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Ouvertüre zu einer neuen Zeit

  • VonHanna von Prosch
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Es fing 1977 auf einem Kölner Flohmarkt an: Der Student Manfred Geisler stand verzückt vor einem Spiegel mit Seerosenfries. Das wurde das erste Stück in seiner heute rund 2500 Objekte und Papierarbeiten umfassenden Jugendstil-Sammlung. Den ersten Teil mit Keramik, Fliesen und Porzellan präsentiert das Jugendstilforum Bad Nauheim ab Sonntag der Öffentlichkeit.

Es war ein Schicksalswink, dass Manfred Geisler beim Geburtstag eines Freundes 2019 auf Bad Nauheim und seinen Jugendstil aufmerksam wurde. Es folgten: ein kurzer Besuch, lange Telefonate und eine vielversprechende Kooperation. »Den Baulärm an den Badehäusern im Sprudelhof vergisst man schnell angesichts der Schönheit der Exponate«, bemerkte Bürgermeister Klaus Kreß bei der Vorabschau in Badehaus 3. Kuratorin Hiltrud Hölzinger und der Vorsitzende der Stiftung Sprudelhof, Frank Thielmann, sind sehr dankbar, dass trotz der allgemein schwierigen Zeiten nun diese bemerkenswerte Ausstellung eröffnet werden kann.

Es ist eine Ouvertüre und sie trägt den Titel »Tendenz einer neuen Zeit«. In mehreren Akten will Manfred Geisler die nur rund 40 Jahre währende Epoche zwischen Jugendstil, Art Déco und Bauhaus bespielen. Er beginnt mit der Zeitschiene 1900 bis 1910, also auch die Zeit in der das Badehaus 3 entstand. Inmitten der gefliesten Wände und der floralen Fenster, der Zierbrunnen und des Schmuckhofs, die Badezellen einbezogen, fügen sich die rund 100 Exponate authentisch ein zu einem Gesamtkunstwerk.

Es ist wie eine kleine Offenbarung für Jugendstilliebhaber, von einem Raum zum anderen zu wandern und die gerahmten Bildfliesen von Carl Sigmund Luber, die in Form und Blütenbemalung variierenden Vasen aus den skandinavischen Manufakturen oder die anmutigen Porzellanskulpturen zu betrachten. Immer wieder haben die Künstler Blumen, Blüten, Blätter und Ranken stilisiert nicht nur in Pastell, was vorzugsweise durch die Unterglasurmalerei zustande kam, sondern auch in kräftigen Rot-, Grün- und Blautönen aus der Kunsttöpferei Tonwerke Kandern von Max Laeuger. Den hessischen Bezug wählte Geisler mit Objekten aus Wächtersbach und Darmstadt. Christian Neureuther etwa, wandte sich um 1906 geometrischen Formen auf Tabletts zu. Die »Christiansenrose« auf einer Tortenplatte zeigt betont malerische Komponenten. Bekannt sind die Gebrauchsstücke wie Teekanne, Vorratsdosen und Küchenutensilien mit abstraktem Dekor von Joseph Maria Olbrich.

Auf ihre dekorative Weise bestechen die kunstvoll mit Messing verzierten Vasen und Übertöpfe (Cachepot) ebenfalls von Luber aus der Nürnberger Werkstatt Schwarz. Insbesondere die Baukeramik, dekorative Fliesenbilder aus der Großherzoglichen Keramischen Manufaktur Darmstadt unter der Leitung von Jakob Julius Scharvogel, der zeitweise in München wirkte, hinterließ auch in Bad Nauheim tiefe Spuren. Eine Spezialität des betont dekorativen Jugendstils sind die Darstellungen von Frauen, meist im Profil, auf Ziertellern, als Wandschmuck oder als Gebrauchskeramik. Oft nicht im Jugendstil vermutet wird die undekorierte Gefäßkeramik, bei der die Glasuren eine wichtige Rolle spielen.

»Die Zeit um 1900 ist eine spannende Epoche«, weiß Geisler zu berichten. »Explosionsartig entstand in ganz Europa eine unglaubliche Kreativität, wie es sie in der Gründerzeit vorher nicht gab. Die Lust am Dekor war überall zu spüren. Die in München erschienene Wochenzeitschrift »Die Jugend« gab dem neuen Stil schließlich den Namen.«

Die Ausstellung macht Lust: Man will mehr sehen, mehr erfahren über die Ausprägungen, über die Künstler, das Handwerk, die Manufakturen, die Besonderheiten. Und man will sich ergötzen an der Schönheit der Exponate.

So sollte abschließend der Weg in die liebevoll gestaltete Kabinettausstellung »Das Bad ist angerichtet« führen mit zauberhaften Flacons, Badegeschirr und Toilettenartikeln.

Die Sammlung Geisler ist in dieser Fülle zum ersten Mal zu sehen. Damit rückt Bad Nauheim erneut in den Fokus des Jugendstils und das als Verein betriebene Jugendstilforum bekommt die Chance besonderer Aufmerksamkeit.

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