Wo die wilden Kerle wohnen

Ortenberg (epd). In vielen Regionen Deutschlands ziehen wieder Wildpferde durch Wälder und über Wiesen: Die Tiere sollen in Naturschutzgebieten harte Gräser und Büsche fressen und damit die Landschaft erhalten. Auch bei Effolderbach lebt eine kleine Gruppe der Rasse Konik. Die Tiere sollen zum Erhalt des Auengebietes beitragen.

Burkhard Olberts pfeift ein paar Mal, und das Wildpferd nähert sich dem Elektrozaun, die puscheligen Ohren neugierig nach vorn gerichtet. Wild sieht es nicht gerade aus. Doch das Pony der Rasse Konik lebt das ganze Jahr über auf einer 22 Hektar großen Fläche, einem Naturschutzgebiet. Dort soll es harte Gräser, Sträucher und nachwachsende Bäume fressen, um das Auengebiet am Flüsschen Nidder zu erhalten.

Die Gruppe gehört dem Naturschutzfonds Wetterau, Olberts ist der Geschäftsführer. Zu der kleinen Wildherde gehören zwei Konik-Stuten mit ihren Fohlen sowie 30 Heckrinder, erzählt Olberts.

Beide – Rinder und Pferde – ähneln ursprünglich in Europa heimischen Wildtieren. Die Koniks sind graubraun, auf dem Rücken ein schwarzer Strich, an den Beinen zebraähnliche Streifen. Seit einem Jahr leben sie auf der eingezäunten Wild-Weide.

Im Winter bringt ein Landwirt große Ballen Heu auf die Wiese, im Sommer reicht das, was wächst. Zum Schutz vor Seuchen werden die Tiere einmal im Jahr geimpft, die Heckrinder tragen Ohrmarken und gelten als Haustiere. Täglich schaut der Landwirt nach der Herde.

Olberts lässt den Blick über das Gelände schweifen: eine typische Wetterau-Landschaft mit Bächen, kleinen Wäldchen, Hecken, Wiesen, die teilweise unter Wasser stehen. "Früher gab es in Europa Wildpferde, Auerochsen, Hirsche, Elche und Biber, die die Landschaft waldfrei hielten", sagt Olberts. Später ließen die Bauern der umliegenden Dörfer ihre Tiere auf den Feuchtwiesen weiden und mähten das Gras mit der Sense.

Die modernen landwirtschaftlichen Geräte aber wiegen Tonnen, sind viel zu schwer für das Gelände. "Es gab immer wieder Probleme, diese Landschaft zu pflegen: zu feucht, zu schlecht zu mähen", sagt der Agrarwissenschaftler. Wenn die Flächen verbuschen, verlieren aber Tierarten wie Kiebitz, Weißstorch, Wachtel oder Laubfrosch ihre Lebensgrundlage.

Weil es so schwierig ist, solche offenen Landschaften zu erhalten, gibt es in ganz Deutschland immer mehr Wildpferd-Projekte, oft in Kombination mit Heckrindern. Allein in der Wetterau lebt eine weitere Herde Exmoor-Ponys. Bei Hanau stehen Przewalski-Wildpferde. Sie gelten als einzige überlebende reine Wildpferdeart und wurden Ende des 19. Jahrhunderts in der Mongolei entdeckt. Diese Pferde sollen demnächst auch auf einem ehemaligen Bundeswehr-Depot bei Gießen ein Naturschutzgebiet pflegen.

In Deutschland werden derzeit auf einer Gesamtfläche von rund 7000 Hektar Wildpferde zur Landschaftspflege eingesetzt, sagt Michael Steven, Experte beim Naturschutzbund NABU für "Weidelandschaften und Neue Wildnis". "Wenn man in Schutzgebieten die Flächen einfach liegen lässt, beschleunigt das den Artenrückgang nur", erklärt Steven. Der Fachmann betreut mit dem NABU in Ostfriesland drei Projekte mit Wildpferden und Rindern. Er sei selbst überrascht gewesen vom Erfolg: "Es ist erstaunlich, wie viele Arten sich wieder einfinden."

Wildpferde lebten einst in ganz Europa. Schon in der Steinzeit begannen Menschen, Pferde zu domestizieren. In Mitteleuropa waren nach Auskunft von Steven Waldtarpane heimisch, die nach Ostpolen zurückgedrängt wurden und sich mit polnischen Bauernpferden mischten. "Darauf gehen die heutigen Koniks zurück."

Das Wildpferd-Projekt bei Effolderbach liegt an einem vielbefahrenen Radweg, der hinauf in den Vogelsberg führt. Oft riefen Leute bei ihm an, weil sie sich bei Schnee, Eis, Regen oder Hitze um die Tiere sorgten, erzählt ein zufällig vorbeikommender Landwirt. "Die Tiere würden sterben, wenn sie jetzt in einen Stall kämen", gibt Olberts zurück.

Von einer Aussichtshütte aus können Besucher über das Gebiet blicken, vor sich auf einer langen Infotafel sehen sie Vögel, die eine Auenlandschaft bewohnen: Graureiher, die gesprenkelte Knäkente oder der Kampfläufer mit seinen langen Federn. Die Wildpferde stehen dicht beisammen und fressen. Hinten auf der Wiese wärmen sich zwei Schwäne und einige Graugänse in der Morgensonne. "Es ist ein Blick in die Vergangenheit", sagt Olberts: "So haben wir früher gelebt."

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