Wer sich Zeit nimmt zum Besuch der offenen Kirche, entdeckt den ein oder anderen Blickfang, wie das runde Fenster an der Südwand.
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Wer sich Zeit nimmt zum Besuch der offenen Kirche, entdeckt den ein oder anderen Blickfang, wie das runde Fenster an der Südwand.

Von der Stille und warmen Socken

  • Ines Dauernheim
    vonInes Dauernheim
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Reichelsheim (kai). »Wenn ich hier sitze, habe ich das Gefühl, beschützt zu sein«, sagt Beate Nohl-Franosch. Seit einigen Monaten verbringt sie meist freitagnachmittags drei Stunden in der Reichelsheimer Kirche. Gemeinsam mit Pfarrerin Angela Schwalbe, Irene und Dieter Fleischhauer sowie Ulla Wagner möchte sie das Angebot »Offene Kirche« in Reichelsheim etablieren.

Zweimal in der Woche, mittwochs und freitags, steht die Kirchentür offen. »Jeder, der mag, kann in der Zeit in die Kirche kommen«, lädt Schwalbe ein. »Es gibt vielfach den Wunsch, in der Stille in der Kirche zu sitzen«, sagt sie. Manche Besucher interessieren sich für den sakralen Bau, andere sind froh, wenn sie ins Gespräch kommen können, und dann gebe es auch die ganz ruhigen Gäste. »Das ist ganz unterschiedlich«, sagt Nohl-Franosch. Inzwischen spüre sie, ob jemand angesprochen werden möchte, etwas über die Kirche erfahren möchte oder die Stille genießen mag.

Mit der Geschichte der Laurentiuskirche sind alle vertraut, sie sind gebürtige Reichelsheimer oder leben seit Jahrzehnten im Ort. Jeder Dienst verlaufe unterschiedlich. Die Besucherfrequenz sei überschaubar. Dieter Fleischhauer erinnert sich an ein Ehepaar aus den USA. »Denen erzählte ich, dass unsere Kirche eine längere Geschichte hat als ihr Land.« Um 1485 ist die Kirche im spätgotischen Stil erbaut worden, dazu kommt der Turm, der als Wehrturm angelegt ist, und die Zehntscheune unterm Dach sowie der ehemalige Friedhof rundherum.

Die Gruppe ist überzeugt, dass es gut ist, die Kirche zu öffnen. »Kirchen sind nicht nur für Gottesdienste gemacht«, erklärt Schwalbe. »Sie waren ursprünglich als Zufluchtsort gedacht, als geschützter Raum, in dem man zur Ruhe kommt, in dem Sorgen und Freuden Raum haben, in dem Menschen zu Gott finden können.«

Die Besucher können die Predigt vom vorigen Sonntag lesen, sie liegt aus. Ebenso wie die Bibel und das Perikopenbuch, in dem die biblischen Lesungen für jeden Sonntag zusammengefasst sind.

»Alte Kirchenbauten wie unsere haben Charakter, manchmal wandere ich während der Aufsichtszeit einfach durch den Raum«, sagt Fleischhauer. »Ich hadere auch oft mit der Kirche, schaue mir dann aber wieder die schönen Sachen an, wie das freigelegte Wandgemälde des Christopherus«, erzählt Ulla Wagner. »Ich genieße die Stille, nutze die Zeit, um zu meditieren oder gar nichts zu machen«, verrät Nohl-Franosch. Dabei komme sie dann ins Nachdenken, mal habe sie sich erinnert, welche Bedeutung die Kirche für ihre Familie hat: Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten. »Im Sommer wird meine Tochter hier heiraten, wo schon ihre Großeltern getraut wurden.«

Jeder aus der Gruppe gestaltet die Zeit im Kirchenraum etwas anders. »Ich nehme mir Tee und ein gutes Buch mit, suche mir einen bequemen Platz«, sagt Ulla Wagner. »Jetzt, in der kühlen Zeit, stelle ich mir einen Stuhl auf die Lüftung der Heizung, da ist es wärmer«, erzählt Nohl-Franosch. Fleischhauers packen sich warm ein: dicke Socken, warme Jacke. Irene Fleischhauer nimmt sich nicht nur Zeit für ihre Reichelsheimer Kirche, sie ist auch als Aufsicht in der Friedberger Stadtkirche aktiv.

Gemeinsam mit Ulla Wagner wird sie ein Seminar der Landeskirche besuchen, um sich mit Fragen rund um offene Kirchen zu beschäftigen. »Da bekommen wir bestimmt einige Anregungen, die wir hier umsetzen können«, sagt Wagner. »Es ist doch schön, wenn immer mehr Kirchen offen sind und unsere auch.«

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