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Gänsehaut in Lebensgröße

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Von: Marc Stephan

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Angela Jakob hat sich mit Frauen beschäftigt, die sich durch ihr Kopftuch offen zu ihrem Glauben bekennen. Dass man dabei oft Unverhofftes findet, zeigt die Fotografin in der Reichelsheimer Kirche.

Die junge Muslimin lächelt, zeigt einen offenen direkten Blick voller Vertrauen und schaut das Gegenüber mit lebhaften Augen an. Das lebensgroße Foto der Frau mit Kopftuch gehört zur Ausstellung »Frauen – Glaube – Ursprung« der Frankfurter Fotografin Angela Jakob. Die Künstlerin stellt je drei Fotos von elf Frauen verschiedener Glaubensrichtungen in der Laurentiuskirche aus.

Die Muslima spielen dabei eine besondere Rolle, gaben sie doch 2013 der Fotografin den Impuls, sich mit den Frauen zu beschäftigen, die sich durch ihr Kopftuch offen zu ihrem Glauben bekennen. Dass man dort wohl oft Unverhofftes findet, zeigen die zwei Frauen mit Kopftuch. Die schon genannte Junge und eine etwas Ältere, die nicht mit der Energie der Jugend in die Kamera schaut. Sie schaut etwas strenger, selbstbewusster aber doch freundlich. So überkommen den Betrachter wechselnde Gefühle.

Die Fotos sind interessant, fremd, lustig, würdevoll oder beruhigend aber stets irgendwie vertraut und einladend. Man sieht den Fotos an, dass Jakob nicht nur das technische Handwerk des Fotografierens, sondern auch das nicht erlernbare Zwischenmenschliche beherrscht.

Respekt gegenüber dem anderen

Das war bereits den »Frauen mittendrin« aufgefallen, die gemeinsam mit Manfred Winter und der Künstlerin die Ausstellung aufbauten. »Das sind alles gestandene, selbstbewusste Frauen«, hatten sie bemerkt und trafen damit schon einen Punkt, den Pfarrerin Angela Schwalbe am Sonntagabend beim Eröffnungsgottesdienst noch einmal besonders aufgriff. Doch stand vor dem Gottesdienst die Entdeckung der Fotografin und ihrer Werke. Das geschah vor einem Jahr, als die »Frauen mittendrin« auf einer Wandertour in eine offene Tür des Klosters Engelthal schauten und Werk und Künstlerin dort fanden, nach Reichelsheim einluden und die Ausstellung zu einem Teil der »RomanTisch«-Reihe werden ließen.

Selbstbewusst zeigte sich die ältere Muslimin, ganz im Sinne von »sich seiner selbst bewusst sein«. Das sei etwas, das man sich selbst gibt, aber vor allem auch von anderen bekommt. So sprach Pfarrerin Schwalbe in ihrer Predigt davon, dass Menschen, die angesehen werden, damit auch angesehen sind. Wenn man Menschen anschaue, sie wahrnehme, dann könne man sie auch respektieren. Und der Respekt und das gegenseitige Ansehen wurde in der heutigen Zeit der Flüchtlingskrise und der Angst ein wichtiger Aspekt der Ausstellung, erzählte die Fotografin.

Die Bilder sollten Ruhe geben und es ermöglichen, den anderen zu respektieren.

Ihre Werke wirken fast wie Gemälde

In diesem Zusammenhang freute sich Jakob besonders darüber, dass die Ausstellung nun erstmals in einer Kirche zu sehen sei. Der Raum gewinne durch die Bilder, aber auch die Bilder durch den Raum. Beides ergänze sich und ergebe eine besondere Stimmung. Außerdem lobte sie neben der tiefgehenden Predigt auch das musikalische Begleitung an der Orgel durch Dr. Ralf Schäfer.

Neben den Muslima hatte Angela Jakob auch Christinnen, Hindufrauen, Buddhistinnen und Jüdinnen abgelichtet. Ihre Werke wirken fast wie Gemälde, detailreich, plastisch, nicht aufdringlich, beseelt. Die Künstlerin nahm sich für jedes ihrer Modelle viel Zeit, um Vertrauen aufzubauen.

Als die Buddhistin für das Foto meditierte, saß Jakob ihr die ganze Zeit ruhig gegenüber und wartete auf den richtigen Moment. »Zeitdruck macht alles kaputt«, erzählt sie und berichtet von dem kurzen Moment der Gänsehaut, wenn die Verbindung zwischen Modell und Fotograf entsteht. Die Ausstellung ist für zwei Wochen dienstags und donnerstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet und freitags (nicht diesen Freitag) von 19 bis 21 Uhr.

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