Wenn Politiker Kartoffeln bestaunen: Ilse Aigner in der Wetterau

Wetteraukreis (kai). 90 Minuten dauerte gestern Nachmittag der Besuch von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) in der Wetterau. Wie beim Fußball war die Stippvisite in zwei Halbzeiten geteilt.

Am Elsterhof der Familien Fleischhauer und Weil informierten sich Aigner und ihre Ministerkollegin aus Hessen, Lucia Puttrich, über Kartoffelanbau und Vermarktung. Im Reichelsheimer Bürgerhaus gab’s Kaffee und eine kurze Diskussion mit etwa 100 Landwirten. Eingeladen hatte die Kreis-CDU.

"Die Veredlung macht es, das bringt uns Geld ein", erklärte Karl-Heinz Fleischhauer der Ministerin. Gemeinsam mit seiner Familie bewirtschaftet er einen 150-Hektar-Betrieb, die Flächen liegen im Umkreis von 15 Kilometer rund um Dorn-Assenheim. "Weil wir viele Kartoffeln anbauen, tauschen wir Flächen oder pachten sie für ein Jahr an", berichtete er. Interessiert bestaunten die Ministerinnen den Kartoffelschälbetrieb. Hier werden sie geschält, um sie in Beutel verpackt im Großmarkt verkaufen zu können. "Bauen sie die Sorte Linda an", wollte Aigner wissen. "Nein, wir brauchen Kartoffeln wie Tennisbälle. Runde, von denen es beim Schälen wenig Abfall gibt", entgegnete der Landwirt. Bis zu 1500 Tonnen Erdäpfel könne er in seinen Gebäuden lagern. "Das funktioniert nur mit konventionell erzeugten Kartoffeln, Pflanzenschutz ist nötig", erläuterte er. "Welche Bodenqualität haben sie hier", fragte Aigner. "80er Löslehmböden, die auch schon mal ein paar Wochen Trockenheit verkraften", erklärte Kreislandwirt Herwig Marloff.

"Die Wetterau ist seit jeher Agrarstandort. Schon die Römer wussten das und bauten den Limes rund herum, um die Gegend als Kornkammer zu nutzen", erklärte Landtagspräsident Norbert Kartmann seiner Bundeskollegin dann im Bürgerhaus. "Besuche von amtierenden Landwirtschaftministern haben eine lange Tradition im Kreis, das begann vor vielen Jahren mit Ignaz Kiechle", erläuterte er vor den Landwirten, die der Einladung zum Gespräch bei Kaffee und Kuchen gefolgt waren. "Ich weiß es zu schätzen, dass sie bei diesem Wetter hierher gekommen sind", sagte Puttrich. "Es ist mir eine Herzensangelegenheit mit ihnen gut zusammenzuarbeiten." Aigner berichtete von den schwierigen anstehenden Verhandlungen im EU-Agrarministerrat zur Agrarpolitik nach 2013. "Ich kann ihnen noch nicht sagen, wie es danach weitergeht." Gemeinsam mit Frankreich habe die BRD ein Papier vorgelegt, nun gelte es, die 16 anderen EU-Länder zu überzeugen. "Ich reise in jedes Land, um für unsere Positionen zu werben", versprach sie. Etwa 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werde Deutschland zum EU-Haushalt beisteuern. "Wir wollen noch Geld haben, um etwas selbst gestalten zu können."

Aigner wies darauf hin, dass es in Deutschland einen so großen Umstellungsprozess gegeben habe, wie in keinem anderen EU-Land. "Die Zeiten der Butterberge und Milchseen sind vorbei." Agrarpolitik fördere keine Überproduktion mehr, sondern das ordnungsgemäße Bewirtschaften der Felder. "Diese Entkopplung muss in allen EU-Ländern kommen." Bis Mitte November werde die EU-Agrarkommission ihre Vorschläge vorlegen, "danach wird es ernst".

Diskussion über Pflanzenschutz

Zufrieden zeigte sich die Ministerin mit den derzeitigen Milchpreisen: "Die Lage auf dem Markt hat sich stabilisiert." Im Gespräch wies ein Obstbauer aus Ockstadt auf Probleme mit Pflanzenschutzmitteln hin. "Wir brauchen wirkungsvolle Mittel, die unsere Kirschen vor Maden schützen." In Deutschland seien einige verboten, in der Türkei aber erlaubt. "Unser Markt wird mit türkischen Kirschen überflutet, das schadet uns." Aigner bat ihn, das Problem aufzuschreiben, sie wolle sich für ihn einsetzen. Zuhörerin Andrea Rahn-Farr kritisierte die hohe Besteuerung von Agrardiesel in Deutschland. "Wir zahlen 25 Cent. In Frankreich sind nur 2 Cent fällig.

" Aigner entgegnete, dass sich die Bundesrepublik die agrarsoziale Sicherung jährlich 2,3 Milliarden Euro kosten lasse. "Frankreich macht das nicht, damit unterstützen wir die deutsche Landwirtschaft verlässlich." Sie bat, im Vergleich mit den Nachbarn "nicht nur die Rosinen herauszupicken". Vor dem Hintergrund, dass der Agraretat um 50 Millionen Euro gekürzt werden müsse, sei mit einer Senkung der Dieselabgabe nicht zu rechnen.

Nach diesen Statements läutete Kartmann das Ende des Gesprächs ein. Blumen und Sekt für Aigner gab’s vom Reichelsheimer Bürgermeister Bertin Bischofsberger, Bücher über die Wetterau schenkten Marloff und die Kreis-CDU.

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