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Endstation Reichelsheim: Zeitzeugen erinnern sich

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Erika Bönsel (l.) liest aus den Erinnerungen von Oskar Hubl vor, wie er als 20-Jähriger nach Reichelsheim kam.	(Foto: Dauernheim)
Erika Bönsel (l.) liest aus den Erinnerungen von Oskar Hubl vor, wie er als 20-Jähriger nach Reichelsheim kam. (Foto: Dauernheim) © Ines Dauernheim

Reichelsheim (kai). Es dauert lange, bis beim zweiten Erzählcafé ein Vertriebener beginnt zu sprechen. Die Frauengruppe »Mittendrin« hatte für Mittwoch wieder zu einem Treffen eingeladen, bei dem Reichelsheimer über das Vergangene und die eigene Geschichte miteinander ins Gespräch kommen.

Organisatorin Irene Fleischhauer hatte als Thema »Endstation Reichelsheim« gewählt. Sie berichtete von eigenen Erinnerungen, Ulla Wagner und Erika Bönsel lasen Notizen von Vertriebenen vor, die in Reichelsheim eine neue Heimat gefunden hatten. Nach fast eineinhalb Stunden fragte Wagner: »Kurt, erzähl doch mal. Wie war das bei Euch, als Ihr Euer Zuhause verlassen musstet?« Kurt Bergmann, Jahrgang 1940, berichtete, dass er 1946 mit Mutter, Großmutter und vielen anderen Deutschen aus Tschechien ausgewiesen worden war. »Ich kam zwei Wochen später als meine Mutter in Reichelsheim an.« Der Grund: Er war auf dem Weg an Ruhr erkrankt. In Friedberg ging’s für ihn ins provisorische Krankenhaus.

Mit 20 Mann im Viehwagon

»Innerhalb von drei Tagen mussten wir unsere Heimat verlassen. 30 Kilo Gepäck durften wir pro Person mitnehmen«, schilderte Bergmann. Auf der Ladefläche von Lastern seien sie nach Hohenstadt gekarrt worden. »Aus den 30 Kilo Gepäck wurden am ersten Sammelplatz schnell 20 Kilo.« Die Tschechen hätten die Habseligkeiten nach Wertsachen durchsucht. Auch die Kleidung, die seine Mutter für den Vater, der in russischer Kriegsgefangenschaft war, eingepackt habe, sortierten die Tschechen aus.

»Deshalb besaß mein Vater, als er Jahre später aus der Gefangenschaft kam, nur die Sachen, die er am Körper trug«, sagte Bergmann. »Mit 18 bis 20 Personen mussten wir in Viehwagons steigen, nach drei Tagen kamen wir in Friedberg an.« Erst ab der Grenze seien sie verpflegt worden. Nach dem Krankenhausaufenthalt war sein neues Heim die Dorn-Assenheimer-Straße 12, das Haus der Familie Nagel, das Elternhaus von Irene Fleischhauer. »Am 10. Oktober 1946 wurde ich in Reichelsheim eingeschult«, erzählte Bergmann. Von den Reichelsheimern sei er als Flüchtling gesehen worden. »Wir sind Vertriebene, wir mussten unsere Heimat verlassen. Wir wollten nicht gehen, es war nicht unsere eigene Entscheidung.« Misstrauen sei den Neuankömmlingen entgegen geschlagen.

»Die Aufnahme ist nicht freiwillig geschehen, die Vertriebenen wurden den Familien zugewiesen«, sagte Gerd Wagner. Die Verwaltung habe ausgerechnet, wie viel Wohnraum in den Häusern zur Verfügung stand, dann sei festgelegt worden, wie viele Menschen einziehen müssten. Weigerten sich Hausbesitzer, Flüchtlinge aufzunehmen, sei ein Amerikaner zu Hilfe geholt worden, habe ihre Schwiegermutter erzählt, die beim Flüchtlingsamt arbeitete, sagte Fleischhauer.

»Es gab viel Konfliktpotenzial, Küche und Klo, meist das Plumpsklo auf dem Hof, mussten geteilt werden.« Aus Erzählungen wussten die Reichelsheimer in welchen Familien, es den Vertriebenen gut ging, in denen sie ins gute Wohnzimmer einziehen durften, oder wo ein Verschlag angeboten wurde.

»Weg mit Leichen gesäumt«

»Landwirte waren froh über Helfer«, sagte Wagner. Er selbst kann sich noch erinnern, dass seine Familie unterm Dach eine Bleibe hatte. »Wir schliefen unter den blanken Ziegeln, im Winter lag der Schnee auf unseren Betten.«

»Die Heimat war für die Familien verloren. Auch wir Nachgeborenen leiden, man spürt in gewisser Weise, keine Wurzeln zu haben«, berichtete Karin Lauer. Ihre Familie wurde aus Schlesien vertrieben. Ihr elf Jahre älterer Bruder ging mit der Tante auf den Treck. »Meine Mutter musste als Hebamme in Breslau bleiben.« Es falle auch in ihrer Familie schwer, von diesen Erlebnissen zu berichten, sagte Lauer. »Die Menschen, die flüchten mussten, sind traumatisiert, sie können nichts erzählen.

« Aufs spätere Leben wirke diese Zeit nach. »Meine Tante verweigerte Spaziergänge, sie sagte: ›Ich laufe nicht mehr zum Vergnügen.»« Nach und nach habe sie erfahren, was Mutter, Bruder und Tante erlebt hatten. »Sie wollten zu Hause bleiben, alles wieder aufbauen.« Das ging nicht, die Deutschen mussten Schlesien verlassen. »Alles blieb zurück – das Vieh, der Hund, Möbel, Besitz. Der Weg des Trecks war von Leichen gesäumt.« Ihre Mutter habe von Neugeborenen berichtet, die in dicke Decken eingepackt wurden und trotzdem erfroren. »Es muss furchtbar gewesen sein.«

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