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Zu jeder Karte gibt es eine Geschichte. Sie erzählt von einem Menschenleben und davon, wie die Nazis dieses Leben genommen haben. Damit die Opfer der Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten, haben die Mitarbeiter der Arolsen Archives die »Häftlings-Personal-Karten« eingescannt und im Internet für jeden zugänglich gemacht. Um sie in Dokumenten erfassen zu können, werden sie nun abgetippt - von freiwilligen Helfern. Bei dem Projekt kann jeder über das Internet mitmachen.

#jedernamezählt

Häftlingskarten aus den Konzentrationslagern: Jeder Name ein tragisches Schicksal

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Wulf Hein aus Reichelsheim hilft bei dem Projekt #jedernamezählt der Arolsen Archives mit. Dabei geht es darum, historische Dokumente über Inhaftierte in den Konzentrationslagern zu digitalisieren.

Mit jeder Häftlingskarte beginnt der Film in Wulf Heins Kopf. Bei der von dem Tischler zum Beispiel, der am Heiligen Abend des Jahres 1944 verhaftet worden ist. Zwei Kinder hatte er. So steht es auf der »Häftlings-Personal-Karte«, die bei seiner Inhaftierung im Konzentrationslager ausgefüllt worden ist.

Wulf Hein hat die Original-Karte als Bild auf seinem Bildschirm. Daneben ist ein Formular, in das der Reichelsheimer die Daten überträgt.

Eingewiesen am: ____

Eingewiesen durch: ______

Grund: ______

Die nächste Karte ist die einer jungen Frau. Lea Lubliner ist ihr Name. 19 Jahre alt, Jüdin. Das Feld mit Datum der Entlassung: leer. »So ist es bei den meisten«, sagt Wulf Hein. »Man weiß genau, was da passiert ist.«

25 solcher mit »Häftlings-Personal-Karten« übertitelten Dokumente schafft Wulf Hein in der Stunde. Und eine Stunde, das hat er sich vorgenommen, möchte er jeden Tag dem Projekt #jedernamezählt bzw. #everynamecounts widmen. Es ist von den Arolsen Archives initiiert worden - einem internationalen Zentrum über NS-Verfolgung mit dem umfassendsten Archiv zu den Opfern und den Überlebenden des Nationalsozialismus. Die im nordhessischen Bad Arolsen gelagerte Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Ein Teil dieser Sammlung sind jene Karten, auf denen Personendaten der KZ-Häftlinge erfasst worden sind. Um die Dokumente für jeden im Internet zugänglich zu machen, werden sie digitalisiert, berichtet Dr. Anke Münster. Sie arbeitet bei den Arolsen Archives und hat das Projekt mit ins Leben gerufen.

Über eine Crowdsourcing-Webseite kann jeder mithelfen. Technisch ist es so einfach wie möglich gestaltet. Die Freiwilligen bekommen die Bilder der historischen Dokumente auf dem Bildschirm angezeigt und tippen die Daten ab.

Wulf Hein hat im Radio von dem Projekt gehört und entschieden, mitzumachen. Auch, wie er sagt, aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus. »Unsere Vorfahren haben ein Erbe hinterlassen. Wir sind heute dafür verantwortlich, dass so etwas nie wieder passiert.«

Doch die Aufgabe ist keine leichte. »Es nimmt einen sehr mit. Man ist nur vom Tod umgeben.« Wenn zum Beispiel eine Karte auf seinem Bildschirm erscheint, die mit der Hand ausgefüllt worden ist. Dann stellt er sich vor, wie der Schreiber vor etwa 80 Jahren an einem Tisch saß, ihm gegenüber der Inhaftierte. Draußen das Lager.

Die Karten sind in den sogenannten Schreibstuben der Konzentrationslager ausgefüllt worden, erklärt Dr. Anke Münster. Meistens von anderen Inhaftierten; Funktionshäftlinge wurden sie genannt. »Es waren nicht nur Täter, die die Karten ausgefüllt haben.«

Bisher hat Wulf Hein geholfen, 200 Dokumente zu digitalisieren. Eine der ersten Karten, die er übertragen hat, war die eines Franzosen. »Er wurde an meinem Geburtstag, allerdings im Jahr 1944, nach Buchenwald überstellt.«

Zurzeit sind 600 000 der Karten und Fragebögen aus den Konzentrationslagern als Bild verfügbar, sagt Dr. Anke Münster. Bis diese alle von Freiwilligen abgetippt sind, will das Team der Arolsen Archives noch mehr Dokumente gescannt haben und online stellen.

Wulf Hein möchte sich auch weiterhin beteiligen. »Um den Opfern einen Namen zu geben und ihnen ein digitales Denkmal zu setzen.« Einmal, erzählt er, hat sich im Internet-Forum zum Projekt eine Frau gemeldet. Viele ihrer jüdischen Vorfahren seien in Konzentrationslagern gestorben. »Sie hat sich bedankt, dass den Opfern mit dem Projekt ein Gesicht gegeben wird.«

Das treibt auch die Mitarbeiter der Arolsen Archives an: »Wir sehen es als Beitrag zu einer neuen Gedenkkultur«, sagt Dr. Anke Münster. Beim Abschreiben setze man sich mit dem Menschen auseinander, sehe den Namen, den Wohnort, den Geburtstag. »Es ist nicht mehr eine große Menge an Personen, sondern ein Mensch, mit dem man ein Bild assoziiert.«

Im Grunde wiederholten die Freiwilligen heute das, was die Schreiber damals getan haben - Daten über Menschen erfassen. »Nur hat sich die Absicht von einer bösen in eine gute gewandelt.«

Wie man Dokumente digitalisiert:

Bei dem Projekt #jedernamezählt kann jeder mithelfen. Anmelden muss man sich nicht, und die Mitarbeit ist nicht an eine bestimmte Anzahl gebunden. Es ist auch möglich, einmalig ein Dokument zu digitalisieren. Um die historischen Dokumente textlich zu erfassen, muss man lediglich auf die Web-Seite der Arolsen Archives (https://arolsen-archives.org) gehen, von wo man zur Crowdsourcing-Seite geleitet wird. Dort kann man direkt beginnen (es gibt ein Einführungsvideo auf Englisch, Französisch, Deutsch, Polnisch oder Spanisch). Ein Foto eines Original-Dokuments sowie eine kurze Erklärung erscheinen auf dem Bildschirm. Auf der rechten Seite des Bildschirms sind die Eingabefelder, die man als Helfer ausfüllt: Zum Beispiel wann die Person in das Konzentrationslager gekommen ist, welchen Beruf sie hatte, was der Grund für die Inhaftierung war. Und, als letzte Frage: »Ist auf dem Dokument ein Entlassungsdatum vorhanden?«

Manche »Häftlings-Personal-Karten« sind mit der Schreibmaschine verfasst, andere handschriftlich, bei manchen ist etwas hinzugefügt oder durchgestrichen. Wer aus Versehen einmal eine falsche Angabe überträgt, muss sich keine Sorgen machen: Alle Dokumente tauchen in dem Erfassungsprozess drei Mal auf, werden also von drei Nutzern bearbeitet. Sollte es unterschiedliche Angaben geben, wird die jeweilige Karte bei den Mitarbeitern angezeigt. Sie überprüfen die Angaben dann noch einmal.

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