Rätsel um zwei Tüten Marihuana

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Gießen/Friedberg(sax). Gänzlich unterschiedlich bewerten Staatsanwaltschaft und Verteidigung in ihren Plädoyers im Fall eines 22-jährigen Eritreers die Aussagen der Zeugen. Während die Staatsanwältin von "Märchengeschichten" spricht, bei denen "sich die Haare sträuben", sieht der Anwalt den Vorwurf, sein Mandant habe erhebliche Mengen Marihuana besessen, um damit zu handeln, widerlegt. Am Donnerstag soll das Urteil gesprochen werden.

"Zumindest einen Teil der Einlassung des Angeklagten konnte ein Zeuge am letzten Tag der Beweisaufnahme bestätigen. Ein Produzent von Musikvideos erklärte, der Angeklagte habe als Statist in Videos auch solche Waffen als Requisiten verwendet, die in seiner Wohnung gefunden wurden." Er freue sich, "wenn die eigeninitiativ sind und sich ein bisschen in diese Welt reindenken", erklärte er zum Engagement der Statisten, die unaufgefordert Gegenstände wie Baseballschläger zu den Drehtagen mitbringen. "Man zeigt dann so ein Paar Hochhäuser und ein Paar Jungs, die den Harten machen", beschrieb der Zeuge, wie in den Gangsta-Rap-Videos das Milieu inszeniert wird. Er räumte ein, "Man kann natürlich auch übers Ziel hinausschießen."

Ausdrücklich verneinte er die Frage, ob er den Angeklagten aufgefordert habe, bestimmte Requisiten anzuschaffen. Auch konnte er sich in seiner Aussage nicht daran erinnern, welche Gegenstände der Angeklagte bei den Videoaufnahmen dabeigehabt hatte und ob die in seiner Wohnung gefundenen Waffen darunter waren. Er verwies darauf, dass jedes Jahr zahlreiche Videos mit vielen Statisten produziert würden, sodass er sich an Einzelheiten nicht erinnere.

Auf Anregung des Vorsitzenden Richters Dr. Dominik Balzer beantragte die Staatsanwältin, einen großen Teil der Anklagepunkte fallen zu lassen. Diese betrafen auch den Vorwurf, er habe einen damals 15-Jährigen beauftragt, Drogen zu verkaufen und nachher Geld von dem Jungen erpresst. Das Gericht folgte dem Antrag, weil die hierfür zu erwartende Strafe angesichts des verbleibenden Vorwurfs, dass er mehr als 600 Gramm Marihuana besessen habe, um damit Handel zu treiben, nicht ins Gewicht fielen.

Waffen unter der Bettdecke

Dass die zwei Tüten, in denen die Drogen bei einer Wohnungsdurchsuchung gefunden wurden, nicht dem Angeklagten gehören, hält die Staatsanwältin nicht für glaubhaft. "Wie kommt dann die DNA-Spur an die Plastiktüten?" Dass sogar zwei Zeugen aussagten, sie seien Eigentümer der Tüten, auf die sie einen vorherigen Marihuana-Kauf in Frankfurt aufgeteilt hätten, entlaste den Angeklagten nicht; die Aussagen der Zeugen seien insgesamt "erstunken und erlogen". Schließlich hätten sie bei der polizeilichen Vernehmung noch nichts vom Drogenkauf erzählt. "Warum fällt das einem erst nach neun Monaten ein, wenn man weiß, der Freund sitzt in Untersuchungshaft?"

Überzeugt ist die Staatsanwältin auch, dass die Waffen in der Wohnung der "Absicherung der Rauschgiftgeschäfte" dienten. "Es mag sein, dass Sie diese Gegenstände als Requisite für den Videodreh beschafft haben. Aber es verwundert doch sehr, dass Sie die Machete und das Messer unter der Bettdecke lagerten." Obwohl der Angeklagte einschlägig vorbestraft ist, geht sie von einem minderschweren Fall aus; Marihuana sei eine weiche Droge. Sie beantragte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten. Dazu solle der Angeklagte 3500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen.

Der Verteidiger beantragte Freispruch für seinen Mandanten. Es gebe keinen Nachweis, dass er der Besitzer der Drogen sei und damit habe handeln wollen. Die Zeugen hätten "bestätigt, dass das Marihuana ihnen gehört", betonte er. "Dies allein schließt aus, dass es dem Angeklagten gehört." Die DNA-Spuren seines Mandanten an einer der Drogen-Tüten erklärte er damit, dass dieser die Tüte vorher benutzt habe. Auf ihr fanden sich auch DNA-Spuren und ein Fingerabdruck eines Zeugen.

Dass Waffen in unmittelbarer Nähe der Drogen aufbewahrt wurden, erklärte sich aus der Größe der Ein-Zimmer-Wohnung. "Egal wo diese Waffen gelegen hätten, sie wären immer in der Nähe von vermeintlichem Betäubungsmittel gewesen." Dass die Waffen als Requisiten benutzt worden seien, bewiesen auch die zahlreichen unterschiedlichen Fingerabdrücke auf ihnen. Der Verteidiger wies darauf hin, dass eine Softair-Pistole keine Waffe, sondern ein Spielzeug sei; in der Schreckschusspistole sei kein Magazin gewesen, die Machete sei stumpf.

Sollte das Gericht seinen Mandanten dennoch verurteilen, beantragte der Anwalt, eine Bewährungsstrafe zu verhängen. "Ich hoffe, es geht gut aus", erklärte sein Mandant in seinem Schlusswort.

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