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Seine Artgenossen sind derzeit in Griechenland, Spanien oder Italien unterwegs: Der Zistensänger in Reichelsheim ist daher eine Rarität - für die Wetterau und für ganz Hessen.

Klimawandel

Der einzige seiner Art in der Wetterau: Vogelmännchen verirrt sich in die Wetterau

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Eine Vogelart aus Südeuropa ist erstmals in der Wetterau aufgetaucht - aber nur ein einziges Männchen. Der junge Zistensänger trägt Nistmaterial umher - ein Weibchen ist leider nicht in Sicht.

Nachdem vor wenigen Wochen erstmals eine afrikanische Wüstenlibelle in der Wetterau gesichtet wurde, ist nun die nächste Tierart aus dem Süden aufgetaucht: ein Zistensänger. Den unauffälligen Singvogel hat Ornithologe Dr. Thomas Sacher kürzlich in Reichelsheim am Rande des Bingenheimer Rieds beobachtet. Die Art ist in Südeuropa, dem südlichen Asien und Afrika zu Hause und zum ersten Mal in der Wetterau unterwegs, heißt es von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) mit Sitz in Echzell. In Hessen ist die Art erst einmal zuvor gesehen worden, und zwar 1995 im Raum Darmstadt.

"Es ist ein weiteres Indiz für den Klimawandel", sagt Sacher und verweist auch auf den Fund der afrikanischen Schabracken-Königslibelle im Bingenheimer Ried. Zu finden seien die Zistensänger derzeit vor allem in Griechenland, Italien und Spanien, seltener in Frankreich. Vor ein paar Wochen sei die Art aber in Rheinland-Pfalz sowie Bayern gesichtet worden. "Man kann schon von einem Einflug in ganz Deutschland sprechen", sagt der Ornithologe. Eigentlich legten die rund zehn Zentimeter kleinen Zistensänger nicht so lange Strecken zurück. "Für einen so kleinen Vogel mit kurzen Flügeln ist das schon beachtlich." Womöglich hätten ihm Saharawinde unter die Flügel gegriffen. Angesichts des Klimawandels werde aber auch immer wieder beobachtet, dass Vögel ihr Zugverhalten änderten - zum Beispiel bei höheren Temperaturen weiter Richtung Norden flögen.

Vogel-Touristen reisen an

Den Fund macht der Reichelsheimer vor seiner Haustür. Er kommt gerade von der Arbeit und schließt den Briefkasten auf, als ihn ein fremdartiger Gesang aufhorchen lässt. "Zipp-Zipp-Zipp" - ähnlich wie eine Schafstelze, aber in speziellem Rhythmus. Nur wenige Minuten später bekommt er den Vogel zu Gesicht und ist sich sicher: ein Zistensänger. Bis auf 20 Meter nähert sich der seltene Gast seinem Haus. Meist halte er sich am Rande des Bingenheimer Rieds auf, in einem Bereich mit höherem Gras und feuchten Senken, berichtet Sacher.

Mit seinem braun-hell gemusterten Gefieder sei der Zistensänger eher unauffällig und in der Vegetation gut getarnt - für Laien eher schwierig zu erkennen, sagt Sacher. Der typische Gesang sei dagegen etwas auffälliger. Allerdings seien die hochfrequenten Rufe gerade für ältere Menschen nicht so leicht zu hören.

Seit knapp zwei Wochen ist der seltene Gast nun bereits in Reichelsheim und dem Bingenheimer Ried unterwegs - und sorgt seitdem unter Vogelfreunden für Aufsehen. "Es ist fast so etwas wie Tourismus entstanden", sagt Sacher. Selbst aus Hamburg seien schon Leute angereist, um den Vogel zu sehen. Den Piepmatz hat das wohl nicht gestört. Sacher: "Es gefällt ihm hier gut, ansonsten wäre er längst weitergezogen."

Wird der Vogel überleben?

Über den Wetterauer Gast ist schon einiges bekannt: Es handelt sich um ein Männchen, das im letzten Jahr geboren wurde. Typisch dafür ist das Umherstreunen auf der Suche nach Weibchen und Brutplätzen. Der Reichelsheimer Vogel habe bereits ein Revier besetzt und Nistmaterial im Schnabel getragen, wie Sacher beobachtet hat. Vergebene Liebesmühe für den einzigen seiner Art in der Wetterau? "Wahrscheinlich, aber es ist nicht auszuschließen", sagt der Ornithologe. "Durch den Klimawandel können Vögel schnell neue Gebiete erschließen" - so wie die Seidensänger vor einigen Jahren. Das Brutpaar sei ebenfalls eine Ausnahmeerscheinung in Deutschland gewesen. Sollte zu dem Zistensänger nun kein Weibchen stoßen, werde der Vogel vielleicht auch zurück gen Süden fliegen.

Eine weitere große Frage bleibt für den Ornithologen: Wird der Reichelsheimer Zistensänger bis ins nächste Jahr leben - und zurück in die Wetterau kommen? So oder so ist er für immer mit der Wetterau verbunden - mit einem Ring. Sacher und seine Kollegen haben ihn professionell gefangen, untersucht und einen Ring an seinem Fuß angebracht. So erhoffen sie sich das Schicksal des kleinen Vogels weiterverfolgen zu können. Wo auch immer er hinfliegt - wird er wieder gefangen, zeigt der Code auf dem Ring: Das ist der Reichelsheimer Piepmatz.

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