Bei 40 000 Verhandlungen die Ohren gespitzt

Reichelsheim (lk). Eigentlich wollte Helmut Fischer Förster werden, denn er mag die Natur und Tiere. Doch die Schottener Forstschule hatte 1964 genügend Auszubildende, der Berufswunsch des Reichelsheimers platze. Also wurde Helmut Fischer Protokollführer.

"Und das war auch gut so", findet der 65-Jährige. Nach seiner Lehre und ersten Arbeitsjahren beim Landgericht in Frankfurt arbeitete er beim Friedberger Amtsgericht. Sein Zuständigkeitsbereich: Bei Strafverfahren die Ohren spitzen, das Protokoll schreiben und darauf achten, dass die Vorgaben der Strafprozessordnung eingehalten werden. Helmut Fischer hat während der vergangenen 48 Jahre Tausende Angeklagte gesehen und Hunderte Schicksale verfolgt. Jetzt ist Schluss: Am Freitag geht der Justizhauptsekretär in Rente.

Er ist der letzte seiner Art, quasi das Fossil des Friedberger Amtsgerichts: Helmut Fischer hat dort 41 Jahre als Hauptprotokoller gearbeitet, als Beamter im Mittleren Dienst. "Die Damen aus der Strafsachenabteilung sind inzwischen alle Angestellte", weiß der 65-Jährige, der am Freitag ein letztes Mal das Amtsgericht als Mitarbeiter betritt, bevor er es als Rentner verlassen wird. Traurig darüber sei er nicht, sagt der Reichelsheimer. "Irgendwann ist ein Punkt erreicht, da kann und will man nicht mehr. Es wird Zeit, ich merk’s."

Auch wenn er sich auf die Zeit als Pensionär freut, auf die Jahre im Dienst blickt Helmut Fischer gerne zurück. Angefangen hat er 1964 als Angestellter am Frankfurter Landgericht, es folgte die Ausbildung zum Protokoller, 1971 wechselte er an das Friedberger Amtsgericht. Rund 40 000 Strafverfahren habe er im Laufe der Jahre protokolliert, weiß Fischer, einige Verhandlungen seien ihm besonders im Gedächtnis geblieben. "Einmal ist mir ein Angeklagter im Sitzungssaal gestorben", erinnert er sich. Der etwa 50-jährige Mann, der wegen Unfallflucht auf der Anklagebank gesessen habe, hätte einen Herzanfall erlitten. "Mitten während der Verhandlung ist er vom Stuhl gekippt und war tot." Auch der herbeigerufene Notarzt habe nichts mehr ausrichten können.

In einem anderen Verfahren habe er erlebt, dass ein junger Mann eine volle Cola-Dose nach dem Richter geworfen habe. "Der Richter hatte dem Angeklagten ausnahmsweise erlaubt, die Dose mit in den Saal zu nehmen. Zum Dank hat der Junge sie während der Urteilsverkündung auf den Richter geworfen, den aber nicht richtig getroffen", sagt Fischer. Und ein andermal habe ein Richter entschieden, die Verhandlung trotz Bombendrohung nicht zu unterbrechen.

Während sämtliche Mitarbeiter, Zeugen und Angeklagten das Gebäude verließen, protokollierte Fischer weiter. Der längste Prozess, den er begleitete, habe übrigens stolze 30 Verhandlungstage umfasst.

Seit er im Alter von 16 Jahren begann bei Gericht zu arbeiten, habe sich viel verändert. "Der menschliche Kontakt untereinander ist anders, man kennt sich nicht mehr so gut. Früher wusste ich von jedem, in welcher Abteilung er sitzt und was er treibt, das weiß ich heute längst nicht mehr." Auch die Arbeit an sich habe sich gewandelt. "Die Hektik ist gestiegen, auch durch den Computerkram", meint Fischer, der am Amtsgericht fünf Direktoren erlebt hat.

Dass der 65-Jährige vom alten Eisen ist, lässt sich während Strafverhandlungen auch daran merken, dass er der einzige Protokoller ist, der während der Verhandlung nicht am Computer arbeitet, sondern handschriftlich seine Notizen verfasst. "Ein Kugelschreiber kann nur runterfallen, ein Computer allerdings abstürzen", begründet er. Außerdem habe man auf diesem Weg nicht den ganzen Tag das Geklapper um die Ohren, findet der Reichelsheimer, der einige der Angeklagten seit Jahren kennt.

"Die kommen mit schöner Regelmäßigkeit wieder. Manche grüßen mich sogar auf der Straße", sagt Fischer grinsend. "Ich hab’ ein gutes Verhältnis zu meiner Kundschaft", ergänzt er und fängt an zu lachen.

In Fischers Job ging es viel um Formalien und darum "im Oberstübchen fit zu sein". Schließlich ist "das Protokoll der Nachweis darüber, was in der Hauptverhandlung passiert ist", erklärt er. Das wichtigste für einen Protokollführer sei, die Strafprozessordnung zu kennen. "Wer das nicht tut, ist verraten und verkauft", betont er. Schließlich müsse ein Protokollant erkennen, wenn etwas falsch gemacht werde, etwa Zeugen nicht belehrt würden. "Denn das ist ein Revisionsgrund", erklärt Fischer. Inzwischen habe er so viele Prozesse erlebt, dass er den Ausgang der Verfahren in vielen Fällen im Vorhinein voraussagen könne.

In all der Zeit bei Gericht habe er auch menschliche Schicksale hautnah erleben können. "Manches war nicht schön. Einmal, es ging um eine fahrlässige Tötung, hatten wir einen Angeklagten, der seine Frau totgefahren hat. Das war sehr bitter." Weniger gerne habe er stets Sexualdelikte bearbeitet. "Besonders, wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern ging." Denn: "Lieber ein ehrlicher Dieb, als so ein Drecksack."

Auch wenn Fischer jetzt das Leben als Rentner ruft, ganz wird er dem Protokollieren nicht abschwören, schließlich ist er seit Jahrzehnten als Schriftführer im Vorstand der Reichelsheimer Feuerwehr tätig. Der 65-Jährige ist sich sicher: "Ich werde nicht an Langeweile sterben." Er sei sehr an der Natur interessiert, lese gerne und kümmere sich um eine Katze und zwei Igel, die regelmäßig bei ihm zum Essen vorbeikämen. Außerdem habe er schon lange vor, sein Haus umzuorganisieren und er freue sich darauf, "endlich mal Filme gucken zu können, die etwas später kommen."

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