Inge Keller kommt oft zu den Gräbern ihres Mannes und ihrer Eltern. Im Sommer fast jeden Tag, um die Blumen zu gießen. Nun, im Herbst und im Winter, nicht so oft. Manchmal, wenn sie einen Spaziergang macht, kommt sie hierher - "einfach um ein Ziel zu haben". FOTO: SDA
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Inge Keller kommt oft zu den Gräbern ihres Mannes und ihrer Eltern. Im Sommer fast jeden Tag, um die Blumen zu gießen. Nun, im Herbst und im Winter, nicht so oft. Manchmal, wenn sie einen Spaziergang macht, kommt sie hierher - "einfach um ein Ziel zu haben". FOTO: SDA

Auf dem Friedhof

Ein Ort für die "lieben Toten"

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Inge Keller kennt den Reichelsheimer Friedhof gut. In fast jedem Teil davon ist ein Grab einer ihrer Angehörigen. Sie kommt oft auf den Friedhof. Es ist auf vielfältige Weise ein besonderer Ort, sagt sie.

Zu vielen der Namen auf den Grabsteinen hat Inge Keller noch eine Erinnerung. "Die meisten hier habe ich gekannt", sagt die Reichelsheimerin. Manche nur vom Sehen, andere besser. Und manche gehörten zu ihrer Familie.

Inge Keller ist in Reichelsheim aufgewachsen, hat als Mädchen mit drei Generationen in einem Haushalt gelebt - und schon früh einen Bezug zum Friedhof gehabt. "Als Kind habe ich immer das Grab meines Urgroßvaters gegossen", erzählt sie. Neun Jahre war sie damals. An den Sommerabenden ist sie mit ihrem Fahrrad auf den Friedhof gefahren.

Sechs Jahrzehnte sind seither vergangen. Das Grab des Urgroßvaters und das vieler anderer, die in all den Jahren gestorben sind, ist längst nicht mehr da. Doch Inge Keller kommt immer noch regelmäßig hierher. Sie hat neue Gräber, um die sie sich kümmert. Die ihrer "lieben Toten", wie sie sagt.

Inge Keller steht an der großen Buche. Um den Baum herum sind Urnengräber. Es ist einer der schönsten Plätze auf dem Friedhof, findet sie. Zwei der Gräber dort gehören zu ihr. Das Doppelgrab ihrer Eltern und das ihres Mannes, ebenfalls ein Doppelgrab. "Das wird auch meins", sagt sie. "Wenn es nicht zu lange dauert."

30 Jahre bleibt ein Grab in der Regel auf dem Friedhof. Wer die Zeit verlängern möchte, muss es für weitere Jahre kaufen. "Das überlasse ich meinen Kindern."

Direkt neben dem Grab des Mannes, der 2008 gestorben ist, sind die Urnen der Eltern bestattet worden. Nicht absichtlich, es hat sich so ergeben, weil ihr Vater kurz nach ihrem Mann gestorben ist. Doch, sagt sie, besonders ist es schon: "Mein Vater war oft hier - am Grab meines Mannes. Jetzt ist auch seins hier."

Sie kommt häufig hierher. Im Sommer sowieso. Fast jeden Tag; die Blumen müssen gegossen werden. Jetzt, in der kalten Jahreszeit, in der fast nur Tannengestecke auf den Gräbern stehen, seltener. "Einmal in der Woche ungefähr." Oft einfach so. "Um ein Ziel zu haben." Außerdem, sagt sie, trifft man hier immer jemanden, unterhält sich kurz. Heute zum Beispiel. Eine Bekannte kommt mit dem Fahrrad. Sie ist auf dem Weg zu "ihren Gräbern". Auch sie erzählt, dass der Friedhof einfach dazugehört, sie schon als junges Mädchen immer hier war, Gräber von Familienangehörigen gepflegt hat. Einmal, erinnert sie sich, ist sie als Kind von jemandem weggeschickt worden. Sie sei noch zu klein, um auf einem Friedhof zu sein.

Inge Keller sieht das anders. "Ich habe meine Enkel schon im Kinderwagen mit hierher genommen." Und als ihr Enkelsohn wissen wollte, wo die Urgroßmutter ist, hat sie ihm das Grab ihrer Mutter gezeigt. "Er hat sich Gedanken darüber gemacht, wie die Uri, so hat er sie immer genannt, da hinein passt", erzählt sie lächelnd.

Ein Grab zu pflegen, zu bepflanzen - es ist ein bisschen so, als kümmere man sich um ein Gärtchen, sagt Inge Keller. "Mein Mann hat Blumen geliebt. Er hat wer weiß wie viele Tulpenzwiebeln in unserem Garten gesteckt."

An ein Grab zu gehen bedeute auch, sich zu erinnern. Die Erinnerung an den geliebten Verstorbenen sei zwar ohnehin immer da, am Grab sei es jedoch noch einmal anders. Das Dortsein, Innehalten, die Stille.

Heute gibt es immer vielfältigere Bestattungsarten. Baumbestattung zum Beispiel - entweder anonym in einem Friedwald oder, so wie auf dem Reichelsheimer Friedhof, mit einer Platte im Gras. Zudem gibt es auf dem Friedhof der Stadt anonyme Gräberfelder.

"Das muss jeder für sich entscheiden" - wie er bestattet werden möchte und wie er selbst mit dem Tod von Angehörigen umgeht. Für manche sei der Friedhof ein guter Ort zum Trauern, für andere habe er keine Bedeutung. "Jeder trauert für sich und anders. Es gibt keine Blaupause dafür, wie und wo man trauern muss."

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