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Das Paradies vor der Haustür

  • vonInge Schneider
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Naturgärten und begrünte Häuser liegen im Trend - als Refugien für Pflanzen, Tiere und Mensch, als wichtiger Beitrag zur Artenvielfalt, als Wasser-Reservoir inmitten versiegelten Erdbodens. Die WZ hat ein solches "Paradies vor der Haustür" besucht, war zu Gast bei Rudi und Ingrid Nein in der Altstadt von Bad Nauheim.

Das Haus in der Bad Nauheimer Bornstraße gleicht einem Dornröschenschloss. Kein Wunder, denn es gehört Rudi Nein, mit Unterbrechung seit 1994 ehrenamtlicher Umweltbeauftragter der Stadt. Bad Nauheims "grünes Gewissen" engagiert sich, unterstützt von Ehefrau Ingrid, seit 43 Jahren für den Natur- und Artenschutz - lokal wie global.

Aus Wetzlar kommend, bezog der damals 20-jährige Rudi Nein 1964 eine kleine Wohnung in Bad Nauheim, wo er als Hotelfachkraft zunächst in Hilberts Parkhotel tätig war. Um Berufserfahrung zu sammeln, wechselte er ins Hotel Bayerischer Hof nach München, war Servicekraft auf einem Kreuzfahrtschiff und näherte sich über das Frankfurter Parkhotel wieder der Wetterau an, um zu Hilberts Parkhotel zurückzukehren. "Nicht jede Ehefrau hätte das mitgemacht", sagt Nein mit einem liebevollen Blick in Richtung seiner Gattin.

Das Paar hat jung geheiratet, zwei Töchter kamen zur Welt, heute erfreut man sich an vier Enkeln. Seit 14 Jahren leben die Neins in der Bornstraße. Das Haus stammt zu Teilen aus dem 17. Jahrhundert, gehörte zu einer Milchwirtschaft, beherbergte eine Strumpfflickerei und die Kneipe "Bobbeschänkelche". Noch heute kann man im winzigen, aber üppig begrünten Hof mit gemütlicher Sitzecke den Eingang und die Rampe zum Bierkeller des Gasthauses erkennen. "Vor uns wohnte unsere Vermieterfamilie hier, die das Haus auf einen modernen Stand gebracht haben."

Die Natur rund um Bad Nauheim war für ihn zunächst Ausgleich zum Beruf. "Hier konnte ich auf- und durchatmen." Er beobachtete Pflanzen und Tiere und begann zu verstehen, "wie kostbar und schützenswert all dies ist".

1989: Gründung der NABU-Gruppe

Helmut Fleißner von der Bad Nauheimer Vogelschutzgruppe bot Nein ein Forum, um von seinen Erlebnissen in Wald und Flur zu berichten. Doch das junge Team wollte mehr tun, aktiver sein. Gemeinsam mit Wolfgang Köhler und 27 Interessierten gründete er 1989 eine NABU-Gruppe. Bis 2011 war Nein als Vorsitzender und Stellvertreter aktiv, initiierte und pflegte gemeinsam mit vielen anderen Ehrenamtlichen schützenswerte Biotope und den Artenschutz.

Auf gute Zusammenarbeit mit der Stadt und den Naturschutzbehörden legte er großen Wert. So wurden ihm bald weitere Ehrenämter übertragen: Ortsvertrauensmann für Vogel und Naturschutz der Vogelwarte Frankfurt, vom Regierungspräsidium bestellter Gebietsbetreuers der Bad Nauheimer Schutzgebiete. 1994, an seinem 50. Geburtstag, wurde Nein vom damaligen Bürgermeister Peter Keller gefragt, ob er das Amt des ehrenamtlichen Umweltbeauftragten der Stadt übernehmen wolle. Nein sagte Ja. Noch heute lobt er die gute Zusammenarbeit mit der Politik und den Gremien des Staatsbades. Die kommunikative Einbindung der Menschen vor Ort in alle Belange von Natur und Umwelt ist Rudi Nein wichtig.

1989 rief Nein den Wettbewerb "Naturnaher Garten und begrünte Häuser" ins Leben, 2005 folgte "Das offene Gartentor". Gemeinsam mit Peter Heumüller und Hans-Martin Herrmann von der städtischen Grünflächenplanung sowie einer Jury organisierte Rudi Nein die Aktionen 30 Jahre lang. "Der ökologische Wert des Gartens war bei dem Wettbewerb das Maß aller Dinge", sagt er. "Der Verzicht auf Gifte in der Unkraut- und Schädlingsminimierung sowie auf Kunstdünger gehörte ebenso zu den Bewertungskriterien wie die Sorge um die Artenvielfalt in Flora und Fauna und das Besiedlungsangebot für Vögel, Insekten und Reptilien."

Die Gartentore bleiben offen

Der Umweltbeauftragte freut sich, dass sich nach seinem altersbedingten Rückzug mit den Gartenbesitzern Dr. Arnulf Simon und Freya Ruth zwei Vorreiter gefunden haben, welche die beliebte Veranstaltung "Das offene Gartentor" privat fortführen.

Im "Grünen Haus" von Rudi und Ingrid Nein schaffen Pflanzen fließende Übergänge zwischen drinnen und draußen, zwischen Boden- und Gesteinsritzen, den Hauswänden und der idyllischen Dachterrasse. Es gibt ein Insektenhotel und Nisthäuschen. "Platz für die Natur ist im kleinsten Hof", sagt Nein. Nachdem die beiden Töchter das Elternhaus verlassen hatten, hatte er mehr Zeit für globale Themen: Das Haus atmet heute internationale Weite. Im Auftrag der Aktionsgemeinschaft Artenschutz und ihres Gambacher Gründerehepaars Brigitte und Günther Peter sowie der Initiative "Rettet den Regenwald" des erst jüngst verstorbenen Hamburger Soziologen Reinhard Behrend war Rudi Nein mit seiner Frau immer wieder auch weltweit im Einsatz. "Keine Zeit für die Natur" - dieses Argument zieht bei ihm nicht. "Den Stadtbaum vor der Haustür kann jeder bewässern", unterstreicht er nachdrücklich. Und hält, gemeinsam mit seiner Frau Ingrid, seine eigene Gartentür stets offen für alle, die Rat in Sachen Natur-, Umwelt- und Artenschutz suchen.

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