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Von Weckesheim nach Maryland

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Reichelsheim-Weckesheim (kai). Die rote Farbe wirkt abgeblasst. Der Stab, auf den der Strahler montiert wurde, ist noch gut zu erkennen. Ebenso die Aufschrift auf der Beifahrertür: »Freiwillige Feuerwehr Weckesheim«. »Wir dachten, wir sehen unser altes LF 8 wir nie wieder«, erzählt Rudi Hägel von der Alters- und Ehrenabteilung.

Vor wenigen Tagen ging eine Mail aus den USA ein – mit Fotos des vor 27 Jahren ausgemusterten Löschfahrzeugs. Der Schwarzwälder Hannes Steim, der seit einigen Jahren in den USA lebt, entdeckte das Gefährt bei einem Sammler. Er fragte die Weckesheimer: »Wie kam Ihr ausgedientes Fahrzeug in die USA?«

Die Feuerwehrsenioren recherchierten. Ahnenforschung in Sachen Löschfahrzeug. An die erste Station nach dem Auszug aus der Fahrzeughalle an der Lustgartenstraße erinnern sich die Männer: »Es stand auf dem Gelände vom Altwagenabholservice Schneider zwischen Haus und Halle.« Fotos belegen das. Blaulichter, Signalhorn, ein Nummernschild und Leitern waren abmontiert. Danach verlor sich die Spur. »Schneider verkaufte das LF 8 weiter an einen Bastler aus Dorheim, der sich aufs Restaurieren von Mercedes-Oldtimern spezialisiert hatte«, erzählt Hägel. Die Weckesheimer sprachen ihn an, er half weiter: Bei seinen Touren in die USA, wo er Oldtimer aufspürte, nahm er vor mehr als 25 Jahren Fotos des Mercedes 319, Baujahr 1961 mit.

Per Schiff nach Übersee

Ein Sammler kaufte das alte Einsatzfahrzeug. Die letzte Fahrt des LF 8 führte von der Wetterau nach Bremerhaven. Von dort ging’s per Schiff nach Übersee. Ziel: Aberdeen im Staat Maryland. »Der dortige Besitzer starb vor drei Jahren.« Diese Informationen wollen die Feuerwehrsenioren nun gemeinsam mit diesem WZ-Artikel zu Steim nach Holland/Ohio schicken.

»In Zeiten von Google und Co ist so etwas kein Thema, das war eine echte Überraschung, als die Mail mit den Fotos kam«, erzählen die Feuerwehrsenioren. »Es ist schon was Besonderes, dass unser altes Auto in den USA aufgetaucht ist.« Gern erinnern sie sich an die fast drei Jahrzehnte, in denen sie mit dem Mercedes ausrückten. »Unser damaliger Maschinist sagte, er komme sich wie ein Kapitän auf einem Dampfer vor, wenn er das LF 8 fuhr, selbst auf gerader Strecke musste er ständig justieren«, erinnert sich Paul Törmer. »Vollgeladen und mit oft mehr als den neun Männern, kam er im dritten Gang mit Vollgas gerade mal auf Tempo 60.«

Mit zwei Pumpen war das Fahrzeug ausgestattet, eine war vorn am Motor montiert, dazu Saugschläuche und die hölzerne, vierteilige Steckleiter auf dem Dach, Scheinwerfer und Kabeltrommel. »Wenn die Pumpe benötigt wurde, lief der Motor«, erzählen die Feuerwehrsenioren. »Als es 1988 ausgemustert wurde, hatte es 6000 Kilometer auf dem Tacho.« Kurz bevor ihr alter Mercedes ersetzt wurde, sehnten die Feuerwehrleute ein neues Fahrzeug herbei. »Zum Wettbewerb borgten wir uns das neue Fahrzeug aus Schwalheim, mit dem wir dann den Kreisentscheid gewannen.« Anfang der 60er-Jahre sei das anders gewesen. Nach einem feucht-fröhlichen Feuerwehrfest wollte der Fahrer rasch nach Hause. Stopps zum »Entleeren« lehnte er ab. Da blieb nichts anderes übrig, als die Köpfe aus dem Fenster des fahrenden LF 8 zu strecken, um den Mageninhalt loszuwerden. Daheim angekommen, betrachteten die Männer ihr Malheur und waren sich einig: Das Fahrzeug musste umgehend gereinigt werden.

Die Erinnerungen und die Infos aus den USA packen die Senioren nun ins Archiv, denn ihnen ist klar: Zurückholen werden sie den Oldtimer nicht. »Auch alte Feuerwehrtechnik muss gehegt und gepflegt werden.« Das koste viel Zeit.

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