Zurück aus Berlin: Oswin Veith ist seit Anfang des Jahres Ovag-Vorstand - und wegen Corona direkt als Krisenmanager gefordert worden. FOTO: SIGGI KLINGELHÖFER
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Zurück aus Berlin: Oswin Veith ist seit Anfang des Jahres Ovag-Vorstand - und wegen Corona direkt als Krisenmanager gefordert worden. FOTO: SIGGI KLINGELHÖFER

Mammut-Aufgabe Energiewende

Ovag-Vorstand Veith über Führung und Energiewende

  • Siegfried Klingelhöfer
    vonSiegfried Klingelhöfer
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Von der Hauptstadt in die Wetterau. Oswin Veith hat sein Bundestagsmandat aufgegeben, um Ovag-Vorstand zu werden. Bereut hat er den Wechsel nicht. Aber leicht ist die Aufgabe nicht.

Seit 1. Januar ist Oswin Veith Vorstand der Ovag. Gemeinsam mit Joachim Arnold steht er an der Spitze beim heimischen Energieversorger. Zeit, sich in Ruhe einzuarbeiten, hatte der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete kaum.

Am 22. März kam der Shutdown. Die Ovag gehört zu den Betrieben der kritischen Infrastruktur. Also nix mit Schließen und Rollläden runter. "Mit Erfahrung und Führung hat die Ovag nötige Maßnahmen eingeleitet", sagt Veith. Mit Erfolg? "Ja!" Keiner der rund 800 Mitarbeiter habe sich mit Corona infiziert. Und: "Wir hatten keinen Tropfen Wasserausfall und keine Sekunde Stromausfall. Das haben die Mitarbeiter in hervorragender Weise geschafft."

Führung. Ein zentrales Thema beim Reserveoffizier im Range eines Oberst. Anders als man erwarten könnte, ist es nicht der Kasernenhofton, mit dem Veith seinen Untergebenen die Richtung weist. Im Gegenteil. "Ich bin noch nie laut geworden. Wer laut werden muss, lässt sich gehen und zeigt, dass er im Vorfeld schon verloren hat", sagt der 59-Jährige. "Führen heißt nicht, dass sie alles selber machen. Sondern Sie müssen in der Lage sein, Mitarbeiter zu begeistern. Dazu muss das Feuer in Ihnen selbst brennen." Er bevorzuge das Prinzip der langen Leine. Er habe Vertrauen zu den Mitarbeitern, die "ihre Aufgaben kennen und beherrschen. Die wissen, wo der Schuh drückt, die Einfälle haben und die Zukunft mitgestalten möchten".

Zweifel an der Kompetenz und Vetternwirtschafts-Vorwürfe vom politischen Gegner - und dann die Corona-Krise. Der Start für Veith im Vorstand hätte geschmeidiger verlaufen können. Doch er wiegelt ab. "Das war, was den politischen Gegner angeht, absehbar. Diese Vorwürfe gab es schon bei den Kollegen Gnadl, Schwarz und Arnold." Dass die Ovag-Vorstände sich fast schon traditionell und meist abwechselnd aus Kreispolitikiern rekrutieren, findet Veith nicht nur unbedenklich, sondern richtig - und klug: "Es hat sich bewährt, dass kommunalpolitisch erfahrene Kräfte auch die Führung im kommunal beherrschten Unternehmen Ovag-Gruppe innehaben."

Die neue Aufgabe ist auch ohne solche Störgeräusche keine leichte. Ein Blick Richtung Zukunft zeigt das Dilemma. Atomstrom-Aus 2022, Kohle-Aus 2038. Zurzeit bezieht die Ovag rund drei Viertel des Stroms aus diesen Quellen. Windkraft kommt nicht voran. Wasserkraft spielt kaum eine Rolle. Doch ein Zurück zu konventioneller Energieerzeugung gebe es nicht. "Das kann man gutheißen oder nicht. Aber es ist so", sagt Veith, der damals im Bundestag bei den Beschlüssen brav die Hand gehoben hat. Jetzt muss er mit den Folgen hantieren.

Veith weiß, dass es viele kleine Rädchen sind, an denen gedreht werden muss - und dass das möglicherweise nicht reicht. "Wenn das so weitergeht, werden wir den Wert von 40 Prozent an Erzeugung erneuerbarer Energie nicht erreichen." Skeptisch ist er in Sachen E-Mobiliät. "Es wird weiterhin Verbrennungsmotoren geben müssen." E-Mobilität könne vielleicht ein Drittel ausmachen. Sein Favorit: Wasserstoff. Der sei interessant als Speicher und als Energieträger. "Hier hätten wir schon vor 15 Jahren mehr in Forschung und Entwicklung investieren sollen."

In dieser "Bundes"-Liga mischt Veith nun nicht mehr mit. Bei der Ovag kann er mit Vorstandskollege Joachim Arnold zumindest regional einiges gestalten. Die Zusammenarbeit mit dem Ex-Landrat sei tadellos. "Wir haben ein kollegiales Grundvertrauen", sagt Veith. So könnten sie zum Wohle des Unternehmens, der Bürger und der Eigentümer, die Kreise Wetterau, Vogelsberg, Gießen, zusammenarbeiten. Eine Stärke der Ovag sei, dass sie nie privatisiert worden sei. "Wir haben keine Hedgefonds und keine Aktienfonds hinter uns. Unser Eigentümer ist die kommunale Familie."

Apropos Familie: Seine eigene sieht Veith nach dem Abschied aus Berlin häufiger. Überhaupt hält sich der Wehmut des Bad Nauheimers in Grenzen. Berlin sei interessant gewesen. Lehrreich. Er habe viele Kontakte knüpfen können, es gab Treffen mit Potentaten, Ministern und zahlreichen Regierungschefs dieser Erde. Der Zusammenhalt in der Fraktion habe ihn beeindruckt. Und die Kanzlerin. "Ich war nicht immer nur glühener Verfechter jeder persönlicher Entscheidung, aber Angela Merkel in einer Fraktionssitzung zu erleben, sehr nüchtern und mit Sachwissen kenntnisreich die Fraktion informiert und damit beruhigt, das hat mich tief beeindruckt", sagt Veith.

Berlin vs. Wetterau. Alles hat seine Vorzüge, alles hat seine Zeit, sagt Veith. Aber Heimat ist Heimat. Dort sei alles vertraut. "Dort sind die Menschen, die ich seit meiner Geburt kenne." Dort ist die Famile. Die Frau, die Tochter. Und sein neuer Job. "Für mich gehört auch die Ovag zu meiner Heimat."

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