Mehrere Bäume müssten für den Neubau der Kita gerodet werden. Noch ist die Politik nicht zu einer finalen Entscheidung gekommen. 	FOTO: TIMO GOLDSCHMIDT
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Mehrere Bäume müssten für den Neubau der Kita gerodet werden. Noch ist die Politik nicht zu einer finalen Entscheidung gekommen. FOTO: TIMO GOLDSCHMIDT

Keine Entscheidung

Die Wäldchen-Frage bleibt unbeantwortet

»Wir sollten sachlich abwägen, was uns wichtiger ist: das Wäldchen, sollte es keinen anderen geeigneten Standort geben, oder der Kindergarten«, sagte Bürgermeister Bertin Bischofsberger. Der Ausschuss hatte zur Sondersitzung geladen. Eine Entscheidung gab es nicht.

In der Sitzung des Ausschusses für Infrastruktur, Stadtentwicklung, Landwirtschaft und Umwelt beschäftigten sich die Kommunalpolitiker erneut mit der Vorlage des Magistrates vom Juni 2017 zum Neubau einer fünfgruppigen Kita. Er soll auf dem Grundstück neben dem Bürgerhaus entstehen. Das Parlament hatte Ende September das Vorhaben zunächst gestoppt. Alle Fraktionen hatten sich für die Sondersitzung ausgesprochen, weil die Standortwahl in der Stadt intensiv diskutiert wird. Dies belegen zahlreiche Leserbriefe in der WZ, Facebook-Kommentare und die Gründung der Bürgerinitiative »Rettet das Reichelsheimer Wäldchen«, dessen Initiator Rudolf Zentgraf der Sitzung beiwohnte.

Schadensersatz für Architekturbüro?

Horst Wenisch, Büroleiter der Stadt, legte in einer Präsentation dar, wie die Entscheidung für den Standort zustande kam und stellte fest: »Die bestehenden Kitas platzen aus allen Nähten.« Er gab außerdem zu Bedenken, dass das Architekturbüro »twoo« aus Köln, welches sich im Vergabeverfahren durchsetzen konnte; ein Anrecht auf den Auftrag habe. Sollte keine Beauftragung erfolgen, stehe dem Büro Schadensersatz zu. Zudem sei die Ausführung für September 2022 geplant und könne sich bei weiterer Verzögerung um ein bis zwei Jahre verlängern.

Geplant sei ein Kindercampus zwischen Schule und Kita, der als Lebensmittelpunkt für Kinder zwischen dem ersten und zehnten Lebensjahr dienen soll.

Rudolf Zentgraf von der Bürgerinitiative stellte im Ausschuss seine Idee eines zweistöckigen Baus vor, durch den man Baugrund und Kosten spare. Dadurch kämen auch andere Standorte infrage, etwa hinter dem Bürgerhaus. Oder ein Multifunktionsgebäude aus Bürgerhaus mit integrierter Kita. »Man muss den Klimawandel berücksichtigen und das Wäldchen erhalten. Wir können stolz sein auf unser kleines Biotop, das aus vielen wertvollen Bäumen und Pflanzen besteht«, sagte er.

Die Leiterin der Bauverwaltung Petra Klöppel entgegnete Zentgrafs Ideen, dass eine zweigeschossige Kita bereits im Wettbewerb aufgrund der Funktionalität ausgeschlossen worden sei, weil man den unmittelbaren Ausgang ins Freie als sehr wertvoll für Kinder erachte. Zudem seien die Kosten deutlicher höher als bei einem ebenerdigen Gebäude. Auch ein Multifunktionsgebäude sei nicht sinnvoll, da man keine Gaststätte mit einer Kita kombinieren könne und Fördermittel für die Dachsanierung des Bürgerhauses zurückgezahlt werden müssten.

Im zweiten Teil der Präsentation ging Klöppel umfassend auf baurechtliche Fragen und den Standort ein. Es wurden die verschiedenen Standortalternativen erläutert, mit dem Ergebnis, dass der Standort am »,Wäldchen« am geeignetsten sei und auch zusätzliche Parkplätze schaffe. Ein großer Vorteil sei, dass es Synergieeffekte mit dem Bürgerhaus gebe, die beispielsweise bei dem alternativen Standort nördlich der Schulsporthalle nicht vorhanden seien. Zudem müsse dort die Straße komplett neu gebaut werden, was alleine über 250 000 Euro kosten würde. Sie betonte zudem, dass das Wäldchen im Sinne des Bundeswaldgesetzes gar kein Wald sei und bei einer artenschutzrechtlichen Prüfung durch einen Gutachter keine bedrohten Arten festgestellt worden seien. Darüber hinaus stellte sie verschiedene Flächen in der Stadt vor, die für Ersatzpflanzungen infrage kommen.

Am Ende waren sich in der Diskussion alle Fraktionen einig, dass eine Entscheidung unter Einbeziehung aller Standpunkte und Abwägung aller Argumente das Beste für die Stadt sei. Daher wird es eine weitere Sondersitzung zu dem Thema voraussichtlich noch in diesem Jahr geben.

Rudolf Zentgraf zeigte sich nach der Sitzung enttäuscht: ,«Der alte Sportplatz wäre ein guter Alternativstandort, scheitert aber an den Kosten. Der Naturschutz ist SPD und CDU zu teuer, nur die Freien Wähler stehen da hinter uns.«

Fest steht: Es wird für die Entscheider keine leichte Aufgabe, alle Interessen unter einen Hut zu bringen.

»Wichtiger Standortfaktor«

Bürgermeister Bertin Bischofsberger betonte in einleitenden Worten zur Debatte noch einmal, warum der Neubau der Kita für die Stadt von großer Wichtigkeit sei. Da seit 2013 alle Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahres einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz haben, müsse dies von der Stadt gewährleistet werden. Die Kitas in Reichelsheim, Holzwurm und Steinbeißer, seien zu klein und würden bautechnisch nicht mehr den Ansprüchen der heutigen Zeit genügen. »Ein wichtiger Standortfaktor ist, dass jede Familie einen Betreuungsplatz erhält. Im Wetteraukreis gibt es wenige Kommunen, die das sicherstellen können,« meinte Bischofsberger. Allerdings müsse man den sich verschärfenden Klimawandel in die Debatte einbeziehen, somit sei eine Diskussion über den Erhalt des Wäldchens richtig.  Timo Goldschmidt

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