"Der Jahreswechsel kann für viele Menschen besonders schlimm sein", sagt Dr. Silke Engelbrecht. Besonders für jene, die diese Zeit mit vielen Freunden oder in Großfamilien feiern. Diese Umstellung könne dazu führen, dass viele Menschen sich einsam fühlen. FOTO: DPA
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"Der Jahreswechsel kann für viele Menschen besonders schlimm sein", sagt Dr. Silke Engelbrecht. Besonders für jene, die diese Zeit mit vielen Freunden oder in Großfamilien feiern. Diese Umstellung könne dazu führen, dass viele Menschen sich einsam fühlen. FOTO: DPA

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"Pandemie verstärkt Probleme"

Angst vor Kurzarbeit oder Jobverlust, "Lagerkoller" im Home-Office, Sorge vor einer Infektion: Die Corona-Pandemie kann auch Auswirkungen auf die Seele haben. Dr. Silke Engelbrecht, Oberärztin der Psychiatrischen Tagesklinik in Bad Vilbel, spricht über die Folgen für labile, aber auch gesunde Menschen - und gibt Tipps fürs Gesundbleiben.

Frau Dr. Engelbrecht, Sie sind Expertin für seelische Gesundheit, könnte man sagen. Müssen Sie aktuell trotzdem auch bewusst auf Ihre eigene seelische Gesundheit Acht geben?

Ja, das gilt für mich ebenso wie für alle anderen im Gesundheitswesen Tätigen. Auch wir müssen aktiv einen Ausgleich zur Gesunderhaltung schaffen und gut für uns sorgen. Diesen Ratschlag, gut für sich zu sorgen, gebe ich meinen Patientinnen und Patienten - und der gilt für mich genauso.

Wie kann dieses "gut für sich sorgen" konkret aussehen?

Bewegung an der frischen Luft ist immer eine gute Idee, das rate ich jedem. ›Kommen Sie in Bewegung‹, sage ich immer - wobei Bewegung nicht für jeden das Gleiche bedeutet. Für den einen ist die passende Form der Bewegung ein langer Spaziergang, für den anderen sind Entspannungstechniken eine gute Hilfe.

Corona verändert zweifelsohne das Miteinander. Inwiefern beobachten Sie das in der Klinik?

Wir arbeiten natürlich auch unter strengen Abstands- und Hygieneregeln. Sprich: Wir mussten Gruppen trennen und verkleinern, tragen aktuell ganztägig Masken und dürfen beispielsweise keine Tanztherapie oder gemeinsames Essen mehr anbieten. Das verändert natürlich das Miteinander. Am Beispiel der Masken wird das besonders deutlich: Nicht nur, dass sie im Alltag viele als Einschränkung empfinden, sie verändert auch die Mimik, weil plötzlich nur noch die Augen bleiben. Das macht die nonverbale Kommunikation deutlich schwieriger.

Machen Sie diese Beobachtung auch im Privaten?

Ich beobachte einerseits viele tolle Begegnungen, bei denen kreativ neue Wege gefunden werden, um in Kontakt zu bleiben. Aber ich höre auch von vielen sehr angespannten, besorgten Menschen.

Kann man also sagen, dass die Corona-Pandemie Menschen auch seelisch erkranken lässt? Werden Menschen "wegen Corona" depressiv?

Nein, das kann man so verkürzt nicht sagen. Corona kann immer nur ein Faktor von mehreren sein. Vereinfacht gesagt werden Menschen seelisch krank, wenn die krank machenden Faktoren die gesund machenden überwiegen. Beispielsweise kommen aktuell Paarprobleme im Home-Office als krank machender Faktor hinzu, gleichzeitig fallen die Gesundheit erhaltende Routinen wie Sport oder das Treffen von Freunden weg. Dann stimmt die Balance am Ende nicht mehr. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie verstärken aber durchaus bestehende Probleme. Gerade wenn Menschen von Kurzarbeit oder Jobverlust betroffen sind, kann sich das deutlich auf die psychische Gesundheit auswirken.

Lässt die Corona-Pandemie faktisch die Zahl der Depressionskranken steigen? Werden bei Ihnen aktuell mehr Menschen vorstellig?

Das ist schwer zu sagen. Immerhin zeigt sich auch in anderen Bereichen, etwa der Kardio- oder Onkologie, dass Patienten das Krankenhaus aktuell meiden. Leute bemühen sich mitunter später um Hilfe; daher lässt sich das so eindeutig zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Aber auch wir hatten im vergangenen Jahr neue Aufnahmen, ja.

Nun ist die Jahreszeit rund um die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel noch einmal eine besondere. Verstärken die Feiertage die Situation für labile Menschen?

Die Gefahr ist durchaus da, dass dieses Weihnachtsfest oder dieser Jahreswechsel für viele besonders schlimm ist. Nicht so sehr für unsere Patienten: Viele von ihnen haben keine große Familie oder auch in den letzten Jahren schon allein gefeiert, für sie ist es keine große Veränderung. Für Menschen aber, die sonst in der Großfamilie feiern, bringt 2020 sicher eine große Umstellung mit sich. Da kann man sich durchaus einsam fühlen.

Können Sie einen Rat geben, wenn sich das Gefühl der Einsamkeit breit macht?

Eine Idee ist, sich das eigene Umfeld genau anzuschauen: Gibt es Menschen, mit denen ich mich gezielt verabreden kann und möchte? Schon ein zehnminütiges Telefonat, zu dem man sich verabredet, kann - nicht zuletzt durch die Vorfreude - Trost spenden. Ist das nicht der Fall und ein Mensch fühlt sich wahrlich einsam oder sucht nach Hilfe, sollte sich an ein bestehendes Hilfesystem gewendet werden.

Die Bad Vilbeler Außenstelle der Klinik für Psychiatrie in Friedberg besteht seit April 2017. Die psychiatrische Tagesklinik in der Quellenstadt bietet 20 Plätze. Vornehmlich behandelt werden Depressions- und Angststörungen inklusive Posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS); Suchterkrankungen hingegen nur, wenn sie "Nebendiagnose" einer anderen Störung sind. Ziel tagesklinischer Behandlungskonzepte ist es, psychiatrisch erkrankten Menschen einen Übergang anzubieten zwischen ambulanter Psychotherapie und vollstationärer Behandlung. Im Frühjahr musste die Klinik kurzzeitig schließen; seit Ende Mai jedoch ist die Behandlung unter den geltenden Auflagen unterbrechungsfrei gesichert. Patienten können 24 Stunden am Tag Ansprechpartner kontaktieren, droht eine akute Krise. Menschen, die nicht in Behandlung sind, sich in diesen Tagen aber besonders einsam oder traurig fühlen, finden bei der Telefonseelsorge Hilfe: 08 00/1 11 02 21 oder -2 oder im Internet unter www.telefonseelsorge.de. jkö

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