Aus dem Freundeskreis des verstorbenen Schülers regt sich Widerstand gegen eine Instrumentalisierung seines gewaltsamen Todes durch die NPD.	FOTO: BF
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Aus dem Freundeskreis des verstorbenen Schülers regt sich Widerstand gegen eine Instrumentalisierung seines gewaltsamen Todes durch die NPD.

Tötungsdelikt in Ranstadt

Ranstadt: Mitschüler des getöteten 18-Jährigen empört über NPD-Aufruf zur Mahnwache

  • Rüdiger Geis
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Ein 18-Jähriger wird im Streit von einem 16-Jährigen niedergestochen und tödlich verletzt. Mitschüler sind empört darüber, dass die NPD die Tat für ihre Politik missbrauchen will.

  • Vergangene Woche wurde in Ranstadt (Wetterau) ein 18-Jähriger im Streit tödlich verletzt.
  • Seine Mitschüler waren schockiert, als die NPD ankündigte, eine „Mahnwache“ abhalten zu wollen.
  • Deshalb formten etwa 30 Mitschüler und weitere Demonstranten eine Gegendemonstration.

Ranstadt - Der tödliche Messerstich vergangene Woche an einer Schule in Ranstadt zieht weitere Kreise - auch außerhalb der Ermittlungen. Die NPD wollte gestern mit einer »Mahnwache« auf eine ihrer Meinung nach mit der Tat »zusammenhängende verfehlte Ausländerpolitik hinweisen«.

Dagegen wehren sich Mitschülerinnen und Mitschüler des Getöteten. Der Wetteraukreis hat die Kundgebung der Partei untersagt. Die legte am Montagabend Widerspruch gegen das Verbot beim Kreis ein und klagte vor dem Verwaltungsgericht Gießen. Das gab der NPD am Dienstagnachmittag Recht. Parteivertreter wurden dann allerdings nicht gesichtet.

Ranstadt: Mitschüler geschockt und empört über Aufruf

Zum Hintergrund: Nach einer tödlichen Messerattacke in Ranstadt ist der 16-jährige mutmaßliche Täter in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, am Mittwoch vergangener Woche im Bereich der Schule in Ranstadt einen 18-Jährigen mit einem Messer tödlich verletzt zu haben.

Die Staatsanwaltschaft Gießen weist darauf hin, dass der Migrationshintergrund des Tatverdächtigen, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat, nach bisherigen Erkenntnissen in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem Tathintergrund steht.

Bei den Mitschülerinnen und Mitschülern hat der Tod des 18-Jährigen große Betroffenheit ausgelöst, die Absicht der NPD für eine Mahnwache aber umso mehr Empörung. Der Tod des jungen Mannes habe alle sehr mitgenommen, berichtet eine Mitschülerin.

Ranstadt: »Er hätte das nicht gewollt«

Als man in der Whatsapp-Stufengruppe mitbekommen habe, dass die NPD über Instagram für den gestrigen Dienstagabend zu einer Mahnwache in Ranstadt aufgerufen habe, seien alle sehr schockiert gewesen.

Ihr verstorbener Mitschüler sei ein sehr netter Typ mit ökumenischen Wurzeln gewesen, sagt die 19-Jährige. »Der konnte mit diesen Ideologien nichts anfangen«, berichtet sie mit Blick auf die politische Ausrichtung der NPD. Und über deren Mahnwachenaufruf sagt sie: »Er hätte das nicht gewollt.«

Ranstadt: Mitschüler organisieren Gegendemonstration

Aus diesem Grund hat sich am Montag nach Bekanntwerden der Absicht des NPD-Bezirksverbands Wetterau-Kinzig auch schnell eine Gruppe von Initiatoren unter den Schülern für eine Gegendemonstration zusammengefunden, die nach eigenen Angaben auf rund 80 Mitstreiter bauen kann: »Damit unser Klassenkamerad gehört wird, weil wir nicht wollen, dass er von rechten Parteien instrumentalisiert und für solche Zwecke missbraucht wird«, erklärt die 19-Jährige.

Mit einer Plakataktion vor dem Ranstädter Rathaus machten die Mitschüler des getöteten 18-Jährigen gestern auf ihr Anliegen aufmerksam.

Ranstadt: Kreis untersagt Kundgebung zunächst

Der Wetteraukreis hatte die NPD-Kundgebung untersagt. Begründung: »Wir haben diese Veranstaltung verboten, weil die öffentliche Sicherheit und Ordnung bei der Durchführung der Versammlung unmittelbar gefährdet ist«, sagte Erste Kreisbeigeordnete Stephanie Becker-Bösch.

In der Begründung der Ablehnung heißt es, dass allein das Motto: »Migration tötet - Messerstecher konsequent abschieben!« gegen das Strafgesetzbuch (Volksverhetzung) verstoße. Mit dem Motto werde dem unbefangenen Betrachter der Eindruck vermittelt, alle Migranten seien Messerstecher.

Ein weiterer Punkt sei der Aufruf zur Teilnahme an der Demonstration über Facebook. Dieser sei Hunderte Male aufgerufen und mehrfach geteilt worden. Es sei deshalb davon auszugehen, dass hier mehr als die angemeldeten zehn Personen an der Versammlung teilnehmen würden, und es sei nicht auszuschließen, dass sich hierdurch eine Eigendynamik entwickle, welche die räumlichen Kapazitäten der Gemeinde Ranstadt überfordere, argumentiert der Kreis.

Ranstadt: Rund 130 Gegendemonstranten

Das sah das Verwaltungsgericht anders: Nach seinem Beschluss durfte die Veranstaltung von 17.30 Uhr bis 18.30 Uhr unter Auflagen stattfinden. Die Örtlichkeit verlegte das Gericht von der Hauptstraße an der Einmündung der Oberen Sackgasse auf den etwa 80 Meter entfernten Vorplatz der Gemeindeverwaltung. Grund hierfür sei der zwischen den Teilnehmenden einzuhaltende Mindestabstand von 1,5 Metern aufgrund der Corona-Pandemie.

Rund 30 Mitschüler des Getöteten und über 100 weitere Demonstranten zeigten vor Ort Präsenz um gegen die NPD zu demonstrieren, deren »Mahnwache« nicht stattfand.

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