Geduldig hat Kurt Dauernheim auf seine erste Corona-Impfung gewartet. Dann geht alles ganz schnell. Kirsten Faust hat den Oberarm desinfiziert und setzt die Spritze.	FOTOS: DAUERNHEIM
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Geduldig hat Kurt Dauernheim auf seine erste Corona-Impfung gewartet. Dann geht alles ganz schnell. Kirsten Faust hat den Oberarm desinfiziert und setzt die Spritze. FOTOS: DAUERNHEIM

Reichelsheimer begleitet

Erlebnisbericht: So läuft der Termin im Impfzentrum Heuchelheim ab

  • Ines Dauernheim
    vonInes Dauernheim
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Viele Wege führen derzeit nach Heuchelheim bei Gießen. Täglich werden dort im Obergeschoss eines Möbelhauses 495 Senioren geimpft. Einer von ihnen ist am Donnerstag der 80-jährige Reichelsheimer Kurt Dauernheim - mein Schwiegervater.

Ich wäre froh, wenn es schon um wäre«, sagt Kurt Dauernheim. Mein Schwiegervater steigt zu mir ins Auto. Er ist aufgeregt. Sein Impftermin rückt näher: 10.45 Uhr steht auf der Online-Reservierung. »Gut ist, dass ich nicht allein hin muss.« Los geht’s. Für den 80-Jährigen keine Frage, sich impfen zu lassen. »Wenn es das ist, was wir tun können, damit wieder etwas Normalität einkehren kann.«

9.55 Uhr, Reichelsheim

Unser Ziel ist das Impfzentrum in Heuchelheim bei Gießen. Knapp 40 Kilometer. 32 Minuten Fahrzeit, sagt das Navi. Es ist programmiert auf Heuchelheim, Ortsmitte.

10.25 Uhr, Heuchelheim

Wir entdecken das erste Schild: Impfzentrum. Die weißen Hinweistafeln mit schwarzer Schrift leiten gut durch den Ort. Es geht vorbei an der Ludwig-Rinn-Straße, in die wir normalerweise eingebogen wären.

10.30 Uhr, Ankunft

Pylonen stehen auf der Straße, ein Polizeiwagen, Sicherheitsdienst. Links ab zum Parkplatz. Glück gehabt, wir ergattern den letzten freien Stellplatz. Maske auf. Aktenmappe in die Hand. Darin liegen Terminbestätigung, die unterschriebene Erklärung, der Medikamentenplan. »Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn der Arzt sieht, was da alles draufsteht«, sagt Kurt. »Du bist 80 Jahre, überleg mal, der Körper ist nicht für das hohe Alter ausgelegt, da ist es doch normal, dass du Medikamente brauchst«, beruhige ich. Vorm Eingang zum Impfzentrum hat sich bereits eine Warteschlange gebildet. Es regnet.

10.35 Uhr, Warten

Nach uns reihen sich mehr und mehr Paare ein. Fast jeder Senior hat eine Begleitung dabei. Rasch kommen wir ins Gespräch. Die 96-jährige Dame hinter uns kommt mit ihrem Neffen aus Bad Vilbel. »Das sind 63 Kilometer, da haben wir einen zeitlichen Puffer eingerechnet«, sagt er. Der Termin der Tante ist um 11.10 Uhr.

10.40 Uhr, Streiterei

Es rollen mehr und mehr Autos auf den überfüllten Parkplatz. Ein Senior will offenbar unbedingt an der einzigen Zufahrt in der Nähe zum Eingang halten, um seine gehbehinderte Begleiterin aussteigen zu lassen. Alle Behindertenstellplätze sind besetzt. Der Mann vom Sicherheitsdienst unterbindet das Vorhaben. Ein Wortgefecht ist zu hören.

10.45 Uhr, Geduldig sein

Wir stehen immer noch vorm Eingang. Inzwischen hat uns der Pressesprecher vom Landkreis Gießen entdeckt. Er verrät, dass kurz zuvor Ministerpräsident Volker Bouffier das Zentrum besucht hat. Das sei ein großer Trubel gewesen.

10.50 Uhr, Es geht voran

Wir sind im Gebäude! Am Empfang legt mein Schwiegervater seine Reservierung vor. Sein Name wird auf der Liste abgehakt. Ich gebe den Personalausweis ab, werde registriert. Für Kurt gibt’s einen Aufkleber »Impfling«, auf meinem steht »Begleiter«.

10.55 Uhr, Aufwärts

Per Rolltreppe geht’s ins Impfzentrum. Zaunelemente grenzen den Weg zu den Anmeldekabinen ab. Hinter uns wird niemand mehr hochgelassen. Warten.

11 Uhr, Sanitäter-Einsatz

»Hilfe«, ruft eine der Stimmen von unten. Rasch laufen einige der Beschäftigten zusammen. Sanitäter kommen mit einer Trage. Sie eilen zu einer Seniorin, der scheinbar schwindelig geworden ist.

11.05 Uhr, Anstehen

»Ich bin froh, dass bei mir heute der Schwindel ausbleibt«, sagt mein Schwiegervater. Den Klappstuhl, den ihm Helfer angeboten haben, damit er beim Warten sitzen kann, hat er abgelehnt.

11.10 Uhr, Zählen

Ich ertappe mich beim Zählen: Noch zwölf Impflinge sind vor uns an der Anmeldung. Derweil schieben die Sanitäter die leere Trage zurück.

11.15 Uhr, Informationen

Auf großen Bildschirmen wird das Prozedere im Impfzentrum in Endlosschleife erklärt. »Ich kann es kaum lesen, das ist zu weit weg«, sagt mein Schwiegervater. Die Erklärungen sind auch zu hören. »Das verstehe ich nicht«, erklärt er. Dafür hat er zu Hause die Unterlagen genauestens gelesen. Er ist vorbereitet.

11.20 Uhr, Zwischenziel

Wir sind an Anmeldung 4 angekommen. Die Krankenkassenkarte ist nötig. Die Unterlagen, die mein Schwiegervater zu Hause ausgefüllt hat, gibt er ab. Sie werden an ein Klemmbrett geheftet. Dazu gibt es noch eine Datenschutzerklärung, die auszufüllen ist. Und den Laufzettel.

11.25 Uhr, Unterschrift

Auf der Erklärung muss der Name und Ort des Hausarztes eingetragen werden. Erledigt. Kurt Dauernheim unterschreibt. Wir sitzen nun in Wartebereich 2, ganz hinten.

11.30 Uhr, Stuhlreihe

Im provisorischen Raum, der mit weiß abgespannten Zaunelementen abgetrennt ist, stehen sechs Stuhlreihen. Immer zwei beieinander für »Impfling« und Begleiter. Wir sitzen an Position sechs.

11.35 Uhr, Versorgung

»Ich habe heute getrickst«, verrät mir mein Schwiegervater. Er hat keine Wassertablette genommen, damit der Gang zur Toilette länger warten kann. Falls jemand Durst hat; es stehen überall sichtbar Wasserspender parat.

11.45 Uhr, Ausschau

Mittlerweile sitzen wir an Position 2. »Siehst du was, geht’s da zum Arzt«, fragt Kurt. »Nein, da stehen weitere Stuhlreihen«, beschreibe ich, was ich erkennen kann.

11.55 Uhr, Vorwärts

Wir ziehen weiter: Der Vorraum zum Arztgespräch ist erreicht. Das wird in Raum 4 sein. Noch sitzen drei Impflinge vor uns. »Was das hier alles kostet«, fragt sich mein Schwiegervater. »Stühle, Schilder, Abtrennungen, Ausrüstung«, zählt er auf.

12.05 Uhr, Gelassenheit

Gelassen warten die Impflinge und ihre Begleiter. Zwei Senioren vertreiben sich die Zeit mit Lesen auf dem Handy. Inzwischen schaue ich etwas häufiger auf die Uhr. Fünf, acht, manchmal zehn Minuten dauert die Beratung beim Arzt.

12.15 Uhr, Fast am Ziel

Nun sitzen wir in der ersten Reihe. Das Bad Vilbeler Paar hat die Wartereihe nebenan zugeteilt bekommen. Da geht’s etwas schneller. Sie gehen zum Impfen.

12.20 Uhr, Arztgespräch

Endlich! Wir sitzen dem Arzt gegenüber. Eine Plexiglaswand trennt uns. Er ist sehr freundlich. Mein Schwiegervater versteht kaum etwas, gesteht er im Anschluss. Überhört hat er: »Für Ihr Alter sehen Sie fit aus, Sie werden die Impfung gut vertragen.« Der Arzt prüft die mitgebrachten Unterlagen. »Sie nehmen Blutverdünner, dann wird eine dünnere Nadel genommen«, erklärt er. Derweil nimmt er einen gelben Zettel und heftet ihn auf die Laufmappe. »Es darf auch zu Reaktionen kommen«, beruhigt der Arzt. »Schwellung, Rötung ähnlich wie bei der Grippe-Impfung«, zählt diesmal mein Schwiegervater auf. »Das wird schon gehen, so wehleidig bin ich nicht«, ergänzt er. Wir dürfen zur Impfstraße 4.

12.28 Uhr, Impfen!

Der Weg ist gut ausgeschildert. Geradeaus, rechts. Angekommen. »Bitte sehr, junger Mann«, lautet die freundliche Begrüßung. Das passt. Kirsten Faust, die Frau, die meinen Schwiegervater impfen wird, ist sehr sympathisch, resolut. »Machen Sie Ihren linken Arm frei«, bittet sie. »Muss ich meinen Pulli ausziehen«, fragt er. »Natürlich, durchstechen funktioniert nicht.« Nun zeigt sich, dass sich mein Schwiegervater schick gemacht hat. Unterm Pulli kommt ein Hemd hervor. Er wickelt den Ärmel hoch. Nicht so hoch, wie Faust es gern hätte. »Ideal wäre es, wenn die Impflinge, kurze Ärmel anziehen«, rät sie während sie die Stelle, in der sie das Vakzin spritzen wird, mit Desinfektionsmittel besprüht. Im nächsten Moment hat sie schon die Spritze in der Hand. Erledigt. Tupfer drauf, drücken, Pflaster. »Dankeschön.« Auf zum nächsten Warteraum.

12.33 Uhr, Nach-Warten

Noch mal 30 Minuten warten. »Ich habe den Einstich gar nicht gespürt«, erzählt Kurt. »Ich merke nichts, es ist gerade wie vorher.«

12.40 Uhr, Toilette

Ein Toilettengang ist fällig. Den Schildern nach, gleich hinter den drei Wartearealen. Überraschung nach der Tür: Hier steht ein Raum voller Dixie-Toiletten und mobile Handwasch-Stationen. Das Wasser läuft, wenn mit dem Fuß auf den Knopf getreten wird.

12.50 Uhr, Gelöst

»Ich bin so froh, dass ich nicht allein hermusste«, sagt Kurt Dauernheim. Er wirkt gelöst, zufrieden und beobachtet das Geschehen. »Ich denke immer, ich bin der Einzige, der Bedenken und Angst vor neuen Situationen hat.«

13.00 Uhr, Abschied

Nun zum Ausgang. An einem Schalter wird die Laufmappe entgegengenommen. Eine Mitarbeiterin sichtet die Unterlagen, scannt sie ein, gibt sie zurück, dazu kommt eine Bescheinigung über die erste Impfung. »Den Zettel bringen Sie zum nächsten Termin mit«, bittet sie. Darauf werde auch die zweite Spritze vermerkt. Das Eintragen in den Impfpass übernehme der Hausarzt.

13.10 Uhr, Stau

Zurück am Auto. Der Blick geht zum Eingang. Hier staut es sich viel länger als noch vor zweieinhalb Stunden. Später erfahren wir, dass es eine Panne gegeben hat und fürs Heuchelheimer Zentrum 150 Termine mehr vergeben wurden als die 495 vorgesehenen.

13.40 Uhr, Ankunft

Ankunft zu Hause. Fast vier Stunden nach dem Start. Zeit zu erzählen, wie es war, denn die Schwiegermutter hat am nächsten Tag ihren Termin.

Keine Familientermine

Immer wieder bedauern Leser in Zuschriften, dass es keine Familientermine gibt. Da muss der eine Senior morgens zum Zentrum begleitet werden, der andere am Nachmittag oder am folgenden Tag. Doppeltermine sieht das Anmeldesystem nicht vor. Auf Nachfrage beim Innenministerium, warum das so ist, hat die Redaktion bislang keine Antwort bekommen. Ebenso wenig gab es Informationen dazu, wie viele Wetterauer in dieser ersten Impfphase für Senioren ab 80 zum Zuge gekommen sind.

Irene Dauernheim, die Frau von Kurt Dauernheim, ist am Freitag geimpft worden. Lange Wartezeiten sind ihr erspart geblieben. Knapp 50 Minuten war sie vom Anmelden bis Abschied mit Impfbescheinigung unterwegs.

Immer wieder bedauern Leser in Zuschriften, dass es keine Familientermine gibt. Da muss der eine Senior morgens zum Zentrum begleitet werden, der andere am Nachmittag oder am folgenden Tag. Doppeltermine sieht das Anmeldesystem nicht vor. Auf Nachfrage beim Innenministerium, warum das so ist, hat die Redaktion bislang keine Antwort bekommen. Ebenso wenig gab es Informationen dazu, wie viele Wetterauer in dieser ersten Impfphase für Senioren ab 80 zum Zuge gekommen sind.

Irene Dauernheim, die Frau von Kurt Dauernheim, ist am gestrigen Freitag geimpft worden. Lange Wartezeiten sind ihr erspart geblieben. Knapp 50 Minuten war sie vom Anmelden bis Abschied mit Impfbescheinigung unterwegs. kai

…gilt allen Mitarbeitern des Heuchelheimer Impfzentrums! Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit und etwas Humor sind uns vom Empfang bis zum Abschied begegnet. kai

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