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Bürgerinitiative gegründet

"Mehr als nur Sträucher und Gestrüpp"

  • vonKatharina Gerung
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In Reichelsheim soll zwischen Grundschule und Bürgerhaus eine neue Kita entstehen. Genau dort, wo das "Wäldchen" steht. Eine Bürgerinitiative setzt sich für den Erhalt ein.

Reichelsheim(kge). Wann ist ein Wald ein Wald? Die Vereinten Nationen haben dazu eine sehr präzise und simple Definition: "Wald muss eine Mindestfläche von 0,5 Hektar haben. Diese Fläche braucht nur zu einem Zehntel von Baumkronen überschirmt sein." Das Reichelsheimer "Wäldchen" kommt da fast ran. Offiziell wird es vom Magistrat als "Strauch- und Gehölzgruppe" deklariert - und für viele ist es vielleicht auch nicht mehr. Doch ein flüchtiger Blick von außen mag täuschen, und wer das Areal rechts vom Bürgerhaus nicht kennt, wundert sich wahrscheinlich: Das "Wäldchen" ist größer, als ein erster Blick vermuten lässt.

Bürgerinitiative schlägt Lehrpfad vor

Hinter den Sträuchern und dem Gehölz führen schmale, ausgetretene Pfade tiefer in das Grün, und steht man etwa im Zentrum, wirkt das "Wäldchen" fast wie ein ausgewachsener Wald. "Die Außenwelt scheint hier plötzlich weit weg", sagt Rudolf Zentgraf nachdenklich. "Wer will so etwas plattmachen?"

Der Gründer der Bürgerinitiative "Rettet das Reichelsheimer Wäldchen" zeigt auf die vielen Pflanzen, die hier wachsen: Kastanien, Erlen, Eschen und mehr. "Vielerorts werden diese Laubbäume von Krankheiten bedroht", sagt er, "und hier würde man gesunde Bäume abholzen."

Besonders schmerzen würde ihn der Verlust der "Hauptattraktion", wie er die hochgewachsene Silber-Pappel mit dickem, furchigem Stamm nennt. Sie sei der älteste und größte Baum im "Wäldchen", vermutet Zentgraf. Für ihn steht fest: "Das ›Wäldchen‹ ist mehr als nur ein paar Sträucher und Gestrüpp."

Er erzählt, wie er schon als Kind hier gespielt hat. Viele hätten das so gemacht - nicht nur damals. Er deutet auf ein Gebilde aus Ästen ein paar Meter weiter. Dort haben Kinder ein Tipi gebaut. "Das ›Wäldchen‹ hat noch immer ideellen Wert für die Leute", sagt Zentgraf, "und sie respektieren es." Darum sei dort auch kaum Müll zu finden. Und tatsächlich: Bis auf ein paar Fetzen Plastik und kleinere Papierschnipsel liegt nichts zwischen dem Grün. Zumindest an diesem Tag nicht. Zentgrafs Idee ist es, hier einen Lehrpfad anzulegen. Damit könne den Kindern die Natur nahegebracht werden. Seine Devise: Mit dem Wäldchen, nicht stattdessen.

Kontakt zu der Bürgerinitiative ist möglich per E-Mail an: BI-Reichelsheim@mail.de

Die dünnen, trockenen Zweige knacken unter Rudolf Zentgrafs Schuhen. Mit einer Hand schiebt er mehrere Zweige zur Seite und marschiert auf dem schmalen Pfad tiefer in das kleine Wäldchen hinein. In jenes, das von den Reichelsheimer auch nur so genannt wird - "Wäldchen".

Das Areal sei 1970 entstanden, sagt Zentgraf. Es liegt unweit der Horloff, zwischen dem Bürgerhaus und der Grundschule und genau dort, wo nun eine Kita gebaut werden soll. Für den Neubau hatte die Stadt einen europaweiten Realisierungswettbewerb ausgeschrieben. Der Vorschlag des Siegers - das Kölner Büro "twoo architekten" - wurde Mitte Juli vorgestellt (die WZ berichtete) und sorgte für einen Aufschrei unter einem Teil der Bürger. Warum? Für den Bau der neuen Kita dort müsste das gesamte "Wäldchen" gerodet werden.

Reichelsheimer "Wäldchen": Leserbrief löst Proteste aus

"Hätte es keinen anderen Ort gegeben?", fragte Merlin Fleischhauer in einem Leserbrief - rhetorisch, denn im Anschluss listet sie mehrere Alternativen auf: die Fläche hinter dem Bürgerhaus, das selten genutzte Fußballfeld davor, den "Festplatz" ein paar Meter weiter. Alternativvorschläge gebe es schon lange, sagt Fleischhauer. Ein Einwand, den Rudolf Zentgraf und FW-Bürgermeisterkandidat Cenk Gönül unterschreiben.

"Ich denke, dieser Leserbrief hat einiges ins Rollen gebracht und einige wachgerüttelt", sagt Zentgraf. Ihm sei es so ergangen und anderen auch, die sich nun gegen eine Rodung aussprechen. "Vielen ist - wenn sie es überhaupt mitbekommen haben - nicht wirklich bewusst, was für die neue Kita weichen muss." Seiner Meinung nach ein Biotop von unschätzbarem Wert. Heimat vieler Tiere, CO2-Speicher und Sauerstofflieferant. "Das letzte Fleckchen Stadtgrün, das Reichelsheim noch hat", fügt Gönül hinzu. Dazu eines, an das viele Bürger Kindheitserinnerungen hätten.

Reichelsheimer "Wäldchen": Bürgermeister weist Vorwürfe zurück

Zentgraf habe einen Tag nach Veröffentlichung des WZ-Artikels die Bürgerinitiative "Rettet das Reichelsheimer Wäldchen" ins Leben gerufen. Über 80 Mitglieder haben sich binnen einer Woche der gleichnamigen Facebook-Gruppe angeschlossen. "Wir wollen, dass das ›Wäldchen‹ komplett erhalten bleibt", formuliert Zentgraf das Ziel der Initiative. Aufräumarbeiten seien nötig, doch die Gruppe spricht sich gegen eine Rodung aus. "Wir sind nicht gegen den Bau der Kita an sich", sagt Gönül, der die Gruppe unterstützt, "aber wir wollen, dass die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen wird."

Die Stadt Reichelsheim will sich von einer "leichtfertigen Entscheidung" deutlich distanzieren. "Wir haben wirklich alle Alternativen in Betracht gezogen", sagt Bürgermeister Bertin Bischofsberger. "Es gibt aber keine." So wolle man weder dem Sportverein seine Fläche nehmen - für die es keine Alternative gäbe -, noch den Schaustellern, die den "Festplatz" nutzen. Dieser sei ohnehin nicht als Bauplatz ausgezeichnet.

Reichelsheimer Wäldchen: Einstimmige Abstimmung 2017

Bischofsberger verweist darauf, dass der Entscheidungsprozess zur Standortwahl des Kita-Neubaus schon vor ein paar Jahren stattgefunden hat. In einer Sitzung der Stadtverordneten im Juni 2017 wurde im Ausschuss über den genauen Standort diskutiert. Der Magistrat hatte zwei Vorschläge: neben dem Bürgerhaus anstelle des "Wäldchens" oder hinter der Schulturnhalle (die WZ berichtete).

Zwei Monate später sprachen sich die Stadtverordneten in einer Parlamentssitzung einstimmig für den Standort zwischen Bürgerhaus und Schule aus. Für genau die Stelle des derzeitigen "Wäldchens". Schon damals wurden vonseiten der Freien Wähler Bedenken geäußert. So zitierte die WZ etwa Hans-Günter Scholz, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler: "Wir sehen den Standort neben dem Bürgerhaus als schlechten, wenn nicht den schlechtesten Standort an." Dennoch stimmten auch sie zu.

Reichelsheimer "Wäldchen": Offenlegung der Pläne steht noch aus

Wie Bischofsberger wundern sich vielleicht auch manch andere Reichelsheimer: Warum erst jetzt ein Protest? Der Bürgermeister ist der Meinung, das könne mit den kürzlich erfolgten Baumfällarbeiten im "Wäldchen" zu tun haben. Die hätten einen falschen Eindruck erweckt. "Sie standen nicht in Zusammenhang mit den Plänen für die Kita", betont Bischofsberger. Dabei habe es sich um Totholz gehandelt, das aus Sicherheitsgründen habe entfernt werden müssen.

Wie geht es nun weiter mit dem Reichelsheimer "Wäldchen"? Bischofsberger hält es für unwahrscheinlich, dass sich an den derzeitigen Plänen etwas ändert. Er betont aber, dass sich die Stadt erst ganz am Anfang befände und noch etliche Untersuchungen - auch naturschutzrechtlicher Art - ausstünden. Außerdem werde es, wie für jedes andere Bauvorhaben auch, eine Offenlegung der Pläne geben. Und zudem eine Ausgleichsfläche für das abgeholzte Grün.

Bis es wirklich losginge, könne noch ein Jahr vergehen, sagt der Bürgermeister. Zentgraf hofft bis dahin auf eine einvernehmliche Lösung mit der Stadt und Zuwachs in seiner Initiative. "Das Wäldchen muss bleiben", sagt er und fügt mehr im Spaß hinzu: "Zur Not campieren wir hier."

Kontakt zu der Bürgerinitiative möglich per E-Mail an: BI-Reichelsheim@mail.de

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