"Die Auflage ist Schwachsinn", sagen Martina und Matthias Brauner. Die Betreiber des Merzehofes verkaufen Bio-Fleisch. Die Rinder werden auf der Weide geschlachtet, danach erst zur weiteren Verarbeitung ins Schlachthaus gebracht. Doch mit einer Auflage des Kreises hat sich einiges geändert. Zum Nachteil, sagen die Brauners. Und: "Wir fühlen uns schikaniert. Der ganze Vorgang ist ein Paradebeispiel für Behördenwillkür."
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»Die Auflage ist Schwachsinn«, sagen Martina und Matthias Brauner. Die Betreiber des Merzehofes verkaufen Bio-Fleisch. Die Rinder werden auf der Weide geschlachtet, danach erst zur weiteren Verarbeitung ins Schlachthaus gebracht. Doch mit einer Auflage des Kreises hat sich einiges geändert. Zum Nachteil, sagen die Brauners. Und: »Wir fühlen uns schikaniert. Der ganze Vorgang ist ein Paradebeispiel für Behördenwillkür.«

Kontroverses Thema

Ranstädter Bauern sind verärgert: Neue Auflage macht Weideschlachtung schwierig

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Die Rinderhalter Brauner aus Dauernheim haben sich auf ihrem Bio-Hof für die Methode der Weideschlachtung entschieden - und waren damit zufrieden. Doch dann kam eine Auflage vom Kreis.

Die Bullen sind noch recht zutraulich. Wenn Martina und Matthias Brauner aus dem Auto steigen, trotten die ersten schon zum Zaun. Doch bei den weiblichen Rindern ist es anders. Als das Auto hält, schauen sie kurz, drehen sich um und laufen davon. »Das war früher nicht so«, sagt Martina Brauner. »Das hätte alles nicht sein müssen.«

Sie meint die seit November gültige Auflage des Wetteraukreises zur Weideschlachtung. Seit einigen Jahren wenden die Brauners auf ihrem Dauernheimer Bio-Hof die Methode des Weideschusses an. Doch mit der Auflage hat er sich verändert - zum Nachteil der Tiere, findet das Ehepaar.

Weideschlachtung ist eine Alternative zu herkömmlichen Methoden. Statt die Tiere zum Töten in einen Schlachthof zu bringen und sie in Stress und Angst zu versetzen, sterben sie in ihrem gewohnten Umfeld inmitten der Herde durch einen Kugelschuss.

Ranstadt: "Das Tier muss doch nicht wissen, dass es sterben wird"

Ein altes Video der Brauners zeigt, wie das vor sich ging: Christoph Wiegel, Jäger und Metzger, ist mit dem Gewehr auf dem Pick Up, hat die Herde und das zu schießende, aber noch fressende Tier im Blick, wartet auf den passenden Moment und drückt ab. Das Tier fällt um, die anderen schauen nur kurz.

Nun sieht das anders aus. Der Jäger darf ein Rind nur erschießen, wenn es sich in einem begrenzten Areal (max. 15 mal 15 Meter) befindet. Das, sagen die Brauners, widerspreche dem Zweck der Methode: Das Einpferchen löse bei den Tieren Angst und Stress aus. »Früher haben wir Möhrchen in eine Reihe gelegt«, sagt Martina Brauner. Die Rinder hätten vor dem Schuss friedlich nebeneinanderstehend gefressen. »Das Tier muss doch nicht wissen, dass es sterben muss.«

Ranstadt: Kreis begründet Maßnahme mit Tierschutz 

Bei jeder Schlachtung sei ein Amtstierarzt dabei. Und nie sei etwas schiefgegangen.

Dann kam die Auflage: Die ersten Male habe es geklappt, einen Teil der Herde in das umzäunte Areal zu locken. Doch sobald sie eingesperrt seien, würden sie unruhig, stellten sich alle in eine Ecke. Mittlerweile sei es kaum möglich, sie in das Areal zu locken. Eine Schlachtung musste abgebrochen werden, weil die Tiere panisch im Pferch herumgelaufen seien, sagt Matthias Brauner. »Damit haben wir unsere Tiere scheu gemacht. Wenn Du alle zwei Wochen mit so einem Mist kommst, verzeihen sie Dir das nicht.«

Begründet worden ist die Maßnahme vom Kreis mit dem Tierschutz. Seinerzeit hieß es in einer Pressemitteilung: Sollte es zu einem Fehlschuss kommen, »müsse der Zugriff auf das angeschossene Tier uneingeschränkt möglich sein, so die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz. Um einen sicheren Nachschuss zu ermöglichen«, müsse das Areal begrenzt sein. »Auch wenn dies einen erhöhten Aufwand bedeutet, sind die Tiere dennoch frühzeitig durch Anfüttern an den Bereich zu gewöhnen. Die Rinder werden somit auch nicht einer unnötigen Stresssituation ausgesetzt.«

Ob es je zu einem Fehlschuss im Wetteraukreis gekommen ist? Die Brauners sagen, ihnen ist kein Vorfall im Kreis bekannt.

Ranstadt: Was hat es mit den Fehlschüssen auf sich? 

Erste Kreisbeigeordnete und Gesundheitsdezernentin Stephanie Becker-Bösch sagt: Die Beteiligten hätten dazu keine Angaben gemacht. »Es kann, so die Aussage der Fachstellenleitung, aber nie ausgeschlossen werden, und es muss mit einer Quote von rund 18 bis 19 Prozent gerechnet werden.«

Eine Anfrage beim Wetteraukreis vor zwei Wochen (u.a. nach der Anzahl der Schüsse und einer Stellungnahme) ist unbeantwortet. Es werde mehr Zeit benötigt dafür, heißt es.

Jäger Wiegel sagt, ihm sei bei einer Weideschlachtung noch nie ein Schuss danebengegangen. Wie viele er schon ausgeführt hat? »200 bis 250.«

Das von manchen Befürwortern der Auflage genannte Szenario, bei einer großen Weide daneben zu schießen, und z.B. einen Spaziergänger zu treffen, hält er für absurd: Seit über 20 Jahren habe er einen Jagdschein. »Ich bin für jeden Schuss verantwortlich und würde keinen machen, der ein Risiko birgt. Ich bin da sehr pingelig.« Geschossen werde ohnehin nur von oben auf das Rind herab - der bewachsene Boden diene als Kugelfang.

Ranstadt: Auch der Entblutungsschnitt ist ein Problem 

Ein Problem sei nun auch der Entblutungsschnitt: Innerhalb von 60 Sekunden nach dem Schuss muss Wiegel die Hauptschlagader des Tiers aufschneiden. Im Gegensatz zu einer großen Weide, bei der die Tiere weggingen, sobald der Jäger komme, sei dies nun schwieriger.

Die Brauners haben Klage gegen die Auflage eingereicht. Andere Betroffene (»eine Handvoll«) hätten zudem ihre Einwände an den Kreis geschickt - »bisher kam keine Reaktion«.

Sollte die Auflage nicht zurückgenommen werden, sagt Martina Brauner, sehe sie keine Zukunft für ihr Konzept: »Für uns macht die Schlachtung unter den jetzigen Auflagen keinen Sinn. Das steht dem entgegen, was wir eigentlich bezwecken.«

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