Der Biergarten des Bistros Cockpit ist der Lieblingsplatz von FW-Bürgermeisterkandidat Cenk Gönül: Hier kommt er mit Menschen jeder Altersklasse und Berufsgruppe ins Gespräch. FOTO: DAB
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Der Biergarten des Bistros Cockpit ist der Lieblingsplatz von FW-Bürgermeisterkandidat Cenk Gönül: Hier kommt er mit Menschen jeder Altersklasse und Berufsgruppe ins Gespräch. FOTO: DAB

Bürgermeisterwahl

Gönül: Reichelsheim gestalten statt verwalten

  • Dagmar Bertram
    vonDagmar Bertram
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Cenk Gönül (FW) tritt am 1. November als Bürgermeisterkandidat von Reichelsheim an. Die WZ hat sich mit ihm an einem Platz getroffen, der eine besondere Bedeutung für ihn hat.

Nach dem Abendessen ging es raus, noch ein bisschen bolzen. "Auf der Straße waren dann nicht nur wir Kinder, sondern auch Rentner", erinnert sich Cenk Gönül an seine Kindheit in Dorn-Assenheim. "Die Menschen kamen ins Gespräch." Solche Plätze gebe es kaum noch, bedauert der FW-Bürgermeisterkandidat. Deshalb mag er den Biergarten seines Bistros Cockpit: "Das ist ein sozialer Treffpunkt."

Cenk Gönül ist Geschäftsmann. Das ist einer der Gründe, warum er am 1. Januar 2021 als neuer Bürgermeister ins Reichelsheimer Rathaus einziehen will. "Es muss auch einfacher gehen", das habe er in den vergangenen Jahren oft gedacht, wenn er Kontakt mit der Verwaltung hatte. Sei es als Betreiber des Bistros Cockpit, als Vorsitzender des Gewerberings oder des SV Reichelsheim. "Als Selbstständiger muss ich Lösungen finden, wenn ich mein Ziel erreichen will." Nur die Probleme und Hindernisse zu sehen, das sei nicht seine Sache. "Ich bin einer, der kurze Wege geht."

Nach Zwangspause wieder Marathon

Die Wege, die er noch bis vor einigen Jahren ganz konkret mit seinen Füßen zurücklegen konnte, waren indes kürzer, als ihm lieb war. 1996 hatte er einen Sportunfall, ausgerechnet bei seinem Abschiedsspiel als Fußballer. Zunächst drohte die Amputation eines Fußes, später schlugen die Ärzte eine Versteifung des Gelenks vor. Gönül lehnte beides ab, musste aber seither mit Schmerzmitteln leben. Viele Jahre später, 2014, wagte der einstige Marathonläufer sich wieder vorsichtig auf die Strecke - es klappte gut. Noch im selben Jahr meldete er sich für einen Marathon an und lief in den Folgejahren gleich mehrere. "Weil die Ärzte gesagt haben, es geht nicht", erinnert sich Gönül und lacht. "Mein Vorteil ist, dass ich ausdauernd bin."

Der Unfall hatte auch berufliche Folgen: Als Elektrotechniker konnte er nun nicht mehr arbeiten, sein bisheriger Mitarbeiter übernahm das Geschäft in Echzell. Gönül wurde Gastronom und betreibt das Bistro Cockpit im Reichelsheimer Mühlahl inzwischen seit 20 Jahren. Zudem ist er mit seinem Cocktail- und Getränkewagen auch bundesweit bei Veranstaltungen anzutreffen. Dort drei bis vier Tage zu arbeiten, sei für seinen Fuß übrigens schlechter als das Laufen, erzählt der 50-Jährige.

Pandemiebedingt fallen solche Feste derzeit aus. "Für den Wahlkampf war das von Vorteil", berichtet Gönül von der ungewohnt vielen freien Zeit. "Für den Betrieb war Corona eine Katastrophe: keine Veranstaltungen, kein Catering, das Cockpit war acht Wochen geschlossen."

Die Chance von direkter Kritik

Inzwischen ist das Bistro wieder geöffnet, läuft aber wie alle gastronomischen Betriebe längst noch nicht wie vorher. Für die Aushilfen gibt es zurzeit nichts zu tun, zwei sind sonntags auf Abruf im Einsatz. Anders ist es bei Gönüls festem Mitarbeiter: Dieser habe gerade ein Haus gekauft und sei Vater geworden, er könne ihn nicht einfach nach Hause schicken, sagt sein Chef. So übernimmt der Mann auch Aufgaben, die Gönül eigentlich selbst erledigen könnte.

Dadurch bleibt wiederum mehr Zeit für den Wahlkampf. In Kontakt zu den Menschen tritt der FW-Kandidat unter anderem im Cockpit. "Das ist mein Lieblingsplatz, hier trifft man alle Altersklassen und Berufsgruppen. Man kommt gut ins Gespräch und bekommt viel mit." Solche Treffpunkte fehlten inzwischen in den Ortschaften, bedauert Gönül. "Es ist anonymer als früher."

Bei den Fragen der Bürger, die seine Person betreffen, gehe es um seine Ausbildung, seinen Werdegang und auch seine Verwaltungserfahrung. Die fehlt Gönül, was er aber nicht als Nachteil sieht: "Ich bin Unternehmer - ich möchte nicht verwalten, sondern machen, umsetzen." Es gebe viele Beispiele aus anderen Kommunen, in denen es mit solchen Bürgermeistern nicht schlechter laufe. "Verwaltungserfahrung ist keine Grundvoraussetzung für das Amt. Man muss die Abläufe kennen, und es gibt Einführungskurse."

Solche Themen werden direkt mit Gönül besprochen, es gibt aber auch welche, von denen er nur über Umwege erfährt. Bei einigen Menschen gebe es Vorbehalte wegen seines Migrationshintergrunds. "Sie fragen sich, ob ich hier eine Moschee bauen will", erzählt Gönül und lacht. "Das ist Nonsens. Für wen sollte diese Moschee denn sein?" In Reichelsheim lebten zwar Muslime, aber nicht viele. "Und die fahren in die Moscheen nach Friedberg oder Bad Nauheim."

"Ich denke, träume, esse deutsch"

"Ich lebe seit meinem vierten Lebensjahr hier, erst in Dorn-Assenheim, dann in Reichelsheim", sagt Gönül. "Ich trinke Äppler, mal ein Bierchen und Cocktails - das wäre ja auch schlimm als Barmixer. Ich muss doch wissen, wie es schmeckt. Ich denke, träume, esse deutsch. Nur Schweinefleisch, das habe ich meines Wissens noch nie gegessen."

Er wäre froh, wenn Menschen, die solche Fragen umtreibt, ihn direkt ansprechen würden. "Bislang habe ich alle Kritiker besänftigen oder sogar überzeugen können." Er erzählt von einer Frau, die ihn kritisiert habe, weil in seinem Vorstellungsflyer kein grünes Thema vorkam. "Sie habe ich erst auf meine Homepage verwiesen und dann besucht. Inzwischen unterstützt sie mich sogar im Wahlkampf."

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