Pfarrerin Irina Vöge
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Pfarrerin Irina Vöge

ZUM NACHDENKEN

Perspektivwechsel

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Wie mutig muss man sein, wenn man sich filmen lässt und das Video veröffentlicht, sodass alle es sehen können? Manche finden vielleicht, dass das nichts Besonderes ist, weil sie digital sehr viel von sich preisgeben. Doch es gibt auch die, die Bilder von sich nur im privaten Bereich teilen. Ein Video ist eben etwas anderes, als sich live zu sehen. Es hält alles fest und zeigt es, man macht sich angreifbar und hat keinen Einfluss darauf, was damit geschieht. Genau diesen Schritt sind in den letzten Monaten viele trotzdem gegangen - auch und gerade in der Kirche. Es gab eine Vielzahl an Video-Gottesdiensten und Live-Andachten. Auch ich habe meinen Mut zusammengenommen und angefangen, mich selbst und andere zu filmen: beim Beten, beim Predigen, beim Singen. Es hat mich Überwindung gekostet, doch ich wollte auch diese Möglichkeit nutzen, um mit der Gemeinde und mit Gott in Kontakt zu bleiben.

In Psalm 113 steht: Lobt ihn, die ihr Dienst tut für Gott, lobt fröhlich seinen Namen. Der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz.

Diese Botschaft sollte trotz aller Beschränkungen die Menschen erreichen, und daher wurden viele mutig. Nicht live in der Kirche Gottesdienst zu feiern, war zu Beginn befremdlich, ich fühlte mich dieser Kamera etwas ausgeliefert. Sie hat mich teilnahmslos angeschaut, man könnte sagen: gnadenlos. Sie hat jede Falte und wirre Haarsträhne gezeigt, sie nahm jeden Versprecher und alle Unsicherheit auf. Ich sehe mich immer noch nicht gerne durch die Augen der Kamera, weil es mir schwerfällt, meine Unzulänglichkeiten auszuhalten. Doch ich spüre: Wir sind da und Gott ist da - das genügt, das ist auch Gottesdienst. Am Ende jedes Video-Gottesdienstes habe ich um Gottes Segen gebeten: Gott erhebe sein Angesicht auf uns und lasse sein Angesicht über uns leuchten.

Denn zum Glück gibt es Jemanden, der mich anders sieht, als ich mich selbst: kritisch, oft überkritisch! Dieser Jemand sieht zwar auch meine Falten, hört die Versprecher und merkt, wenn ich überfordert schaue. Aber er ist nicht gnadenlos, sondern gnadenvoll! Gott sieht mich so an, wie ich mich selbst nicht sehen kann. Für Gott bin ich wertvoll, trotz allem Unperfekten. Ich bin ansehnlich und das ist ein Segen für mich, denn es verändert auch meinen Blick: Du bekommst diesen Segen als Zeichen, dass Du genau hier richtig stehst. Manchmal fliegt mir so ein Segen einfach zu und manchmal ist er hart errungen, doch immer lässt er mich spüren: Du gehörst in diese Welt, genauso, wie Du bist. Hier an diesem Ort, in Gottes Drehbuch hinein.

Gott möge Sie in dieser Sommerzeit segnen und uns behüten, wo immer wir sind. Lassen Sie uns achtsam füreinander bleiben!

Irina Vöge

Pfarrerin in Massenheim

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