"Wir wollen, dass es den Tieren gut geht"

Reichelsheim (dab). Nach unseren Berichten über den Tod von Rindern im Bingenheimer Ried haben sich viele besorgte, aber auch wütende Leser an die WZ-Redaktion gewandt.

Bei einem Vor-Ort-Termin erklärten drei Mitarbeiter vom Veterinäramt des Wetteraukreises, wann und wie sie bei kritikwürdiger Tierhaltung eingreifen, in welchen Fällen sie Tiere wegnehmen dürfen und wieso die extensive Haltung – dabei stehen die Tiere das ganze Jahr auf der Weide – in manchen Fällen sogar artgerechter sei.

Ging es am Anfang noch um drei tote Tiere auf einer Weide im Bingenheimer Ried, brach kurz darauf die Kuh eines anderen Halters in den Ortenbergsgraben zwischen Reichelsheim und Heuchelheim ein. Vermutlich war das Tier auf der Suche nach Wasser gewesen. Es konnte zwar von der Feuerwehr geborgen werden, starb aber kurze Zeit später. Einige Tage darauf wurde in dem Graben noch ein totes Kälbchen gefunden, das womöglich zeitgleich verunglückt, aber nicht gefunden worden war.

In Leserbriefen, Telefonaten und Mails beklagen unsere Leser zum einen die extensive Tierhaltung an sich. Zum anderen kritisieren sie die Tierhalter, die sich zu wenig um ihre Rinder kümmern würden. Auf ein Schlagwort laufen beide Argumentationen hinaus: Tierquälerei.

Ulrich Winter aus Reichelsheim fährt regelmäßig an dem etwa zehn Hektar großen Gelände vorbei, auf dem zuletzt drei Rinder gestorben waren. Winter will nach dem Rechten sehen. "Das Heu, das die Tiere fressen sollen, würde ich meinen nicht mal als Stroh anbieten", rügt er. Ebenso wenig als Fressen tauge das Schilf und Binsen, das dort wachse. "Wären die Tiere nicht eingezäunt, würden sie abhauen", ist Winter sich sicher.

"Von außen ist es schwierig zu erkennen, welche Qualität das Heu in einem Rundballen hat", erklärt Tiergesundheitsaufseher Volker Maurer, der an diesem Tag gemeinsam mit den Tierärztinnen Dr. Isabell Tammer und Cerstin Blaß nach Reichelsheim gefahren ist. Er zupft den Ballen, der neben dem festen Unterstand für die etwa 50 Tiere steht, am Rand auseinander. Auf den ersten Blick sei nichts zu beanstanden, aber bei einer richtigen Kontrolle würde er sich das Innere genau zeigen lassen. Einige Meter entfernt davon stehen weitere fünf Ballen, abgezäunt von den Tieren. Hier ist sich Maurer sicher: Von denen taugen nicht alle als Futter, zu lange lagen die nassen Ballen im Freien.

Mehrere Auflagen hat der Halter bekommen, nachdem sich die Todesfälle auf seiner Weide gehäuft hatten. Er muss den Unterstand freihalten, damit alle Tiere dort unterkommen können, und er muss ihn sorgfältig einstreuen, damit die Rinder eine trockene Liegefläche haben. Er muss energiereich und qualitativ hochwertig zufüttern und einen Fressplatz auf befestigtem Boden gewährleisten, ebenso muss er den Zugang zu Wasser sicherstellen. Sollte ein weiteres Tier verenden, wird eine pathologische Untersuchung angeordnet. Erkrankt ein Tier, ist umgehend ein Arzt hinzuzuziehen. Und vor Beginn der nächsten Frostperiode sind die Gefahrenzonen einzugrenzen.

"Die Tiere sind nicht gut ernährt"

"Wieso gibt es solche Probleme mit dem Wasser? Es gibt doch inzwischen beheizte Tränken", kann Ulrich Winter nicht verstehen, wie es überhaupt zu den Unglücksfällen kommen konnte. "Wir geben vor: Es muss ausreichend Wasser zur Verfügung stehen. Wie der Halter das umsetzt, ist seine Sache. Entweder er fährt jeden Tag hin und bringt den Tieren Wasser, oder er kümmert sich um eine geeignete Tränke.

Das können wir ihm nicht vorschreiben", erklärt Tammer. Dieser Halter habe sich dafür entschieden, eine Eisfläche aufzuhacken, um den Tieren dadurch den Zugang zu Wasser zu ermöglichen. Allerdings sei die freie Stelle nicht ausreichend abgesichert gewesen, sodass einige Tiere eingebrochen waren.

Die Wasserversorgung bei Frosttemperaturen sei stets problematisch, erläutert die Tierärztin, erst recht, wenn es so extrem kalt ist wie in diesem Januar. Tammer merkt zwar an, dass Tiere allgemein im Winter weniger Durst hätten. Unzweifelhaft sei aber, dass trotzdem für die regelmäßige Wasserversorgung gesorgt werden müsse.

"Auch im Sommer schreien die Rinder – vor Hunger", führt Ulrich Winter als weiteres Argument an, wieso er ein sofortiges Eingreifen für nötig hält. "Hier gilt das Gleiche: Der Halter muss für ausreichend Futter sorgen, das ist seine Pflicht. Über die Umsetzung entscheidet er: Bringt er Futter hin, wenn die Weide abgegrast ist? Oder verringert er die Anzahl der Tiere? Oder treibt sie zu einer anderen Stelle? Das liegt in seinem Ermessen.

" Allerdings seien Galloways, die den Großteil der 50 Tiere auf dieser Weide ausmachen, keine anspruchsvolle, sondern eine sehr naturnahe Rasse. "Die können auf kargem Boden gehalten werden." Hochleistungstiere wie zum Beispiel Holstein-Rinder seien nicht für die Extensivhaltung geeignet.

Zur dieser Art der Tierhaltung, die weniger Arbeitsbelastung bedeutet als die traditionelle Milchviehhaltung, gehöre in der Regel auch, dass die Kälber draußen geboren werden – selbst bei niedrigen Temperaturen. Das hatte eine Leserin bemängelt. "Die trächtige Kuh bleibt in ihrer Herde. Sie herauszunehmen, würde Stress für sie bedeuten", erklärt Tammer. Das Tier könne sich im Unterstand zurückziehen, um ihr Kalb zur Welt zu bringen. Abgesehen davon, dass es bei extensiv gehaltenen Tieren keine Decktermine gebe und damit der Geburtstermin recht unsicher zu bestimmen sei, sei es selbstverständlich, dass die Halter täglich nach ihren Tieren schauen und reagieren, falls es etwa Probleme mit Kälbern gibt.

Wieso in diesem Winter deutlich mehr Tiere als üblich gestorben seien, darüber können auch die Experten nur spekulieren. "Wenn die Tierhaltung nicht optimal ist, und das ist sie hier nicht, weil die Tiere nicht gut ernährt sind, haben die Tiere mehr Stress und sind anfälliger."

"Wir fahren regelmäßig hierher und kontrollieren, ob unsere Auflagen eingehalten werden," betont Tiergesundheitsaufseher Maurer. Dies sei momentan der Fall. Ein Indiz dafür sei auch, dass die Tiere inzwischen einen entspannten Eindruck machten. Bleibe alles in Ordnung, würden die Abstände zwischen den Visiten vergrößert.

"Wir sind dankbar für Hinweise"

"Wir können nicht überall sein", betont Dr. Tammer, dass sie und ihre Kollegen dankbar für Hinweise aus der Bevölkerung seien. "Vielen können wir aber nicht begreiflich machen, dass wir aus rechtlichen Gründen nicht nach ihren Vorstellungen handeln können." Was meist bedeuten würde: Die Tiere sollen ihren Haltern weggenommen werden.

Die klassische Vorgehensweise bei einer vorliegenden Anzeige sei, sobald wie möglich hinzufahren und etwaige Mängel zu beanstanden. Danach bekommt der Halter die Gelegenheit, die Sache aus seiner Sicht zu schildern. Überzeugt das die Mitarbeiter vom Veterinäramt nicht oder sollte der Halter schon häufiger aufgefallen oder der Zustand vor Ort gravierend sein, wird oft sofort ein Bußgeld verhängt. Mehren sich die Verstöße, steigt das Bußgeld von Mal zu Mal. Was nach dem Bußgeld kommt? "Wenn es den Tieren zweifelsfrei schlecht geht, werden sie ihren Haltern weggenommen." Allerdings bekommen die Besitzer immer wieder eine Chance, sich wie vorgeschrieben um ihre Tiere zu kümmern. "Unser Ziel ist, dass es den Tieren gut geht", betont Tammer. "Und wir gehen davon aus, dass auch der Halter daran interessiert ist."

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