Das Ehepaar Karlheinz und Regine Rieß, hier mit Enkel Lars, und Sohn Torsten waren als private Helfer im Ahrtal. Im Gepäck: Ein Teil der eigenen Ernte.
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Das Ehepaar Karlheinz und Regine Rieß, hier mit Enkel Lars, und Sohn Torsten waren als private Helfer im Ahrtal. Im Gepäck: Ein Teil der eigenen Ernte.

Reichelsheim

Wetterauer Familie als private Helfer im Ahrtal: „Kein Foto dieser Welt kann das Leid dort vermitteln“

  • VonKim Luisa Engel
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Regine Rieß aus Weckesheim war als private Helferin im Ahrtal. Mit im Gepäck: Obst und Gemüse aus eigenem Anbau, Kuchen und Spendengelder.

Reichelsheim – Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat«, sagt Regine Rieß über den Anblick der zerstörten Orte im Ahrtal. Noch immer ist sie tief bewegt, gerade wenn sie von den Eindrücken erzählt, die sie dort als private Helferin gesammelt hat. Ihr Ehemann Karlheinz ergänzt: »Kein Foto dieser Welt kann das Leid dort vermitteln.«

Auf die Idee, im Flutgebiet zu helfen, kam das Ehepaar, das Landwirtschaft mit einem eigenem Hofladen in Weckesheim betreibt, durch ihren Sohn Torsten. Dieser sei nach der Ernte im August für einen Tag nach Dernau gefahren, erzählt Regine Rieß, um dort als Maschinenführer beim Laden von Schutt und Schlamm zu helfen.

Wieder zu Hause angekommen, habe er den Eltern von seinen Eindrücken erzählt. »Es schockt dich einfach«, sagt Regine Rieß. Nach Torstens zweitem Einsatz hätten seine Erzählungen solange in ihrem Kopf herumgekreist, bis sie sich sagte: »Wir müssen etwas unternehmen!«

Private Helfer aus der Wetterau im Ahrtal: Familie Rieß bringt selbstgemachtes Obst, Gemüse, Marmelade und Kuchen für Flutopfer

Gesagt, getan. Regine Rieß machte sich sofort an die Arbeit: Sie kochte Obst aus eigenem Anbau ein, stellte Marmelade her und stiftete frisches Gemüse - eben alles, was haltbar ist. Auch im Hofladen erzählte sie von ihrem Vorhaben - noch heute ist sie dankbar für die große Hilfsbereitschaft von außen. Die Landfrauen aus Melbach hätten sie tatkräftig unterstützt, haltbare Kuchen gebacken sowie Lebensmittelpakete für den täglichen Bedarf gepackt.

Mit zwei Autos und einem Hänger brachten Regine und Karlheinz Rieß die eingekochten Gläser, Obst, Gemüse, Kuchen und Paletten voll Kartoffeln und Kraut an einem Montag im September nach Bad Neuenahr-Ahrweiler. Mit im Gepäck: 1200 Euro an Spendengeld, das ihnen hilfsbereite Bürger zugesteckt hatten. Vor Ort angekommen, steuerten sie gleich zwei Versorgungszelte an, von denen sie vorab die Adressen bekommen hatten.

Private Helfer aus der Wetterau im Ahrtal: Versorgungszelte im Ahrtal »extrem wichtig«

Im ersten Zelt nahm sich der Koch laut Regine Rieß, was er gebrauchen konnte. Im zweiten Zelt hätten sie den Rest abgeladen, und sofort wären zahlreiche Helfer zur Stelle gewesen. Von der Spende hätte ein Verantwortlicher Kühlschrank, Herd und Thermoboxen gekauft. »Gleich zu Beginn war klar, dass es am nötigsten fehlte«, erklärt Regine Rieß. Sie und ihr Mann seien dort geblieben und hätten in der Küche und bei der Essenausgabe geholfen.

Das Versorgungszelt, das auf dem Sportplatz in Bad Neuenahr aufgebaut ist, gleicht laut Karlheinz Rieß eher einem Pavillon. »Aber es ist extrem wichtig für die Leute, die haben gar nichts mehr.« Das Schwimmbad, das einmal daneben stand, sei als solches nicht mehr zu erkennen. Nach fünf Tagen ging es wieder Richtung Wetterau.

Das Ehepaar bereut es nicht, ins Ahrtal gefahren zu sein - im Gegenteil. Zwar kennen sie durch den Bauernhof keine freien Tage, dennoch seien sie zufrieden und glücklich, dass sie in ihren »freien Tagen« helfen konnten - Sohn Torsten sah in der Zwischenzeit auf dem Hof nach dem Rechten. Dafür hätten sie gerne einen Teil ihrer Ernte gespendet.

Ehepaar Rieß aus der Wetterau sorgt sich wegen Kälte um Menschen im Ahrtal

»Die Leute waren so dankbar, auch über ein Stück trockenen Kuchen, den sie vom Pappteller gegessen haben«, sagt Regine Rieß. Man merke, dass sie viel erlebt hätten und wen zum Zuhören bräuchten. »Hinter jedem Haus steckt ein anderes Schicksal«, sagt sie.

Auch Regine Rieß ist dankbar: allen Kunden, Landfrauen, Bäuerinnen, Freunden und Mitbürgern - eben jedem, der gebacken, gespendet oder sie in irgendeiner Art und Weise unterstützt habe.

Doch das Weckesheimer Ehepaar macht sich auch Sorgen: Bei ihrem zweiten Einsatz (siehe Infokasten) hätten sie gehört, dass die Versorgungszelte Ende Oktober abgebaut werden sollen - die Menschen sollten sich wieder selbst versorgen. »Das geht doch gar nicht«, meint Karlheinz Rieß. Auch die Helfer werden laut Regine langsam weniger, gerade jetzt, wo es kalt wird. »Deswegen ist es gut, wenn jemand sagt: ›Ich habe Zeit und will helfen‹ «. Ihr Sohn Torsten ergänzt: »Jeder kann dort das machen, was er gut kann.«

80 Kuchen sorgen für Freudentränen

Am Sonntag, 3. Oktober, hat Regine Rieß zusammen mit drei weiteren Frauen des Wetterauer Bäuerinnenstammtischs Kuchen in das Ahrtal gebracht. Das Buffet hatten sie in einem Versorgungszelt in Walporzheim, einem Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, aufgebaut. »An die 80 Kuchen haben wir in zwei Autos rübergefahren«, erzählt Regine Rieß. Das vielfältige Angebot von trockenen Kuchen, Gebäck und Torten sei sehr gut angekommen. »Donauwelle war der Renner«, sagt sie. Einige der Leute im Zelt hätten ob der vielen Kuchen Tränen in den Augen gehabt. Es sei rührend gewesen, wie dankbar alle gewesen wären. »Das kann man sich nicht vorstellen«, sagt Rieß, »jemand hat alles verloren, freut sich aber so über eine Schwarzwälder Kirschtorte, dass er sie abfotografiert.«

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