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Das Luftschiff ist 2011 an einem Sonntagabend in Reichelsheim abgestürzt. (Archivfoto)

Luftschiff-Absturz 2011

„Zu Untätigkeit verdammt“: Als ein Luftschiff in der Wetterau abstürzt

  • Sabrina Dämon
    VonSabrina Dämon
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Vor zehn Jahren ist ein Luftschiff in der Wetterau abgestürzt. Unter den Passagieren war Joachim Storch. Er sprang im letzten Moment aus dem brennenden Luftschiff.

Reichelsheim – Kein Aufzug mehr, keine Räume ohne Fluchtmöglichkeiten, im Theater nur der Platz am Notausgang. Und, sagt Joachim Storch: »Ich werde nie wieder in ein Luftschiff oder in einen Heißluftballon steigen« - in Luftfahrzeuge, die nicht maschinell am Boden gehalten werden können. »Das sind die einzigen Tics, die ich davongetragen habe.«

Heute vor zehn Jahren ist Joachim Storch an Bord des Luftschiffes gewesen, das am Reichelsheimer Flugplatz abgestürzt ist. Er konnte im letzten Moment abspringen. Der 52-jährige Pilot Mike Nerandzic starb bei dem Unglück.

Luftschiff-Absturz in der Wetterau: Es passiert bei klarem Himmel

Joachim Storch erinnert sich genau an den Tag. Ein sommerlicher Pfingstsonntag, klarer Himmel. Drei Passagiere, alle Journalisten, stiegen in Reichelsheim in das Luftschiff - ein Blimp; von der Form wie ein Zeppelin, jedoch ohne starres Innengerüst.

Die Gondel ist vergleichbar mit einem Auto: vorne zwei Plätze, quasi Fahrer und Beifahrer, hinten drei. Joachim Storch saß hinten.

Es war ein Presseflug - neben Storch, der als Fotograf tätig ist und u.a. für die WZ gearbeitet hat, waren eine Redakteurin und ein Kameramann dabei. Ziel war ein Hessentags-Open-Air-Konzert der Band Roxette bei Oberursel. Die Perspektive aus dem Luftschiff sei perfekt für eindrucksvolle Luftaufnahmen gewesen.

Luftschiff-Absturz in der Wetterau: Ein erfahrener Pilot an Board

»Ich bin vorher noch nie in einem Luftschiff mitgefahren. Es war ein angenehmes, sanftes Gleiten«, erinnert sich Joachim Storch. Der Pilot war mit über 17 000 Flugstunden erfahren, »hat auf den Zentimeter genau die Winkel angesteuert, die wir für die Aufnahmen gebraucht haben«. Zum Abschluss steuerte er über Frankfurt. Gegen 20 Uhr ging es zurück in die Wetterau.

Bei Start und Landung muss das Gewicht austariert werden. Zudem braucht es eine Boden-Crew, die die Seile verankert. Die Crew stand bereit.

Der Unfall ereignete sich beim Landeanflug. »Der Blimp ist über ein Maisfeld gestreift. Es hat gepoltert und gerumpelt.« Über die Kopfhörer kam die Stimme des Piloten: »I crashed the airship.« Doch, sagt Joachim Storch: »Alles war ganz entspannt. Er hat sonst nichts gesagt, nur die Steuerelemente bedient.«

Luftschiff-Absturz in der Wetterau: Feuer am Heck

Dann jedoch habe die Redakteurin gesagt, dass es am Heck brenne. »Sie ist aufgestanden und ausgestiegen.« Das Gefährt gewann an Höhe. »Aber es war immer noch alles ruhig. Ich dachte bis zum Schluss: Alles ist unter Kontrolle. Ich habe es mit einem Vergaserbrand bei einem Oldtimer verglichen. Dachte, das ist eine kurze Geschichte.«

Als nächstes stieg der Kameramann aus, er wollte Kamera und Stativ mitnehmen. Doch es blieb in der Tür stecken - der einzigen in der Gondel. Wenige Augenblicke später entschied auch Joachim Storch, das Luftschiff zu verlassen, das wegen des Gewichtsverlusts schon zwei, drei Meter über dem Boden schwebte. Er nahm seine Kamera - »Ich dachte noch: Da ist ja deine ganze Arbeit drauf« - und kletterte durch die schmale Fensteröffnung. Sein Gedanke beim Blick nach unten: »Oh. Das ist hoch.«

Luftschiff-Absturz in der Wetterau: Pilot verbrennt

Er sprang. »Ich bin wie ein Mehlsack runtergeklatscht, aber ich hatte nicht mal eine Schramme. Dann saß ich auf dem Hosenboden in der idyllischen Wetterau, umgeben von gemütlich weidenden Kühen und völliger Ruhe.«

Er sah nach oben. »Aus meinem Reporterinstinkt heraus habe ich Bilder gemacht. Und habe geglaubt, das Luftschiff kommt gleich runter.« Doch es stieg weiter, die Flammen breiteten sich aus. Dann hörte Joachim Storch die Schreie. »Es war das Schlimmste, was ich je gehört habe. Acht bis zehn Mal hat er fürchterlich geschrien. Der Pilot ist bei lebendigem Leib verbrannt.«

Wenige Sekunden später stürzte das Luftschiff ab.

Luftschiff-Absturz in der Wetterau: Verhöre bis Mitternacht

Am schrecklichsten sei es gewesen, nicht helfen zu können. »Wenn ich wenigstens an die Seile gekommen wäre, das Ding hätte runterziehen können, aber ich war verdammt dazu, nichts tun zu können.«

Die Verhöre zum Unfall dauerten bis Mitternacht. »Ich habe wie in Trance geantwortet. Um mich herum standen nur uniformierte Menschen, und ich saß da wie ein Zwerg.« Die erste nicht-uniformierte Person war Pfarrerin und Notfallseelsorgerin Dr. Carmen Berger-Zell. »Zuerst habe ich gesagt: Ich brauche niemanden.« Doch rückblickend habe es ihm geholfen: zuerst mit ihr zu sprechen, später mit Kollegen. »Wenn man journalistisch tätig ist, ist man dankbar, wenn die Leute reden. Deswegen habe ich auch geredet.«

Was er sich immer wieder gefragt hat: Warum der Pilot nicht auch gesprungen ist. »Unmittelbar nach mir hätte er es noch geschafft.« Vielleicht, vermutet Joachim Storch, wollte der Pilot verhindern, dass das brennende Luftschiff über Reichelsheim abstürzt. »Oder er hat geglaubt, er würde es noch unter Kontrolle bringen.«

Luftschiff-Absturz in der Wetterau: Der Sprung rettet das Leben

Dass die Passagiere selbst entschieden hätten, zu springen, habe ihnen das Leben gerettet. »Wäre ich drei Sekunden länger drinnen geblieben, wäre ich tot. Dann wäre ich nicht mehr gesprungen.«

Manchmal wird Joachim Storch am 12. Juni von Bekannten angerufen - zu seinem »zweiten Geburtstag«. Das Unglück habe er mittlerweile gut verarbeitet. Ein Satz der Notfallseelsorgerin habe ihm dabei sehr geholfen: »Was geschehen ist, ist jetzt Bestandteil Ihrer Lebensgeschichte.«

Ursache für Luftschiff-Absturz in der Wetterau geklärt

In dem Abschlussbericht der Deutschen Flugsicherung, der erst 2013 fertig gewesen ist, heißt es: »Der Flugunfall ist darauf zurückzuführen, dass bei einer harten Landung des Luftschiffes das Fahrwerk abbrach und beim Aufsetzen der Luftschiffgondel auf dem Boden Bauteile der Benzinversorgung beschädigt wurden und es zum Austritt einer großen Menge Kraftstoff kam, die sich sofort entzündete.« Windstille und offenbar Überladung hatten zu der »außergewöhnlich schwierigen Landesituation« beigetragen. Joachim Storch stellte die Fotos, die er vom brennenden Luftschiff gemacht hatte, für die Ermittlungen zur Verfügung - und trug damit zur Ursachenfindung bei. Denn als das Luftschiff abgestürzt war, war es fast komplett verbrannt.

Das Makabere, sagt Storch, ist der Name, den das Luftschiff hatte: »Spirit of safety« (etwa »Geist der Sicherheit«). Der sog. Blimp war vom Reifenhersteller Goodyear für Werbeflüge während des Hessentags in Oberursel angemietet worden, am gesamten Pfingstwochenende 2011 stieg er mehrfach von Reichelsheim in die Luft. Nach dem Unglück habe Storch lange keinen Blimp mehr gesehen. Kürzlich jedoch wieder. Es war auch ein Werbeflug. »Für mich ist es unfassbar, dass so etwas zugelassen wird.«

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