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Von Telefonterror und Gaunern

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Achtung, nicht rangehen: Die Nummern, von denen er am häufigsten angerufen und genervt wird, hat Wulf Hein auf Zettel geschrieben und übers Telefon gehängt.
Achtung, nicht rangehen: Die Nummern, von denen er am häufigsten angerufen und genervt wird, hat Wulf Hein auf Zettel geschrieben und übers Telefon gehängt. © Laura Kaufmann

Reichelsheim (lk). Wulf Hein ist schwer genervt. Seit Wochen bekommt der Reichelsheimer immer wieder unerwünschte Anrufe. Mal wird direkt aufgelegt, sobald er den Hörer abnimmt, mal soll er etwas kaufen. Hein will, dass die Telekom eine Rufnummernsperrung einrichtet. Doch die will dafür Geld. Hein findet das unmöglich.

Die Telefonnummer gehört heute zu den persönlichsten Daten, die man hat. »Man muss ganz vorsichtig sein, wo man sie angibt«, sagt Polizeipressesprecherin Sylvia Frech. Wulf Hein aus Reichelsheim weiß das. Seine Festnetznummer steht nicht im Telefonbuch. »Meine Handynummer auch nicht. Nicht mehr.« Hein hatte seine Telefonnummer einige Zeit online. Nachvollziehbar, schließlich ist der 56-Jährige selbstständig.

Hein ist Archäo-Techniker. Er macht das Leben unserer Vorfahren sichtbar, stellt beispielsweise Flöten aus Knochen her. Seine Kunden sind Museen auf der ganze Welt. Und zwar Hunderte. Seit einigen Wochen können Museums-Mitarbeiter Hein jedoch schwerer erreichen als früher. Sie müssen ihm oft eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Denn Hein ignoriert das Telefon – das Handy und das Festnetz.

Der Grund: Der Dorn-Assenheimer bekommt massig unerwünschte Anrufe verschiedenster Art. »Manchmal klingelt es nur einmal. Das sind sogenannte Ping-Anrufe«, sagt Hein. Bei dieser Form des Anrufs wird nach einmaligem Anklingeln aufgelegt. Da die Rufnummer übertragen wurde, drückt der Angerufene aus Höflichkeit oder Neugier die Rückruftaste und tätigt damit ein kostenpflichtiges Gespräch.

Der 56-Jährige bekommt aber auch Anrufe, bei denen erst aufgelegt wird, sobald er oder seine Frau den Hörer abgenommen haben. Dabei könnte es sich um klassische Ausspäh-Anrufe handeln, meint Hein.

Außerdem erhält er noch Werbeanrufe, beispielsweise aus Hamburg. »Die bieten dann Energieberatung oder Stromverträge an.« Telefonakquise ist in Deutschland verboten. In Werbeanrufe, sogenannte Cold Calls, hat Hein »niemals eingewilligt«. Der 56-Jährige hat an die Bundesnetzagentur geschrieben. Sie kümmert sich um die Verfolgung im Fall von Cold Calls. Bislang bekam Hein lediglich eine standardisierte Antwort. Die Ermittlungsarbeit könne einige Zeit in Anspruch nehmen, heißt es darin.

Die Nummern, von denen Hein am häufigsten belästigt wird, hat er sich inzwischen notiert. Der gelbe Zettel hängt über dem Telefon mit dem Hinweis: »Achtung, nicht rangehen.«

Hein sagt: »Es geht nicht nur mir so, sondern auch einigen Bekannten und anderen Leuten aus dem Ort.« Die Anrufe, zum Teil sind Nummern aus Neuseeland darunter, kommen oft täglich. Bevor der 56-Jährige ans Telefon geht, überprüft er am Computer, ob es sich tatsächlich um die Nummer eines Kunden handelt. Mehrfach pro Woche sitzt er inzwischen deswegen vorm PC. »Das ist meine Lebenszeit, ich habe anderes zu tun.«

Was Hein auch stört: der Umgang der Telekom mit seinem Problem. »Ich bezahle für meinen Festnetzanschluss, zwei Handys und Internet 120 Euro im Monat.« Seit 1979 sei er Kunde, erwarte Hilfe.

Auf seine Beschwerde-E-Mail hin wurde er von einer Mitarbeiterin angerufen. »Es hieß, ich könne ein Sicherheitspaket für monatlich 10 Euro buchen und die Nummern von einzelnen Anrufern sperren lassen. Für 3,50 oder 4 Euro pro Nummer. Aber das sehe ich nicht ein«, sagt der Dorn-Assenheimer, der das Angebot als »Schutzgelderpressung« bezeichnet. »Die Telekom hat mir mitgeteilt, für sie bedeute das Sperren der Nummern einen administrativen Aufwand.« Er wurde zudem informiert, er könne sich für einmalig 79,95 Euro eine neue Rufnummer zulegen. »Was glauben die denn, was für ein administrativer Aufwand das für mich erst ist, die neue Nummer meinen Kunden mitzuteilen?«, sagt Hein.

Auf die Frage, ob es keine andere Lösung gebe, teilt die Telekom der WZ mit, Herrn Hein seien bereits mögliche Lösungswege aufgezeigt worden. Man könne – »wie alle anderen Wirtschaftsunternehmen auch« – Leistungen nicht einfach kostenlos anbieten und bedauere, dass Hein die Angebote der Rufnummernsperre oder des Nummernwechsels nicht zusagten. Zum Phänomen der Ping-Anrufe und der Cold Calls äußert sich die Telekom nicht.

Betrug oder Belästigung? Polizeipressesprecherin Sylvia Frech fällt eine Einordnung dessen, was Hein derzeit widerfährt, nicht leicht. »Die Anrufe haben verschiedene Motivationen«, sagt sie. Zum einen wolle man Hein etwas verkaufen, zum anderen steckten vielleicht tatsächlich Betrüger dahinter, »die ihr Glück durch einen kostenpflichtigen Rückruf versuchen. Ganz pauschal einen Tipp zu geben, ist schwer.« Abgesehen davon könne man nie sicher sein, dass ein Anruf mit einer Vorwahl aus Neuseeland auch aus Neuseeland komme. Die Methode, mit der Telefonate unter einer vorgetäuschten Nummer geführt werden, um eine falsche Identität vorzugaukeln, nennt sich Call ID Spoofing. »Es ist schwierig, so etwas zu verfolgen. Abgesehen davon stellen solche Anrufe strafrechtlich nichts dar, die Polizei habe keine Handhabe.« Der Bürger müsse sich in einem solchen Fall selbst behelfen.

Ihre Tipps an Wulf Hein: »Wenn die Anrufe überhand nehmen, kann er die Nummer wechseln, aber das ist für einen Selbstständigen natürlich blöd.« Abgesehen davon stünde jedem die Wahl des Telefonanbieters frei. Sprich: Vielleicht findet Hein bei einem anderen Telefonanbieter sein Glück.

Um Cold Calls, Ping- und Ausspähanrufe dauerhaft zu vermeiden, »sollte man vorsichtig mit der eigenen Telefonnummer umgehen, sie beispielsweise nicht in sozialen Netzwerken angeben«. Frech rät, bei unerwünschten Anrufen einfach aufzulegen. Keinesfalls solle man auf die Frage »Spreche ich mit Herrn oder Frau XY?« mit »Ja« antworten. Denn laut Frech könnten Betrüger das Gespräch aufzeichnen, mit dem mitgeschnittenen »Ja« später suggerieren, der Angerufene habe in ein Geschäft, eine Leistung eingewilligt.

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