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Nur wenige Wochen hält die Freude über die Rarität aus dem fernen Süden: Der Zistensänger in Reichelsheim.

Zistensänger von Reichelsheim

Weggeflogen oder gestorben? Einziger Vogel seiner Art in der Wetterau ist verschwunden

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Er war der Einzige seiner Art in der Wetterau: Der vor einigen Wochen am Rande des Bingenheimer Rieds gesichtete Zistensänger ist verschwunden. Wo ist er hin? Lebt er noch?

Der Einzige seiner Art in der Wetterau ist verschwunden: der kleine Zistensänger von Reichelsheim. Das knapp zehn Zentimeter große Singvogelmännchen wurde vor gut einem Monat am Rande des Bingenheimer Rieds gesichtet - und die Art damit erstmals in der Wetterau (die WZ berichtete). Womöglich wurde die Art aus Afrika mit Saharawinden in unsere Region gepustet. Der einsame Junggeselle trug Nistmaterial umher und wartete auf ein Weibchen - offenbar vergeblich. Seit vier Wochen ist er nicht mehr gesichtet worden. Ornithologen haben den seltenen Gast daher als verschwunden erklärt - zumindest vorerst.

"Wäre er noch da, hätten wir den Zistensänger gesehen oder gehört", sagt Vogelkundler Dr. Thomas Sacher, der das Tier in Reichelsheim Ende Juni/Anfang Juli nahe seines Hauses entdeckt hatte. Immer wieder hätten er und andere Vogelexperten in den letzten Wochen nach der in Deutschland seltenen Art Ausschau gehalten und die Ohren nach ihrem Gesang gespitzt - ohne Erfolg. Rund zwei Wochen war der Gast aus dem Süden demnach in der Wetterau. "Was mit ihm passiert ist, wissen wir nicht. Er könnte weggeflogen, aber auch gestorben sein", sagt Sacher. Das sei schon etwas frustrierend.

Zistensänger verschwunden: Sichtungen in anderen Bundesländern

Zistensänger sind eigentlich in Südeuropa, dem südlichen Asien und Afrika zu Hause. Den Sommer verbringen die Tiere überwiegend in Ländern südlich von Deutschland, etwa in Griechenland, Spanien oder Italien, seltener auch in Frankreich. In Hessen ist die Art erst einmal zuvor gesehen worden und zwar 1995 im Raum Darmstadt.

In diesem Jahr sprechen Ornithologen aber von einem Einflug in ganz Deutschland. Vor einigen Wochen sind Zistensänger nämlich auch in Rheinland-Pfalz sowie Bayern aufgetaucht. "Es ist ein Indiz für den Klimawandel", sagt Sacher. Immer wieder werde beobachtet, dass Vögel ihr Zugverhalten änderten - zum Beispiel bei höheren Temperaturen weiter Richtung Norden flögen, um mögliche neue Brutgebiete zu erkunden. Dabei können ihnen günstige Winde unter die Flügel greifen.

Zistensänger: Er hatte in der Wetterau für Aufsehen gesorgt

In und um Reichelsheim habe sich der Zistensänger vorwiegend am Rande des Bingenheimer Rieds aufgehalten, in einem Bereich mit höherem Gras und feuchten Senken, berichtet Sacher. Das Auftauchen des Piepmatz hatte unter Vogelfreunden für Aufsehen gesorgt. Selbst aus Schleswig-Holstein und Hamburg seien Leute angereist, um den Vogel zu sehen.

"Wir waren schon etwas überrascht, als er plötzlich weg war", sagt Sacher. Der Vogel habe bereits ein Revier besetzt und Nistmaterial im Schnabel getragen - typisch für junge Männchen auf der Suche nach Weibchen. Vergebene Liebesmüh für den einzigen seiner Art in der Wetterau. Dass keine passende Partnerin für ihn zu finden ist, hat der Zistensänger letztlich vielleicht bemerkt. In den Tagen vor seinem Verschwinden habe er deutlich weniger gesungen, sagt Sacher. Vielleicht sei er zurückgeflogen gen Süden, um dort eine Artgenossin zu treffen.

Zistensänger: Art breitet sich gen Norden aus

Bemerkenswert ist, dass mittlerweile auch andere in Deutschland gesichtete Zistensänger, wie etwa der in Bayern, verschwunden sind. Das kleine Wetterauer Männchen habe sich im Vergleich am längsten an ein und demselben Ort aufgehalten, berichtet der Vogelkundler. "Die Bedingungen hier sind ideal", sagt er. "Wäre noch ein Weibchen gekommen, hätten sie bestimmt gebrütet."

Dass das irgendwann noch geschieht, ist nicht ausgeschlossen. Der Vogel ist womöglich jünger als zunächst angenommen und könnte demnach noch ein längeres Leben haben. Nach aktuellen Erkenntnissen könnte er nämlich 2019 und nicht schon 2018 geboren worden sein, wie Sacher erklärt. "Die Art breitet sich ohnehin weiter gen Norden aus", sagt er. "Wenn wir einen milden Winter und ein warmes Frühjahr haben, könnte es durchaus sein, dass er im nächsten Jahr zurück in die Wetterau kommt."

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