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Trude Schmitz-Folkmanis ist 96 Jahre alt. Selbstbewusst sitzt sie an ihrem Stutzflügel und erzählt von einem bewegten und sehr musikalischen Leben. Foto: arc

Abschied bei Silvestergala

Trude Schmitz-Folkmanis ist 96 und steht immer noch auf der Bühne

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Nach über 35 Jahren verabschiedet sich die ehemalige Mezzosopranistin Trude Schmitz-Folkmanis aus Heuchelheim von der Bühne. Aber nicht von der Musik.

Immer hat Sängerin Trude Schmitz-Folkmanis ihre "Stimme frisch gemacht", und deshalb könne sie auch im hohen Alter noch singen, sagt die heute 96-Jährige. Mit der großen Silvestergala, die sie seit 15 Jahren organisiert, verabschiedet sie sich von der Bühne. Ein guter Zeitpunkt, um auf ein bewegtes Leben zurückzublicken.

Im Internat der Augustinerinnen in Heisterbach stand sie als junges Mädchen in der Kapelle und durfte immer wieder Soli singen, erzählt Schmitz-Folkmanis. Schließlich sei es auch die Schwester Oberin gewesen, die ihrem Vater vorschlug, ihr eine Gesangsausbildung angedeihen zu lassen. Ihr Vater wollte von dieser Idee aber nichts wissen; die Musik hatte das Mädchen jedoch schon gefangen und ließ es nicht mehr los. So musste sich die junge Trude alles selbst erarbeiten und finanzieren, ohne Unterstützung durch das Elternhaus.

Eltern fördern sie nicht

Neben dem Zweiten Weltkrieg sei die fehlende elterliche Förderung ein Grund gewesen, dass sie erst spät den Weg an die Hochschule fand. 1946 startete sie bei Professor Krauß in Düsseldorf eine Ausbildung, die sie auf die Hochschule in Detmold vorbereiten sollte. Dort legte sie 1958 ihr Staatsexamen ab und begann 1959, am Staatstheater Detmold zu singen. Bereits drei Jahre später wurde sie Mitglied der Alten Oper in Frankfurt, wo sie bis zu ihrem Ruhestand 1983 blieb. Natürlich stand sie nicht nur in Frankfurt auf der Bühne. An ihre Gastspiele in Amsterdam, London, Edinburgh oder auch Bayreuth erinnert sie sich gerne zurück. Doch auch an die kleineren Tourneen, wenn das Ensemble "auf dem Land" spielte und dort dem Publikum mehr die leichte Muse bot, in der sie sich auch sehr wohlfühlte. Gesungen und gespielt wurde überhaupt alles, was auf dem Spielplan stand, gleich ob es Oper oder Musical war.

Sie gibt ihr Wissen weiter

Hierzu merkt Schmitz-Folkmanis an, dass Oper, Operette und Musical anstrengend sind für die Stimme. Man steht auf der Bühne, muss schauspielern und dazu noch ohne Mikrofon über das Sinfonieorchester hinwegsingen, sodass auch die Stimme bis in den letzten Winkel des Saales trägt. Weil Bach und Händel die Stimme wieder "frisch machten", liebe sie diese beiden Komponisten besonders. "Man steht entspannt neben dem Kapellmeister", erzählt sie, "und singt direkt ins Publikum." Außerdem seien die Werke einfach besser für die Stimme, ebenso wie Lieder aus der Romantik von Schubert. Trotzdem habe sie zusätzlich immer wieder Stimm-Pädagogen aufgesucht, um ihre Stimme frisch zu halten.

Nach ihrer aktiven Zeit begann sie bald sich um den Kinderchor der Alten Oper zu kümmern. Außerdem rief sie den Singkreis der Landfrauen Heuchelheim ins Leben sowie den Kinderchor "Horlofftaler Spatzen", aus welchem sie auch immer wieder Kinder für den Opernchor gewann. Gesangsunterricht und die Weitergabe ihres Wissens wurden schnell zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt. Dabei erinnert sich Schmitz-Folkmanis gerne an die Kinder, die zu Beginn ihrer Ausbildung schüchtern und zurückhaltend waren und mit wachsendem Können und Bühnenerfahrung zu selbstsicheren, aufgeschlossenen Persönlichkeiten entwickelten. Zum Glück war sie mit ihrem Mann 1978 nach Heuchelheim gezogen, sagt sie. "In einer Mietwohnung in Frankfurt wäre das alles nicht gegangen."

Sieht man heute die selbstbewusste, offene und respektvolle Rentnerin vor sich und bedenkt, dass sie sich ihre Karriere erkämpfen musste, versteht man vielleicht, warum sie sich gerade für die musikalische Ausbildung junger Menschen engagierte. Unter ihren Schützlingen waren viele, die heute als Gesangsprofis ihren Lebensunterhalt verdienen oder als Semi-Profis Erfolge feiern, das freut Schmitz-Folkmanis besonders.

"Ich bin jetzt 96", sagt sie, "einmal muss es genug sein." Und während Trude Schmitz-Folkmanis das sagt, setzt sich die heutige Altistin an ihrem Stutzflügel und zeigt auf ein Notenbuch: "Von Kopf bis Fuß auf Kino eingestellt" und erklärt, das habe sie sich jetzt gekauft. Ein Abschied von der Bühne ist noch lange kein Abschied von der Musik.

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