss schon mindestens einmal in der Woche hier sein.

Wie gestalten Sie Ihren Abschied in Corona-Zeiten?

Es gibt elf Verabschiedungen: in jeder Abteilung, in jedem Kindergarten, zweigeteilt im Bauhof, alles separat. Das ist nicht schön, betrifft aber ja auch die Einführung meiner Nachfolgerin: Der Ablauf wird sehr ruhig sein, groß Feiern geht zurzeit nun mal nicht.

Wie läuft die Übergabe zwischen Frau Herget-Umsonst und Ihnen? Vermutlich freundlicher als zwischen Trump und Biden.

Ja, es gibt natürlich einige Termine, bei denen ich ihr zeige, was laufend ist, um das Amt gut zu übergeben.

Auf welche Projekte sind Sie stolz, welche hatten Sie sich anders vorgestellt?

Man muss erst mal sehen: Ich bin ein Bürgermeister, der nie eine politische Mehrheit hatte in der Stadtverordnetenversammlung, die über alle Projekte entscheidet. Dafür haben wir in den letzten zwölf Jahren viel erreicht. Darauf bin stolz. Klar gibt es das eine oder andere, bei dem ich sage: Das hätte besser laufen können.

Zum Beispiel?

Die Reichelsheimer Mitte hätte ich gern gemacht, aber es gab keine politische Mehrheit. Schade. Doch im Großen und Ganzen haben wir sehr viel gemacht, was die Stadt vorangebracht hat. Auch Dinge, die eine Strahlkraft nach außen haben. Unser Landschaftspflegeplan zum Beispiel ist so anerkannt, dass andere Städte wissen wollen, wie wir das gemacht haben. Das war eine enorme Arbeit über vier Jahre.

Ihr persönlicher Favorit?

Natürlich das neue Rathaus. Das war, glaube ich, das einzige Rathaus in der gesamten Wetterau, das neu gebaut wurde. Die anderen haben nur angebaut oder saniert. Und das in einer Zeit, in der es um die Finanzen nicht gut stand. Dass wir das umsetzen konnten, war für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein richtiger Motivationsschub. Hätten wir das nicht gemacht, wären wir jetzt gar nicht mehr arbeitsfähig in den alten Gebäuden.

Wobei es schön war im Historischen Rathaus.

Ja, ich bin da oben auch nicht gerne ausgezogen. Aber für die Mitarbeiter war es eine enorme Verbesserung, als sie hier eingezogen sind.

An welche Projekte denken Sie noch gern zurück?

Erfolge haben wir auch mit der Schule erreicht. Wir wollten von Anfang an, dass die Schule in den Ganztagsmodus umschaltet, was wir auch geschafft haben. Jetzt wurde angebaut, woran wir uns finanziell beteiligt haben. Das ist für Familien schon sehr schön, wenn die Kinder den ganzen Tag betreut werden können. Es gibt viele Dinge, bei denen ich sage, schön, dass wir das geschafft haben. Also nicht nur ich, sondern wir. Ich bin ja "nur" der Bürgermeister. Das muss politisch alles mitgetragen werden. Der Neubau der Sozialstation, das Alten- und Pflegeheim, das Neubaugebiet Weckesheim - die Stadt hat sich schon entwickelt.

Wobei es auch weniger schöne Stellen gibt und Leerstände.

Fast alles, was leer steht, sind Erbengemeinschaften, die sich nicht einigen, wie sie das Haus veräußern wollen. Alles, was der Eigentümer verkaufen will, wird verkauft. Das dauert keine ein, zwei Monate.

Welches Konzept ist Ihrer Meinung nach das richtige bei der Stadtentwicklung?

Mein Konzept war: Wir weisen zwar Neubaugebiete aus, aber danach warten wir erst mal ein, zwei Jahre, um den Innenbereich wieder zu stärken. In Weckesheim haben wir noch einige Grundstücke für die Wohnbebauung, dann ein bisschen Mischgebiet, und bis der zweite Abschnitt entwickelt ist, dauert es zwei bis drei Jahre. So lange wird es kein Neubaugebiet geben. Das funktioniert: Weil Reichelsheim durch die Bahnanbindungen ein sehr interessantes Randgebiet für Frankfurter ist, ziehen sie auch ohne Neubaugebiet hierher und kaufen dann die Altbestände. Aber eben nur, soweit es Verkaufswillige gibt.

Wie wichtig sind Förderprogramme wie die Dorferneuerung?

Wir sind mit zwei Stadtteilen in der Dorferneuerung: Heuchelheim und Blofeld. Das ist ein Prozess, der über zehn Jahre läuft. Wenn man sich Heuchelheim anschaut, was da zusammen mit den Bürgern gemacht wurde, muss man sagen: Mit so einem Programm kann man einen Stadtteil entwickeln. Der letzte Abschnitt für Heuchelheim wird die Ortsdurchfahrt sein, die nächstes oder übernächstes Jahr kommt. Dann ist der kleine Ort wieder wunderschön.

Wie sieht es mit Blofeld aus?

Das ist ohnehin ein wunderschöner Ort mit den ganzen Fachwerkhäusern. Die Dorferneuerung fing dort mit der Sanierung des Brunnens an. Das letzte Projekt ist die Weed, an der derzeit gebaut wird.

Wäldchen, Straßenbeiträge, Bergwerksee - in letzter Zeit wurde viel protestiert. Woran liegt das?

Prinzipiell finde ich es gut, dass Bürger ihre Meinung äußern. Aber heutzutage müssen wir alles erklären. Bürger gehen in meinen Augen auch nur dann irgendwo hin, wenn es sie persönlich betrifft oder sie sich profilieren wollen. Es ist heute sehr einfach, irgendetwas zu behaupten oder zu fordern, ohne sich vorher Hintergrundinformationen zu holen. Oft wird dann nicht mehr sachlich argumentiert.

An welche Hintergrundinformationen denken Sie?

Die Straßenbeitragssatzung ist ein gutes Beispiel. Wenn sich eine BI gründet, würde ich es für gut halten, wenn man sich informiert: Welche Folgen könnte es haben, wenn man das abschafft? Das fehlt mir. Die BI ist zufrieden, weil sie nicht mehr zahlen muss. Am Ende bezahlt trotzdem der Bürger. Es wird eine Grundsteuererhöhung kommen, und Straßen werden nicht mehr in dem Tempo saniert, in dem es sein müsste, weil das Geld fehlt. Die Politik hat trotzdem gesagt: Wir schaffen die Straßenbeiträge ab. Ich persönlich fand, das war keine glückliche Entscheidung.

Wie sieht es beim See aus?

Es heißt immer, wir wollen den Bergwerksee als Naherholungsgebiet entwickeln. Aber auch da fehlen bei vielen die Voraussetzungen: Wie kann man so etwas überhaupt machen? Es ist ja nicht so, dass man einfach sagen kann: So, jetzt kann man da baden oder eben nicht. Sondern es sind viele Schritte zu beachten. Und es ist ein immenser Kostenaufwand nötig, um die Infrastruktur herzustellen. Die Politik konnte sich bislang nicht entscheiden, ein Konzept aufzustellen. Es gibt zwar eins, für das viel Geld ausgegeben wurde, der Vorschlag wurde aber abgelehnt. Der See ist ein schwieriges Thema. Es so hinzubekommen, dass alle zufrieden sind, wird eine Herausforderung für die Zukunft.

Hat es Sie im Wahlkampf gestört, wenn es hieß, die Stadt müsse die Bürger besser informieren?

Nein, das ist Wahlkampf, da sagt man immer viel.

Haben Sie das auch getan?

Nein, ich bin eine ganz andere Strategie gefahren. Ich habe mein Wahlprogramm so aufgestellt, dass es zu 90 Prozent umsetzbar ist, und das konnte ich auch beide Male einhalten. Man erwartet, man soll alles transparenter machen. Aber: Nehmen wir mal die BI Wäldchen. Es gibt einen Beschluss von 2017 zum Kindergarten-neubau an diesem Standort. Vorher wurde das alles in Ausschüssen und Stadtverordnetenversammlungen besprochen. Nach drei Jahren fällt jemandem ein: Oh Gott, da soll ein Kindergarten hin. Da sage ich mir: Transparenz fängt damit an, dass der Bürger sich informiert. Er kann hingehen zu den Veranstaltungen, er kann sich auf der Homepage einlesen. Die BI hat übrigens nicht ein einziges Mal gesagt: Herr Bischofsberger, wir wollen uns mit Ihnen unterhalten. Ich kann Transparenz fordern, aber dann sollte ich auch gesprächsbereit sein.

Gibt es etwas, das Sie gern noch umgesetzt hätten?

Sagen wir so: Der Neubau des Kindergartens in Reichelsheim und die Sanierung des Bürgerhauses sind Projekte, die den Haushalt über Jahre binden. Dadurch ist kaum Spielraum für neue Projekte. Was ich gerne noch gemacht hätte, das ist die Umgestaltung des Bereichs Historisches Rathaus, Florstädter Straße, Bingenheimer Straße. Wir haben zweimal einen Antrag für das Förderprogramm "Aktive Kernbereiche" gestellt, sind aber leider nicht reingekommen. Alleine können wir das nicht finanzieren.

Wie fällt Ihr Fazit aus?

Es war eine schöne Zeit, mit allen Höhen und Tiefen, ich würde es jederzeit wieder machen. Es ist schon toll, wenn man gestalten kann, und es ist noch schöner, wenn die ehrenamtlichen Politiker das mittragen - auch wenn ich nicht ihrer Partei angehöre. Zwar gab es in der Stadtverordnetenversammlung auch mal Streit, aber der war immer sachlich, nie unter der Gürtellinie. Besser kann man sich das als Bürgermeister nicht vorstellen.

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