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Jeremy Henrichs

Digitaler Kampf gegen Hautkrankheit

Ex-Reichelsheimer entwickelt App gegen Neurodermitis

  • Sabrina Dämon
    VonSabrina Dämon
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Die Auslöser für Neurodermitis sind vielseitig: die falsche Ernährung, Stress, Schlafmangel. Jeremy Henrichs hat eine App entwickelt, die die Auslöser erkennen soll.

Jeremy Henrichs kann sich noch gut daran erinnern, wie es bei ihm gewesen ist. An die Autofahrten, die Wartezimmer, die Ärzte. Als Kind hatte er Neurodermitis - und verbrachte unzählige Stunden bei Ärzten. »Beim Hausarzt und Hautarzt, in Uni-Kliniken und bei Ernährungsberatern«, erzählt der 33-Jährige. »Das ging über relativ viele Jahre.« Damals wohnte Henrichs in Reichelsheim. Heute lebt er in der Schweiz, in Zürich, hat sich selbstständig gemacht und nun eine App auf den Markt gebracht, die Neurodermitis-Erkrankten helfen soll.

Rund 300 Millionen Menschen weltweit haben Neurodermitis, sagt Henrichs. Die chronische Hautkrankheit, die sich vor allem durch juckenden Ausschlag äußert, tritt meistens im Kindesalter auf. »Bei Neugeborenen besteht eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken. Oft geht die Neurodermitis zwischen 8 und 16 Jahren wieder weg.« Was aber die aktuelle Datenlage zeige: Die Hauterkrankung trete immer häufiger auch bei Erwachsenen auf.

Neurodermitis: Auslöser sind vielseitig

Was typisch für die Krankheit ist: Sie kommt in Schüben; die Auslöser dafür sind vielseitig. Ernährung spielt eine Rolle, Hygieneprodukte können einen Einfluss haben, ebenso wie psychische Faktoren, zum Beispiel Stress. Da das jedoch von Person zu Person unterschiedlich ist, besteht ein Großteil der Behandlung darin, herauszufinden, wodurch die Schübe ausgelöst werden. »Die Oldschool-Methode«, wie Henrichs sagt: »Der Arzt sagt, führen Sie mal ein Ernährungs- oder ein Stresstagebuch. Am Ende hat man viele Zettel, von denen man die Hälfte nicht mehr lesen kann.«

Es war diese eigene Erfahrung, sagt der 33-Jährige, sowie sein durch das Wirtschaftsinformatik-Studium erworbene statistische Hintergrundwissen, das ihn auf die Idee gebracht hat: mit digitaler Hilfe Neurodermitis-Schübe zu analysieren.

Nun haben er und sein Team eine App entwickelt, die mithilfe von künstlicher Intelligenz Zusammenhänge und Auslöser der Schübe ermittelt. »NALA« heißt sie, der Slogan: »Deine Abkürzung zu glücklicher Haut.« Henrichs sagt: »Wir wollen damit den oft langen Leidensweg verkürzen.«

Der App-Nutzer, entweder direkt Betroffene oder bei Kindern deren Eltern, gibt dazu manuell Daten ein (was man gegessen hat, womit man sich eingecremt hat, …) sowie die Intensität des Juckreizes oder andere Symptome. Anhand dieser Informationen, erklärt Henrichs, kann die App Zusammenhänge analysieren. Mit einberechnet würden zudem passive Faktoren wie Luftfeuchtigkeit oder Pollenflug.

Die App gebe daraufhin Empfehlungen für »Dos and Don’ts« - was man tun sollte und was nicht.

Neurodermitis-App: Videos und digitaler Haut-Check

Daneben biete die App weitere Funktionen. So kann ein Report erstellt werden, den die Betroffenen beim Arzt vorlegen können. Zudem gibt es aktuell rund 60 Videos von Experten, etwa Hautärzten oder Ernährungswissenschaftlern, die Tipps geben und Wissen rund um die Hautkrankheit vermitteln. Mit digitalen Haut-Checks - »auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Fragebögen« - werde ermittelt, ob jemand leichte, mittelschwere oder schwere Neurodermitis habe.

Die App ist seit Kurzem verfügbar. Am Anfang soll die Nutzung kostenfrei sein, später wird eine monatliche Gebühr fällig.

Getestet wird sie allerdings schon länger: In den vergangenen zwei Jahren ist »NALA« mit 100 Beta-Version-Testern entwickelt worden, berichtet Henrichs. In dieser Zeit habe das Entwicklerteam auch viele Unterstützer gewonnen. Die Behörde swissmedic, die Schweizer Zulassungsbehörde für Medizinprodukte und Arzneimittel, hat die App in die Liste registrierter Medizinprodukte aufgenommen. »Auch Experten und Institutionen unterstützen das Projekt, bspw. Prof. Marcus Maurer - Forschungsdirektor der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Charite in Berlin - oder die EU-geförderte Initiative ›EIT Health‹.«

Für die Zukunft hat Henrichs weitere Ideen, wie man Menschen mit Hautproblemen digital helfen kann. Zum Beispiel bei Akne. Denn, sagt er: Weltweit sind zwei Milliarden Menschen von chronischen Hautkrankheiten betroffen. Bei der Behandlung solle man sich nicht nur auf Medikamente, etwa kortisonhaltige Salbe, konzentrieren. »Vielmehr sollte man auch andere Aspekte wie Ernährung, Bewegung, Schlaf einbeziehen.«

Neurodermitis: App-Gründer lebte in Reichelsheim

Im Juni 2020 haben Jeremy Henrichs und sein Kollege Spencer Cabildo die »NALA.care GmbH« gegründet. Seither testen und entwickeln sie die App. Co-Gründer Cabildo leitet zudem eine Agentur, in der u.a. Entwickler beschäftigt sind. Diese haben auch die »NALA«-App entwickelt. Jeremy Henrichs lebt seit 2015 in der Schweiz. Geboren ist er in Halle, mit fünf Jahren nach Reichelsheim gezogen. Durch das Studium kam er über Darmstadt und Marburg in die USA und nach München. Eine Arbeitsstelle hat ihn letztlich in die Schweiz verschlagen.

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