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Es läuft bei Hobbybrauer Heiko Müller: Sein "Kaminfeuer" strömt aus dem Fass und überzeugt die Jury in Bayreuth.

Hobbybrauer

Reichelsheimer schafft es mit Kellerbier nach ganz oben

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Erneut hat der Reichelsheimer Heiko Müller einen Wettbewerb für Hobbybrauer gewonnen. Obwohl ihm eine "mittelschwere Katastrophe" fast einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

Vor zwei Jahren in Mainz hat ein Bier mit Wald-Geschmack die Jury vom Hocker gerissen, diesmal war es das "Kaminfeuer", das zu überzeugen wusste. Beide Male hatte der Reichelsheimer Heiko Müller mit Experimentierfreude und Leidenschaft das Bier gebraut. 2017 hatte er bei der Mainzer Craftbeer-Messe das Needlejuice Pale Ale präsentiert, bei dessen Herstellung Fichtennadeln zum Einsatz gekommen waren. Kürzlich hatte Müller bei der "Home Brew Bayreuth" seinen großen Auftritt. Eine Jury wählte nach einer Blindverkostung von 53 Wettbewerbsbieren den Gewinner. Wieder hatte Müller die Nase vorn, diesmal mit einem Kellerbier. "Da denkt man an Gemütlichkeit, Feuer, Rauchgeruch", beschreibt Müller sein Produkt. Es sei klassisch, süffig, habe einen normalen Alkoholgehalt und einen kleinen Anteil Rauchmalz. Franken sei die Heimat des Kellerbiers und der rauchigen Biere - warum also nicht mal ein Kellerbier mit Rauch von Hessen nach Bayreuth bringen?, fragte sich Müller. Und lag goldrichtig.

320 Liter als Belohnung

Als Belohnung bekommt er vom Sud, der im Herbst abgefüllt wird, 40 Kisten beziehungsweise 320 Liter Bier. Selbst trinken wird schwierig, vermutlich auch mit Unterstützung von Freunden dürfte es eng werden. Aber er kenne in Friedberg den einen oder anderen Gastwirt, vielleicht könnte der dann das Bier ausschenken, und der Erlös wäre für einen guten Zweck bestimmt, sagt Müller. Außerdem wird das Siegerbier bei einer Messe in Nürnberg ausgeschenkt (siehe Zusatzkasten).

Der erneute Erfolg hing eigentlich am seidenen Faden, denn Reichelsheim wurde im Frühjahr 2018 von einem heftigen Unwetter heimgesucht. Keller liefen voll, auch der von Heiko Müller und seiner Familie. Und im Keller geht der 40-Jährige seinem Brau-Hobby nach. Der Boden war kaputt, eine Trocknungsfirma musste anrücken, eine "mittelschwere Katastrophe" sei das gewesen, sagt Müller. Sämtliche Brau-Ausrüstung hatte er vorher in einer Höhe von mindestens einem Meter gelagert und damit gerettet. "Fragen Sie mich nicht wieso, vielleicht war es Zufall, vielleicht Instinkt." Die Möbel waren hinüber, die Zutaten fürs Bier ebenfalls, aber im Spätherbst konnte Müller sein "Kaminfeuer" brauen - "unter ungewöhnliche Umständen, auf dem blanken Beton-Estrich".

Für die Teilnahme am Wettbewerb in Bayreuth musste sich Müller ans Reinheitsgebot halten, ansonsten hält er nicht allzu viel davon, sieht darin eher ein Marketing-Instrument. Wäre es nach dem Reinheitsgebot gegangen, hätte er vor zwei Jahren keine Fichtennadeln verwenden dürfen. Und seine sonstigen Experimente wären auch nicht möglich gewesen: Zum Beispiel der Versuch mit Spaghetti und Tomatensoße. "Ich habe die Tomaten noch nicht ganz aus den Augen verloren", antwortet Müller auf die Frage nach künftigen Experimenten. Diesmal aber mit einer deutlich größeren Menge an Tomaten, ein Tomaten-Kölsch schwebt dem Reichelsheimer vor. Für den Sommer plant er aber ein normales Helles für Grillabende. "Das ist eine Herausforderung, weil die Leute viele Vergleichsmöglichkeiten haben."

Bisher beschränkt sich der Wetterauer Hobby-Brauer auf 200 Liter pro Jahr. Andernfalls müsste er einen nicht unerheblichen bürokratischen Aufwand für Cent-Beträge betreiben, um den Anforderungen des Zolls gerecht zu werden. Allerdings höre er immer wieder, er solle doch sein Hobby zum Beruf machen. Der Reiz sei da, und er sehe den Zuspruch als hohes Lob, sagt Müller. Er habe aber auch Familie und ein Haus - solle man da diesen Schritt gehen, den Wechsel vom IT-Ingenieur zum Bierbrauer? Mit Kreativität haben jedenfalls beide Jobs viel zu tun. Was gegen den Hauptberuf Bierbrauer spricht: Als Hobbybrauer habe man eine enorme kreative und geistige Freiheit, sagt Müller. Es gebe keine betriebswirtschaftlichen Zwänge.

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