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1,16 Millionen Datensätze zu Libellen-Atlas vereint

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Die Große Königslibelle ist Deutschland weit verbreitet.
Die Große Königslibelle ist Deutschland weit verbreitet. © pv

Reichelsheim (lk). Libellen fliegen vorwärts und rückwärts. Sie können auch wie ein Helikopter in der Luft stehen. Hanns-Jürgen Roland ist von den Tieren fasziniert. Der Reichelsheimer hat am gerade erschienenen »Atlas der Libellen Deutschlands« mitgearbeitet. Dafür fügte er 1,16 Millionen Datensätze zusammen. Eine Heidenarbeit.

Vielleicht waren es 400 Arbeitsstunden, vielleicht 500, womöglich sogar mehr. Hanns-Jürgen Roland weiß es nicht genau. Doch es hat sich gelohnt. Vor wenigen Wochen ist der »Atlas der Libellen Deutschlands« erschienen. Der 64-jährige Reichelsheimer hat an dem 464 Seiten starken Werk mitgearbeitet.

Als Roland ein Kind war, nahm sein Großvater ihn regelmäßig mit auf den Frankfurter Hauptfriedhof. »Wenn man sich dort mit Nüssen auf der Hand hingestellt hat, kamen die Vögel angeflogen und haben sich auf die Hand gesetzt. Das war einprägend«, erinnert er sich. Rolands Interesse für die Fauna war geboren. Während seiner Berufsjahre als Bankkaufmann hatte er nur kaum Zeit für Natur- und Tierbetrachtungen. Als er in Rente ging, erwachte die alte Leidenschaft. Erst für Vögel, dann für Libellen. Denn »bei den Vögeln ist so gut wie alles bekannt. Bei Libellen gibt es viele Aspekte, die noch nicht erforscht sind.« Außerdem fasziniert Roland das Flugverhalten der Tiere. »Sie können eigentlich besser fliegen als Vögel, wenn auch nicht so ausdauernd.«

Vögel und Menschen als Feind

Roland wurde Mitglied in der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen (GdO). Odonatologen sind Libellenforscher. 2007 war er bei einer Tagung der GdO in Dresden dabei, es wurde beschlossen, dass ein Deutschland-Atlas erstellt werden soll. Ein Tagungsort wurde gesucht. Der Reichelsheimer schlug vor, »man könnte sich mitten in Deutschland treffen. Mitten in Deutschland ist für mich das Auenzentrum der HGON in Echzell.«

Das Projekt startete. Aus ganz Deutschland trudelten Daten ein, um auf Karten darstellen zu können, welche Art an welchem Ort vor 1980, zwischen 1980 und 1995 und ab 1995 verbreitet war. »Ich hatte angeboten, die Daten zusammenzufügen.« Das Problem: Die Form der Erfassung variierte von Bundesland zu Bundesland. Insgesamt waren es 1,16 Millionen Datensätze, zusammengetragen von 2900 Menschen, vereint von Roland.

Mehrere Autoren verfassten kurze Texte zu jeder Art, deren Verbreitung sowie Ansprüchen an Lebensraum und -zyklus. In Deutschland sind 81 Libellenarten nachgewiesen, zwei gelten laut Roland als ausgestorben. Der Reichelsheimer hat das Kapitel zur Südlichen Heidelibelle verfasst. »2013 lebte die deutschlandweit größte Population der Art im Bingenheimer Ried. 2015 war keine mehr da. Ich habe nur noch drei Tiere im Wetteraukreis gefunden.« Auch Stefan Stübing, Gebietsbetreuer des Teufels- und Pfaffensee, arbeitete am Atlas mit. Entstanden ist ein »rein wissenschaftliches Werk. Ohne schöne Bilder«, sagt Roland.

Libellen sind wichtiger Bestandteil des Ökosystems, jagen unter anderem Stechmücken, tragen zum Gleichgewicht bei, sagt Roland. Er hat einen starken Rückgang an Libellen im Kreisgebiet festgestellt. »Das kann wetterbedingt sein. Wir hatten zwei nasse und einen extrem heißen Sommer.« Keine optimalen Voraussetzungen. Der größte Feind der Tiere: Vögel und Menschen. Vögel, weil sie Libellen jagen und futtern. Menschen, weil sie »Gewässer zerstören und die Umwelt verschmutzen«. Doch noch gibt es Libellen. Am häufigsten in Deutschland sieht man laut Roland die Große Königslibelle, die Große Pechlibelle und die Hufeisen Azurjungfer.

Wer die filigranen, oft schillernden Tiere sehen will, muss sich im Sommer nur mit offenen Augen an den Gartenteich stellen.

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