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Homosexualität

Reichelheimer Historiker forscht zu "Homosexualität am Hofe"

  • Sabine Bornemann
    vonSabine Bornemann
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Hinter den Mauern vieler Königshäuser gab es gleichgeschlechtliche Beziehungen. Der Reichelsheimer Historiker Dr. Christian Mühling hat sich auf Spurensuche begeben und ein Buch dazu herausgegeben.

Ohne einen homosexuellen Höfling oder einen homosexuellen Monarchen ist die Geschichte europäischer Königshöfe kaum denkbar. Dazu gibt es etliche literaturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche Studien. Es existieren aber auch historische Quellen, die Beziehungen zwischen Männern am Hofe belegen. Ihnen ist der Reichelsheimer Dr. Christian Mühling auf der Spur. Er ist Historiker an der Uni Würzburg und hat zusammen mit seinem Kollegen Norman Domeier das Buch "Homosexualität am Hof - Praktiken und Diskurse vom Mittelalter bis heute" geschrieben. Das gibt spannende Einblicke vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Über Beziehungen und Techtelmechtel, die sich zwischen Liebe und der Todesstrafe bewegten.

Zwei Könige liegen in einem Bett - ein Zeichen für Frieden im Mittelalter, wichtige Allianzen werden besiegelt. Es konnte für die Beteiligten aber gefährlich werden. Beschuldigte man einen König und seinen Höfling der Sodomie - was damals jegliche Art von sexueller Handlung war, die nicht in der Ehe stattfand und nicht zur Fortpflanzung diente - wurden Beteiligte zum Tode verurteilt. "Liebe und Freundschaft zwischen Männern war erlaubt, das Körperliche verboten", erklärt Mühling.

Den Begriff der Homosexualität, wie er heute bekannt und verwendet wird, gab es im 17. und 18. Jahrhundert so nicht. "Liebe zwischen Männern war tiefe Freundschaft. Ehefrauen wurden häufig nicht geliebt. Vereinzelt kam auch hier Liebe vor. Sie war aber die Ausnahme", erläutert Dr. Mühling. Er ist während seines Studiums und seiner Promotion in Frankreich auf das Thema aufmerksam geworden. "Es sind Anekdoten, die heute in Klatschblättern stehen würden", meint Mühling. So stellen es die französischen Professoren in den Vorlesungen oft dar. "Damit werden die Vorlesungen interessant und lebendig", erinnert er sich.

Klischees aus der Gegenwart

In den USA werden bei den Darstellungen oft Stereotypen bedient: "Männer am Hofe tragen Schmuck, Frauenkleider oder sind sehr weiblich. Das ist nicht ganz richtig."

Also wollte Mühling erforschen, wie es tatsächlich war. Er hat unzählige Quellen gesichtet - Tagebucheinträge, Memoiren, Briefe. Dabei hat er vieles zutage gefördert, was bisher nicht bekannt war: Heinrich der III. aus Frankreich beispielsweise hatte immer seine "Günstlinge", wie die Höflinge auch genannt wurden. Jemand aus seinem Umfeld bezichtigte ihn der Somodie, und der Monarch wurde ermordet.

Zusammen mit Norman Domeier hat Mühling das Buch "Homosexualität am Hofe" herausgebracht. Domeier ist Zeithistoriker und hatte bereits zu Homosexualität im Kaiserreich geforscht. Bei den Recherchen haben beide gemerkt, dass die Geschichtswissenschaft eher konservativ ist und die Männerbeziehungen am Hofe wissenschaftlich bisher kein großes Thema waren. Das änderte sich 2017 mit einer Tagung auf Schloss Herrenhausen in Hannover. Mühling und Domeier luden Forscher verschiedener Disziplinen auf den Welfenhof ein.- "Das Interesse war größer als wir gedacht hatten", sagt der Reichelsheimer. Im Austausch von Geschichte, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Kirchengeschichte wurden die homosexuellen Lebenswirklichkeiten an Höfen freigelegt und analysiert.

Mühling hat nicht nur geschaut, wo es belegte Fälle gab, sondern auch wo und wie darüber in historischen Quellen gesprochen wird. Es gibt Aufzeichnungen, die wie Groschenromane klingen und heute wochenlang Stoff für Klatschzeitungen liefern würden: Der preußische Resident in Venedig, Graf Giovanni Cattaneo, verliebte sich in den Liebhaber seiner Frau und wurde dafür in Venedig von der Inquisition angeklagt. Er konnte dabei allerdings auf die Unterstützung seines Dienstherren Friedrich II. von Preußen rechnen, der ihn in Schutz nahm, weil er dem König als Diplomat wichtige Dienste leistete.

Viele Verhältnisse der Monarchen wurden jahrelang geduldet, einiges kam erst durch Denunziation oder Anklage ans Licht - fast so, wie es heute Paparazzi für Klatschzeitungen aufdecken.

Starken Herrschern wurde "verziehen"

Starken Herrschern wurde vieles "verziehen". - die gleichgeschlechtlichen Beziehungen lange geduldet. Die homosexuellen Beziehungen von Kaiser Karl VI. vor- und außerhalb der Ehe wurden jahrzehntelang akzeptiert. Schwierigkeiten bekam er dadurch nicht. Solange Herrscher ihren politischen Aufgaben nachkamen, wirtschaftlich haushielten, eine standesgemäße Frau zur Gemahlin nahmen und mit dieser einen Stammhalter zeugten, waren gleichgeschlechtliche Seitensprünge kein großes Problem.

Wie bei Friedrich II. von Preußen. Er war politisch, wirtschaftlich und vor allem militärisch so erfolgreich, dass man ihm sogar verzieh, mit seiner Ehefrau keinen Nachkommen zu zeugen. Die Thronfolge wurde kurzerhand auf die Geschwisterlinie verschoben. .

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