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Das Paradies vor der Haustür

  • vonInge Schneider
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Naturgärten liegen im Trend - als Refugien für Pflanzen, Tier und Mensch, als wichtiger Beitrag zur Artenvielfalt, als Wasser-Reservoir inmitten versiegelten Erdbodens. Tanja Schnell hat in Ranstadt ein solches »Paradies vor der Haustür«.

Es regnet. Mal sanft, mal kräftiger, seit Stunden. Nicht die idealen Voraussetzungen für einen Fototermin - und doch das Beste für ihren Naturgarten, befindet Tanja Schnell. Sie kennt beide Seiten: die der Fotografin und die der Gärtnerin, die um die Bedeutung des Wassers für Flora und Fauna weiß.

»Platz zum Träumen« steht auf einem Schild über der Eingangspforte zu ihrem Paradies vor der Haustür. Und tatsächlich kommt der Besucher rasch ins Träumen, Staunen und Nachdenken, sobald er die 1600 Quadratmeter große Gartenwelt betreten hat. Auf verschlungenen Rasenwegen durchstreift man ein Areal mit insgesamt 101 heimischen Büschen (darunter viele beerentragende), mit Wildblumen und Kräutern, Teichen, Totholzstämmen und Steinhaufen für eine Vielzahl von Vögeln, Insekten, Kleinsäugern und Eidechsen; mit einer 19 Meter langen Totholzhecke, die gerade von grünem Geißblatt bedeckt wird, zwei Äckern mit Sonnenblumen und einem umzäumten Beet mit jungen Erdbeerpflanzen.

Mit der Verwirklichung ihres Gartentraums setzte sich die gebürtige Leidheckerin gegen die gärtnerischen Ordnungsprinzipien des Elternhauses durch. Heute erinnern nur noch die gemähten Gartenwege und die jährliche März-Mahd mit dem Balkenmäher an ihre Kindheit.

Als junge Frau legte Schnell das Thema Pflanzen zur Seite, entdeckte ihre Leidenschaft für Pferde, gründete gemeinsam mit Helmut Stelz vom örtlichen Lindenhof den Leidhecker Reit- und Fahrverein. Von 2001 bis 2014 lebte die kaufmännische Angestellte gemeinsam mit Ehemann Uli auf dem Reiterhof Bingenheimer Mühle, erwarb die Reitlehrer-C-Lizenz - und fing Feuer für die reiche Tier- und Pflanzenwelt des Bingenheimer Rieds. »2014 erfolgte unser Umzug nach Ranstadt«, sagt die heutige Gärtnerin, die bis dahin »keine einzige Pflanze in den Blumentopf gesetzt hatte.«

Beim NABU glaubte man ihr nicht

Womit sie allen Neulingen im Fach Naturgarten Mut machen möchte. »Es geht viel weniger ums ›Machen‹ als vielmehr ums ›Lassen‹«, erläutert Schnell, deren Paradies ebenso durchs Raster mondäner Gartenschauen fällt wie man ihr beim NABU Deutschland die bei der »Stunde der Gartenvögel« ermittelten Vogelzahlen und -arten nicht glauben wollte. »Was passiert, wenn man ein Stück Garten so gestaltet, dass die Natur ihr Leben dort weitgehend selbst regelt? Es funktioniert.«

Begonnen habe sie 2014 mit den beiden Blühmischungen »Blühende Landschaft« und »Blumenwiese« von Rieger und Hoffmann, berichtet Schnell. Die Sträuchervielfalt sei dank intensiver Beratung durch Angela Römer-Zeibig, Geschäftsführerin der Baumschule Rinn in Gießen, hinzugekommen.

So wuchs und gedieh das organische Ganze über die Jahre hin. Seltene Vogelarten lassen sich hier ebenso beobachten wie Fledermäuse am Abend, Schmetterlinge und Nachtfalter, die Schwarze Holzbiene, die Zaunrübensandbiene, der Trauerrosenkäfer, die Zauneindechse, sogar ein Hermelin. »Am meisten habe ich selbst im Garten und von ihm gelernt«, resümiert Tanja Schnell, die dringend empfiehlt, sich Begleitung bei den ersten Schritten zu holen - auch beim Umgang mit »sogenannten Schädlingen«, die den Vögeln schließlich als Nahrung dienten. »Es kommt darauf an, das kleine Stück Land seine eigene Balance finden zu lassen«, sagt Schnell.

Nach Absprache führt sie gern durch ihren Garten, berät, gibt im Frühjahr auch Pflanzen ab. Auch wer Vögel in Not findet, kann sich vertrauensvoll an sie wenden. Durch die Facebook-Gruppe »Wildvogelhilfe-Notfälle« ist sie deutschlandweit vernetzt, kennt Tierärzte und Wildvogelpäppler, die ehrenamtlich Vögel aufnehmen, großziehen und auswildern. Für diese sammelt sie auch gerne Spenden - unter anderem auch durch den Verkauf ihres Fotokalenders - denn die so dringend benötigten Insekten für die Aufzucht sind teuer.

Tanja Schnell auf Facebook: »Mein Naturgarten«, mit Filmen und Fotos. Sowie auf https://ranstadt.de/ - Natur und Freizeit, Ranstadt blüht auf

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