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Der Preis der Freiheit

  • vonOliver Potengowski
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Es sind nicht die materiellen Sorgen, die den Büdinger Künstler Erol Baspinar in der Corona-Krise umtreiben. Es sind die Reisebeschränkungen. Er sitzt in der Türkei fest. Eine schwierige Situation für den Freigeist.

Wer Erol Baspinars Bilder betrachtet, ahnt, wie sehr die aktuellen Corona-Reisebeschränkungen den Künstler belasten. Es geht um persönliche Freiheit. Menschen, deren Beziehung, Irrwege und die Natur - das sind seine künstlerischen Themen und genau darin findet er auch Trost in diesen Zeiten.

Seit Mitte der 80er Jahre ist Baspinar ein ruheloser Wanderer. In Ostanatolien geboren liebt er die Weite der Landschaft und die Natur. Doch als alleinige Heimat oder gar Lebensmittelpunkt genügt ihm die Region nicht. Auch Büdingen, wo er seit seinem 16. Lebensjahr mit seinen Eltern lebt, ist ihm zu eng, obwohl er immer wieder nach Diebach zurückkehrt.

Immer ein Weltenbummler

Baspinar träumt nicht nur von der Freiheit, die immer wieder als Motiv unfreier Menschen in seinen Bildern auftaucht. Er lebt sie und ist bereit, dafür Opfer zu bringen. Mit 23 Jahren reist er für ein halbes Jahr nach Kalifornien und schlägt sich als Porträt- und Straßenmaler durch. Viele Jahre lebt er in Berlin, er arbeitet ein Vierteljahr in Basel. 1999 wird er zu einem viermonatigen Aufenthalt mit eigenem Atelier nach Paris eingeladen. Ein Jahr später zieht er nach Mallorca, wo er sich ebenfalls ein Atelier einrichtet.

Durch die Reisebeschränkungen in Zeiten der Corona-Pandemie nicht mehr von einem Kontinent zum andern wechseln, sich in verschiedenen Ländern künstlerische Inspirationen suchen, muss für einen Freigeist wie Baspinar besonders bedrückend sein. Denn die Vorschriften fesseln ihn derzeit an seinen Geburtsort Arapkir in der Türkei.

Es sind nicht die materiellen Sorgen, die ihn umtreiben: »Ich habe Geld«, sagt Baspinar. »Was nutzt mir Geld, wenn ich nicht malen kann?« Trost sucht und findet er in der Natur. »Ich mache Experimente, ich habe eine ganz herrliche Farbe entdeckt aus Nussschalen.« Natur und Menschen sind die bleibenden Themen seines Schaffens über inzwischen mehr als vier Jahrzehnte.

Ein Bild, es ist das Lieblingsgemälde seiner Schwester Altunsoy zeigt einen abstrahierten Männerkopf in verschiedenen Blautönen, der eine starke Aggressivität ausstrahlt. Unzählige Bilder verwahrt sie für ihren Bruder in Diebach. Er hat ein ambivalentes Verhältnis zu seinen Mitmenschen, das auch in deren genauer Beobachtung gründet. »Arbeiter im Bergwerk« ist der Titel einer auf das Jahr 1990 datierten Tuschezeichnung. Die Kollegen stehen hilflos um einen toten Bergmann herum. »Das hat mich damals betroffen, es betrifft mich immer noch«, erinnert sich Baspinar.

Seine Beschäftigung mit dem Thema geht aber über das Unglück, das den unmittelbar beteiligten Arbeitern widerfährt, hinaus. Baspinar spricht über die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, den Missbrauch und die Zerstörung. In diesem Kontext kann das Unglück auch als Rache der Natur interpretiert werden.

1993 bearbeitet er in der Hasenheide in Berlin abgeholzte Baumstämme und -Stümpfe bildhauerisch. »Sterbende Bäume« nennt er das Projekt. Es findet in Büdingen, wenn auch unter anderen Vorzeichen eine Fortsetzung.

Farben aus Nussschalen

Eine viele Hundert Jahre alte Ulme im Schlosspark ist vom Blitz niedergestreckt worden. 1994 beginnt Baspinar damit, sie zu bearbeiten. An dem Baumstumpf finden sich paarweise Löcher, die an Augen erinnern. Blätter ranken sich an der Rückseite in Erinnerung an früheres Leben hinauf. Dazu gesellen sich Vögel, die in Baspinars Werk als Symbole für Freiheit aber auch Verletzlichkeit stehen.

»Die Aufgabe des Künstlers ist es, das Erzeugnis mit der Gesellschaft zu teilen und den Menschen bei ihrer Identitätssuche zu helfen.« Deshalb prägt die Auseinandersetzung mit den Menschen und auch Verzweiflung über Irrwege Baspinars Werk. Er fragt sich, warum die Menschen trotz des Überflusses nicht glücklich werden.

Für sich hat er in der Landschaft um seine Geburtsstadt in der Türkei eine Antwort gefunden. »Ich habe so viele Blumen entdeckt, die habe ich noch nie gesehen«, gewinnt er den Monaten in Anatolien, die er nicht momentan selbst beenden kann, etwas Gutes ab. »Das ist der Reichtum, den ich gesucht habe.«

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