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Blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Luise Weitz. 

Mutter, Oma und Uroma

Die 100-Jährige: Luise Weitz blickt auf ein bewegtes Leben zurück

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Mutter, Oma und Uroma: Luise Weitz aus Reichelsheim feiert heute ihren 100. Geburtstag - und blickt auf ein bewegtes Jahrhundert zurück.

Reichelsheim - Über Jahrzehnte führte Luise Weitz geb. Bischoff das Kolonialwarengeschäft in Heuchelheim. Sie ist Mutter, Oma und Uroma und kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Heute wird sie 100 Jahre alt.

Die gebürtige Beienheimerin wurde in der Schreinerei Bischoff groß - mit zwei Schwestern und drei Brüdern. In der Schule sei der Nationalsozialismus deutlich zu spüren gewesen, berichtet ihre Tochter Helga im Gespräch mit der Wetterauer Zeitung. Im Juni 1932 gab es einen Klassenausflug zu Adolf Hitlers Auftritt auf dem Hoherodskopf. "Alle Schüler wurden mit dem Bus dorthin gebracht, weil er eine Rede gehalten hat. Doch ihr Bus kam zu spät und sie konnten nur noch die Abfahrt sehen und winken."

Die 100-Jährige: Hausmädchen bei jüdischer Familie

Die junge Luise schien das nicht nachhaltig beindruckt zu haben: Viele Jahre später sollte sie, gerade erwachsen, einen großen Schritt wagen und als Hausmädchen bei einer jüdischen Familie in Düsseldorf arbeiten. Erst als die politische Lage eine Anstellung nicht mehr zugelassen habe, sei sie zurückgekehrt.

Schon nach der Schulzeit, mit 16 Jahren, hatte sie als Hausmädchen bei einem Augenarzt in Friedberg gearbeitet. Da dessen Frau als Kind in ferne Länder gereist war, lernte Weitz exotische Rezepte kennen. "Zum Beispiel gebratene Bananen mit Reis", wie die Tochter berichtet. In Bad Nauheim arbeitete sie später in verschiedenen Häusern. Wenn sie mit ihrer Mutter in der Kurstadt spazieren geht, erkenne diese immer noch so manches Gebäude, wo sie früher gearbeitet habe.

In den 40er Jahren lernte sie einen Soldaten kennen. Die beiden wollten heiraten, sie wurde schwanger. Doch bevor er einen Antrag stellen konnte, musste er zurück zum Fronteinsatz - und kam nie wieder zurück.

Die 100-Jährige: Unter Beschuss ins Krankenhaus gelaufen

Für die ledige Mutter musste das Leben weitergehen. Tochter Rosemarie war 1945 auf die Welt gekommen. Ihre Mutter habe unter Beschuss der Kriegsflugzeuge nach Bad Nauheim ins Krankenhaus laufen müssen, erzählt die Tochter. Um sich über Wasser zu halten, arbeitete Weitz als Hausmädchen. Rosemarie konnte sie tagsüber bei einer Familie in Beienheim unterbringen. Über ihren ersten Mann habe ihre Mutter kaum gesprochen, sagt Helga Weitz. Doch vergessen habe sie ihn nie. Einmal im Jahr sei sie ins Elsass zum Soldatenfriedhof gefahren, um sein Grab zu besuchen.

1949 gab es einen Neuanfang: Luise heiratete Paul Weitz aus Heuchelheim. Er war im Jahr davor aus der Kriegsgefangenschaft in Russland zurückgekommen. Als das Paar in sein Elternhaus zog, war der alte Laden seiner Oma noch erhalten. Sie brachten ihn wieder in Gang. Nachdem Paul sich von seinen Kriegsverletzungen erholt hatte, ging er wieder arbeiten - als Lkw-Fahrer. Luise führte das Geschäft allein. Von Läusekämmen und Mäusefallen über Wurst und Fisch bis hin zu Salz und Schuhcreme bot der Dorfladen alles, was man für den Haushalt gebrauchen konnte.

Im Heuchelheimer Dorfladen gab es bei Luise Weitz alles, was man für den Haushalt so brauchte. 

1951 wurde Helga geboren. Unter der Woche sah die Familie den Vater nur selten. Er fuhr morgens mit dem Motorrad nach Frankfurt und kam erst abends zurück. Luise führte den Laden und versorgte die Kinder. "Sie war streng, aber ganz korrekt", sagt Helga Weitz. Freizeit blieb der Familie kaum, am Wochenende betrieben sie nebenbei noch die Landwirtschaft, die aber nicht ausreichte, um die Familie zu ernähren. Trotzdem habe sich keiner beklagt. "Gefehlt hat es uns an nichts." Die Familie hatte mehrere Äcker, Hühner und zog zwei Schweine auf - eines wurde verkauft, das andere gegessen.

In den 60er Jahren nahm ihnen ein Übertagebetrieb die Äcker ab, damit dort Kohle gefördert werden konnte. Den Dorfladen "Kolonialwaren Luise Weitz" führte sie bis 1975. Dann konnte sie sich zur Ruhe setzen und sich dem Nähen und ihrem Garten widmen. Als die Kinder aus dem Haus waren, gönnte sich das Ehepaar auch mal Urlaube und genoss die neu gewonnene Freiheit.

Die 100-Jährige: Im VdK viele alte Bekannte getroffen

Seit 30 Jahren lebt Luise allein. Ihr Mann Paul war 1987 überraschend gestorben. Doch auch diese Krise wurde gemeistert. Sie fuhr viel weg, zum Beispiel mit dem VdK, wo sie alte Bekannte aus der Jugend traf und viel Gesellschaft fand. "Sie hat das eigentlich gut in den Griff bekommen", findet Tochter Helga.

Erst mit 95 Jahren zog sie ins "Wiesenhaus" im Elisabethhaus nach Bad Nauheim. "Sie hat immer versucht, selbstständig zu bleiben. Was sie so machen konnte, hat sie alleine gemacht."

Mittlerweile fällt Luise das Hören und Lesen schwerer. Doch an einigen Aktivitäten nimmt sie noch immer gerne teil. Ansonsten genießt sie auch die Ruhe im Zimmer. An der Wand hängen Bilder von ihrer Familie, ihren drei Enkeln und fünf Urenkeln. Von ihren fünf Geschwistern ist sie die Jüngste - und die Einzige, die noch lebt. "Sie ist unglaublich stark, wie sie das so alles weggesteckt hat", sagt Tochter Helga. 

Dania Isabell Martin

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